Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 46 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Nr. 46 Sette 746 Dr. BkMH'S Wüchenschirrst uMfatzt. Unter allen Völkern, die heute auf der Erde Men, haben wir die älteste Geschichte, unter allen Völkern haben wir das furchtbarste an Unglück erduldet, das bitterste an Unrecht erlitten, und' wir sind nicht erlahmt/ Unglück zu lindern und Unrecht zu bekämpfen. Parlamentarischer Vertreter des jüdischen Nationalrates für Oesterreich: Dr. Benno Strauch er w. p. Aus der Woche. Eine unerhörte Betze. Die „Arbeiter-Zeitung" hat einen Artikel veröffentlicht!mit der Aufforderung, die Dynastie solle auswandern. Dieser Artikel ist von Karl Leuthner gezeichnet. also von einem- Sozialdemokraten deutschen Einschlags. Man Mäg Mer den Artikel denken wie man will, aber kein normales' Gehirn wird wohl auf den Einfall koMMen. daß die Ostjuden damit etwas zu tun haben. Diese Verbindung hat erst die „Reichshost" heraestellt, die zur Antwort auf den ihr unerwünschten Antrag einen Matzlosen H'etzartikel gegen die jüdischen KriegSfküchtlinge loslatzt. Unk dipse Gemeinheit der ..Festschriftleute" und ihre Auffassung' von Freiheit und Völkerfrieden höher zu hangen, veröffentlichen wir sie in nach^ stehendein' wörtlich. Die „Reichspost" schreibt: - „Die Dynastie soll aus wandern!" So befiehlt es die offiziös gewordene „Arbeiter- Zeitung" in ihreM gestrigen Leitartikel dem' „Karl von Lothringen, der noch NS vor kurzem das Geschäft der avostolischen Majestät betrieb". Nach einer spaltenlangen SLimvferei. die offenbar den Zweck verfolgt, das Publikum' der „Arbeiter-Zeitung" den leidenschaftlichen KaMvf Karl Leuthners — denn er ist es, der jetzt der Dynastie den Fehdehandschuh hinwirft — gegen die ..hritomänen Westler" vergessen zu machen, kommt der Aufsatz zum' Schlüsse: „Wir Müssen die Lothringer aus unseren Grenzen ein für älleMal auSweisen. . . und der monarchische Alp unserer TräuMe wird weichen. . . Auch keinen Besitz darf die Dynastie im' Lande behalten." Der „Monarchische Alp" in den Träumen der Provisorischen,ex 1911! Oder noch genauer: In den Träumen dery3ugereisten aus dem Osten! Sie sind sich ihrer Sache nicht ganz sicher, ddnn der Kaiser hat die Entscheidung Mer die künftige Staatsform! dem Volke überlassen. Und gerade deM Volke scheint der Klüngel aM allerwenigsten eu trauen. Daher „müssen wir" — wer denn, wenn nicht >daS Volk? — -.„eine Tat fetzen", befiehlt daS sozialdenkokratische Regierungsblatt. . f . ■ ' ■!!: : 'L 7 ' . ' Sechshundertfünfzig Jahre sitzt das urdeutsche Geschlecht der Habsburger in Oesterreich! und in Wien. Erst in den letzten IahrZehnten. besonders aber während des Krieges sind andere „Dynastien" grvtz geworden iM Lande. Die vordeM kleine Schacherer mit Katzenfellen gewesen, sind, schmarotzend an der Kriegskonjunttur und an der bureaukratischen Schandwirtschaft. zu schwindelhaften ReichtüNkern gelangt. Sie träumen von republikanischen Morgan- und Rockefeller-Möglichkeiten. von Alleinherrschaft Mer das ausgeplünderte bodenständige Volk! Und da ist ihnen die angestammte Dynastie im' Wege. Also.» hinaus mit ihr! * ' Eigentlich haben die neuen Herrschaften recht. Wir haben es voranSaefaat. datz es noch so kommen wird, wenn Man fortfährt, die Scharey aus dem' Osten hereinzulassen und sich hier am' Mark deS Volkes , toll und voll zu saugen. Es ist nur eine besondere Gnade, daß sie vorerst bloß der Dynastie und nicht allen bodeirständigen FaMilien, die noch etwas besitzen und noch nicht versklavt sind, das Auswandern schaffen. Der Befehl zur Geil eralauSwanderung wird übrigens nicht lange auf sich warten lassen. Mas haben wir Wiener, wir Riederösterreicher. Oberösterreicher. Kärntner. Steiermärker/ Salzburger. Tiroler, Deutschböhmen auf der Scholle unserer Väter noch zu suchen, die jetzt den neuen Herrschaften, den Kriegsgewinnlern, den Zugereisten, den Beute- Mächern und. Schmarotzern gehört! Was hüben sich denn die Bodenständigen die Zugereisten über den Kopf wachsen lassen!' Aber wir leben, wie Man sagt, in einem „Freistaat"/ wo das Volt der Herr ist, wo der Wille des Volkes entscheidet. Dckn' Befehl eines' Regierungsblattes mag schrecklich viel Autorität LukoMmen, aber die Autorität des Volkswillens dürfte doch darüber gehen. Es gibt kein Scherbengericht 'ohne Volksabstimmung! Und nachdem die Frage vom Auswandern und von der Landesverweisung aufgeworfen ist, so sei die Entscheidung des Volkes darilber angerufen. Das Volk soll darüber entscheiden, w e r auswandern soll: DaS deutsche Geschlecht der Habsburger,. das seit Mehr als 650 Jahren in Oesterreich und Wien ansässig ist. oder die Zugereisten aus dem' Osten, die!es vergangen? - Die kaiserliche FaMilie oder die Wuchierjuden, die das Volk bis auf die Haut ausgeplündert haben? Die NachkoMMen eines Rudolf von Habsburg, eines Maximilian, des letzten Ritters, einer Maria Theresia, denen Wien seine. Grütze., stiye ^HerrlWeit; uyd Hinßn weltgeschichtlichen Ruhm' dankt/ oder die Genossen der „fünf Frankfurter" und die ganzen übrigen Parasiten, deren Matz lose Raffgier das Volk während der Kriegs'jahre aM Merke sehen hat? Die Frage der Landesverweisung ist — nicht durch uns! — aufgerollt, das Volk Möge sie in freier Abstimmung entscheiden. DaS gesamte Volk, wie es sich in einem' Volksstaate geziemt." * Kann Man sich eine "schamlosere Gemeinheit des Organs der Klerikalen und Feudalen vorstellen? Der Anhang der „Reichspost", welche sich! für ihre Kriegshetze Mit Subventionen hat bezahlen lasten, besteht aus den grössten LüMpen dieses' Krieges, den Agrariern, Mesche den Krieo erst in schrankenloser Vermessenheit beraufb'eschworen haben. uM dann das ausgeplünderte Volk barbarisch zu verhöhnen. Nicht einMal Getreide angebaut haben sie. uM nicht zum' HöchstvreiS liefern zu Müssen. Wer waren die grötzten und Meisten KriegSgewinner. wer ist mit Banknoten vollgestovfi? Die Agrarier. Wer bat in eineM Leitartikel nach dem anderen iM Jahre 1914 den Krieg verlangt? Die ..Reichspost". Und diese schmutzige Sippschaft wirst sich jetzt Mit Berserkerwut auf die jüdischen KriegSstÜchtlinge. von denen wohl viele zuM lebhaften Verdruß aller anständigen Juden das christlichsoziale Beispiel der Agrarier, der Marktleute, der Wirte, der Schneider, der Greisler nachgeahmt haben, von denen jedoch die Meisten noch heute, nach vier Jäheren. iM tiefsten Elend in Barackenlagern leben. Der von der „ReichSpost" und deren Gesmnungsgenossen heraufbeschworene Krieg bat die Wohnstätten der Ostjuden zerstaMpft und sie haben sich aus' dem Granatenfeuer in wochenlanger Wanderung flüchten müssen, ihre sterbendey Kinder aM elenden, offenen Wägen. Inzwischen haben sich die Gesinnungsgenossen der „Rstchspost" schamlos