Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 46 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. ^6 Seite 745 Tr. Bloch's Wocheuschrrft Inf Wege der niederländischen Gesandtschaft, ist im Namen des Mischen Nationalrates folgende Bittschrift des früheren Abgeordneten Dr. Straucher an den amerikanischen Präsidenten gesendet morden: Herr Präsident! Die Botschaften, die seit Jahr und Tag non Washington aus an die aufhorchende Welt ergingen, haben der bedrängten Menschheit eine sittliche Hebung der Politik verheißen. Als die Vereinigten Staaten sich veranlaßt sahen, in den VölkerkaMpf einzutreten, erklärten Sie, Herr Präsident, mit einer Bestimmtheit, die jeden Zweifel ausschließt, daß Sie diesen Krieg niHt geg,en die Völker der Mittelmächte führen, sondern lediglich gegen dir Machthaber, gegen das imperialistische System, gegen den Militarismus. Die bisherigen Machthaber sind ausnahmslos zurückgetreten, das imperialistische System ist zusammengebrochen, der Militarismus entwurzelt,mnd auf dem Gebiet der Mittelmächte gibt es jetzt nur wehrlose, durch furchtbaren Blutverlust -erschöpfte, durch Hunger verzweifelte Völker. % s Insbesondere die Völker der bisherigen österreichischen Monarchie können heute nicht, mehr als Kriegsgegner angesehen werden. Selbst die blindeste Gehässigkeit wäre unfähig, die Tatsache zu leugnen, daß in diesen Völkern keinerlei Kampfeswille, keinerlei Feindseligkeit mehr vorhanden ist. Sie haben sich geweigert, weiter zu kämpfen, haben sich entwaffnet und entwaffnen lassen, haben sich unter Leitung f r e i g e w ä h lter, demokratischer Negierungen begeben, und jetzt, da alle jene Faktoren beseitigt sind, die, nach den Worten des Herrn Präsidenten der Vereinigten Staaten, einer versöhnlichen Politik hindernd im Wege standen, erwarten' sie, daß der 'Präsident der Vereinigten Staaten seine großherzigen Grundsätze an ihnen erfülle, die in so vielen Botschaften so feierlich verheißene freie und gerechte Menschlichkeit an ihnen bewähre. Wir Angehörige des jüdischer: Volkes, die wir in der bisherigen österreichischen Monarchie leben, wenden uns an Sie, Herr Präsident, mit der Bitte, diese V aller nicht eine Stunde länger warten zu lassen. Wir haben in Not und Tod das Schicksal der Völker, in deren Mitte wir leben, mit opferfreudiger Treue geteilt. Mit opferfreudiger Treue teilen wir das Schicksal dieser Völker auch fernerhin bis ans Ende. Wir haben , unser Blut auf so vielen Schlachtfeldern gemeinsam mit diesen Völkern vergossen, haben in so vielen Werkstätten der Kultur gemeinsam mit diesen Völkern gearbeitet. Und wir erheben jetzt unsere Stimme zu Ihnen, Herr Präsident, in der festen Ueberzeugung, daß die Katastrophe der Anarchie, von der diese Völker unmittelbar bedroht sind, nicht in Ihrem Willen gelegen sein kann. Nach Ihrer Verheißung, Herr Präsident, soll dieser Krieg in Freiheit und Versöhnung enden. Wenn aber nicht sofort Hilfe geleistet wird, droht dieser Krieg, über all seine bisherigen Greuel moch weit hinro e g, für die österreichischen Völker in ein e n t s etz li ch e s B l u tb a d auszuarten. Die verschiedenen und in ihren gegenseitigen Ansprüchen jetzt miteinander abrechnenden Nationalitäten Oesterreichs sind, nicht-zuletzt durch äußere Einwirkung, gegeneinander lvsgelassen. Die Regulierung ihrer territorialen Grenzen, die Erfüllung und Anerkennung ihrer Rechte, die in friedlich geordnetem Einvernehmen vollzogen werden müßte, erfolgt jetzt in Formen, die alle Zugänge zu -einer möglichen und -wirklichen Versöhnung verschütten. Zu der Lu tz er e n D l o ckade gesellt sich gerade im Augenblick der höchsten Not auch noch eine Reihe innerer Blockade n. Nur ein. unbedingter Vernich- Lungswille, von der Art, wie Sie, Herr Präsident, ihn nach ihren eigenen Worten verabscheuen, kann jetzt noch zögern und abwarten. bis der furchtbarste aller Kriege, der 'Bürgerkrieg, diese Völker ins Verderben reißt. Nur jener unbedingte Vernichtungswille, als dessen Gegner Sie, Herr Präsident, von der Welt verehrt werden, kann dieses zusammengestürzte Reich, kann diesen Knäuel von unglücklichen Völkern noch länger in der Umklammerung der Hungerblockade halten und sich an den letzten. Todeszuckungen einer im Stich gelassenen Menschheit'weiden. Die Völler dieser Gebiete haben sich dem eigenen, inneren und unter der furchtbaren Lehre des Krieges gereiften Drange folgend, befreit, und haben ihr SelbstbestiMmungsrrcht geübt. Aber der stärkste, der ermutigende Anstoß zu solcher Tat ist von Ihnen, Herr Präsident, ausgegangen. Ihre Worte, Herr Präsident, haben hier sine ungeheure Werbekraft geübt. Im Vertrauen auf Ihre Gerechtigkeit, auf Ihre Friedensliebe und auf Ihre Menschlichkeit, im Vertrauen auf Ihr demokratisches Programm ist hier geschehen, was hier geschah. Wenn aber diese Völker so lange allein und ohne Hilfe gelassen werden, daß inzwischen der. Ausbruch der mörderischen Anarchie die Zerstörung, die der Krieg verursacht, .bis. zum letzten Best vollendet, wenn der bedingungslosen Kapitulation gegenüber, die bereits erfolgt ist, die zögernde, immer wieder hinausschiebende Art der Verhandlung keiner Hoffnung auf versöhnliches Entgegenkommen Raunr gibt, wenn der Anschein entsteht, als sei es Mit all dem' Zaudern darauf abgesehen, den Böllern dieses .Landes nicht eher Frieden und Brothilfe zu gewähren, als bis sie durch innere Känkpfe total vernichtet, durch die unumschränkte Gewalt des Siegers gänzlich medergetrsten.sind, dann wird das Vertrauen in die so oft proklamierte Freiheit einen Stoß erhalten, der für die Entwicklung der Dinge verhängnisvoll werden kann. In diesem Augenblick, in welchem ein Waffenstillstand angenommen werden mußte, der den. Alliierten alle Sicherheiten gewährleistet, in welchem aber -auch allmählich ein Eindruck entsteht, als solle nicht die Politik des künftigen Völlsrbundss, sondern die rücksichtsloseste Eroberungspolitik obwalten, m diesem furchtbaren Augenblick wenden wir uns an Sie, Herr Präsident, mit der Bitte: Lassen Sie die Friedensverhcmdlnn gen unverzüglich beginnen. Lassen Sie die' Hungerblockade, die sich heute nur nvH gegen ein wehrloses Voll richtet, nicht eins Stunde länger dauern. Geben Sie unglücklichen Böllern, die Ihnen vertrauen, ohne weiteres Zaudern, die Möglichkeit, ihre gegenseitigen Angelegenheiten in Sicherheit und Ordyung zu schlichten, ihr zerstörtes Haus in Ruhe aufzubauen. - Verhüten Sie durch sofortiges, verhandlungsmäßigss und „hilfreiches Eingreifen, daß ein Bürgerkrieg ausbricht. Verhüten Sie, daß nicht vor . der Schwelle des Friedens, im letzten Moment, nochmals das -Blut unschuldiger Menschen vergossen werde. Geben Sie hungernden Frauen, Kindern und Kranken Brot, und erwägen Sie. daß der IamMer ungezählter Menschen, nach Ihren Worten, Herr Präsident, nunmehr von Ihrer Tatkraft Rettung erwartet. Wir -richten diese Bitte an Sie. -Herr Präsident, im Vertrauen auf Ihre Weisheit, auf Ihre Menschenliebe, auf Ihren Friedenswillen und auf die Lauterkeit Ihres Wortes. And wir richten diese Bitte an Sie, Herr Präsident, getreu den Satzungen unseres Glaubens. Wir folgen dabei der Stimme unseres uralten Blutes, folgen den Traditionen unserer Geschichte, die sechs Jahrtausende