Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 46 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Nr. 46 Seite 744 Dk. Btoch'S .. . eine Plünderung an bestimmten Inden vorzunehmen, und daß eine Liste zusammengestellt wurde, wer geplündert werden soll. .Dies erfuhr der Soldatenrat, sandte einigen dieser Rädelsführer Vorladungen und erklärte denselben kategorisch, daß wenn in Karlsbad in absehbarer Zeit Plünderungen, gleichviel ob bei Juden oder Christen Vorkommen, nicht nur das Vermögen dieser .Personen als Rädelsführer beschlagnahmt und zur Gutmachung des Schadens vertvendet werden würde, sondern daß man die betreffenden Personen standrechtlich erschießen lassen werde. Wahrscheinlich! werden in Karlsbad nunmehr keine Unruhen stattfinden, denn der Soldatenrat scheint nicht mit sich spaßen zu lassen. Andererseits aber sind die Gesamtvechältmsse im verlande noch lange nicht zufriedenstellend- und besonders in Karlsbad ist man von den derzeitigen Verhältnissen keineswegs befriedigt. Man hatte hier gehofft, daß die sozialdemokratische Partei süh, mit. der gemäßigten "Bürgerschaft ins Einvernehmen setzen und bessere Verhältnisse schaffen werde; allein ihr erster Schritt bestand darin, sich! mit den Führern der extremen deutschradikalen Partei zu verbinden^ und' nun spielen wieder jene Personen - mit eine Hauptrolle, die seit 20 Jahren den Antisemitismus! gepredigt und -die Gemeindewahlen in diesem Sinne beeinflußt haben. Das Egerland ist politisch krank; seit mehr als 25 Jahren besteht ein politischer H a ß> der den Kindern schon in der Wiege eingeimpft wurde. Es wurde sozusagen der Lehrsatz gepredigt: „Vernichte deine Gegner, wo und wie du kannst". Hiedurch en.stand ein Zustand, den man vielleicht in keinem zweiten Delle Oesterreichs in ähnlicher Weise empfindet; es en.stand eine politische Befangenheit in der Schule, in dm städtischen und Gerwaltungsämtern, sie macht auch! nicht halt vor dm Türm der Behörden, ebensowenig vor den Düren der richterlichen jVerhandlungssAe, so manches Urteil, das von Richtern der höheren und niederen Gerichte ^ge- Mlt . wurde, so manche UrtellsbegrAndung laßt diesen politischen Haß. und ote Befangenheit durchschimmern. So mancher 'Jude, der >ckls 'Angeklagter, als Prozeßparrer oder als Zeuge eürvern?ommm wurde, konnte es bald empfinden, daß. der Richterder Am aus fragte, zu einer Partei gehörte, welche den politischen Haß gegen ihre Gegner aus ihre Fahne geschrieben chatte, dmn es war klar zu scheu, daß. man sich nur scheinbar alle. Mühe gab, die -politische Unbefangenheit zu verbergen. Diese Zustände bestehen noch.' Im Egerlande besteht eine Rechtsunsicherhell, welche das Vertrauen in die Gerichte auf das tiefste erschüttert hat, denn was sich, in den letzten Bchrzehnten daselbst zugetragen hat, das wußte man nicht in Prag und Wien, aber das Volk zweifelt an der erforderlichen.Unbefangenheit der Rich^- Ler, und solange der nmgewählte Rationalrat nicht eine vollständige Umcnlderung und Versetzungen vornimmt, wird das Verträum in die Justiz nicht herg estellt werden. DieRichtigiell dieser Bchauptung wird am besten daraus ersichtlichdaß zahlreiche Familien sich, mit der Absicht tragen, einige Zell abzuwarten und, wenn dieser politische Haß und die politische Besang enhell nicht Nachlassen, , au^uw andern gedenken. Dir JnterrenLion der Entente. Haag- 14. November. Das Jüdische Korrespondmzbureau meldet, daß die Berichte über Pogrome -in Polen unter Len' Juden Hollands große' Erregung ver-' ursacht haben. Eine jüdische Abordnung begab sich, in dieser Angelegesthell zum Minister des Aeußern, der ihr versprach die Auftnerksamkeit der Ententeregierungen auf die Vorgänge in. Polen zu lenken. Das holländische Kabinett ,nnd zionistische sptvi»" andere Körperschaftm WschenschrM haben sich ebenfalls mit der Bitte um Intervention an die Entente gewendet. London, 15. November. Dem Reuterschen Bureau zufolge veröffentlicht das englisch-e auswärtige Amt eiste Erklärung, in der die Polen anläßlich der Judenpogrome daraus aufmerksam gemacht werden, daß die Alliierten und Amerika nur denjenigen mittet-' europäischen Völkern beim Wiederaufbau Helsen würden, die durch! die Tat beweisen, daß sie Ordnung nnd zivilisierte Zustände wünschen. Proteste. Das Jüdische Preßbureau irr .Stockholm tellt mit: Das britische Ministerium des Aeußern hat am 15. d. M. folgende Erklärung veröffm licht: „Sr. Majestät ' Regierung sind Nachrichten Ger antisemitische Pogrome in Warschau zngekommen. Sollten sich die Berichte als wahr "erweisen, kann die Regierung nur die schärfste Haltung gegenüber solchen Zwischen Men emnchmen, da sie eine Ermutigung für die Elemente der Unordnung und der Gewalt sinddie'bereits das Leben der ganzen Bevölkerung zwischen dem Rhein und der Wolga bedrohen. Der eben erreichte Freihellssieg würde von wenig Bedeutung seinfalls die Welt sehen müßte, daß die Herrschaft der Gewalt .wieder eingesetzt ist, zwar in einer anderen Form!, aber nicht weniger in Widerspruch mit den Prinzipien der Freiheit. Tpe alliierten Regierungen und die Vereinigten Staaten von Amerika sind bereit, dem Wiederaufbau der wirtschaftlichen Grundlagen, der Ordnung und' des zivilisierter! Lebens ihre ganzen Kräfte zu widmen, aber nur für jene Länder, welche durch. Hre Handlungen zeigen, daß sie Ordnung und Zivilisation wünschen. Wenn irgendein Volk Mitteleuropas Begier nach. Unordnung walten läßt, wird 'die' Demokratie ' desf' Westens! Furcht'' ist " Wr Lage sein, in 'Geduld ' und erzwungerrer Untätigkeit auf die Wiederherstellung der Bedingungen zu warten, welche die Tür für den Fortschritt des Friedens öffnen." Das iBurestn des jüdisch-sozialistischen Arbeiterverbandes „Poale Zion" in Stockholm h!at an die sozialistischen Parteien in den alliierten Ländern einen telegraphischen Appell gerichtet, worin die Pogrome in Westgalizieu imd Polen geschildert werden und worin es znm Schlüsse heißt: Dir ungeheure Ausdehnung der Pogrombewegung hat die polnische Liquidierungskommission in Krakau auf Drängen des jüdischen Nationalrates veranlaßt, freiwillige Schutztrnppen von jüdischen Soldaten und' Offizieren für Krakau und Umgebung zu bilden und zu un erstiitzeu. Das ist der erste Ausdruck der erwachten Selbstbestimlnung der polnischen Führer. Diese Maßnahme ist jedoch'ungenügend, da sie bloß einen. Bezirk umfaßt und es die Kräfte der jüdischen Minderhell übersteigt, sich! gegen die Uebermacht des ansgereizten Mobs zu schützen. Die Pogrome, in Polen sind das Resultat langMriger antisemitischer Be^> giftnng der' Massen und der Dennnzierung des Willens der Juden zur nationalen Selbstbehauptung als Attentat gegen das Polentum. Wir begrüßen die heutige Erklärung des britischen MinWrimns des Aeußern gegen die Pogrome und betonen die .Notwendigkeit aktiver Maßnahmen zum Schutze der jüdischen Bevölkerung! in Polen, Westgalizieu und Rumänien, wo Regierrmgsorgane offen zu Judenpogrome an Hetzen, desgleichen in Litauen ur^d'in der Ukr-stinje.'. ..Wir appellieren in dringender Welfe an die -sozialistischen und an dfe Arbeiterparteien, bei ihren Regierungen ans wirksame imd rasche -Maßnahmen znm ' schache der jüdischen Bevölkerung und Zur Sicherung ihrer politischen und nationalen Rechte in'den «m 'entWhen'dM Maatswesm M -dringe«.