Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 46 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 739 Nr. 46 Dir. m»m Zur Wahrung des in Geschichte und Tradition unseres Volkes, aber .auch in der eigenen Qualifikation begründeten rabbinischen Ansehens und Einflusses und in gleicher Weife, um an der Wiedererweckung des jüdischen Gemeindelebens Anteil nehmen zu können, Hellen die Unterzeichneten Rabbiner und Prediger noch folgende Forderungen: 1. Aufhebung des. § 4, a,. b, e,> der Wahlordnung und hiemit Verleihung des passiven Wahlrechtes, an die Rabbiner, Prediger, Religionslehrer an den öffentlichen Volks-, Bürger- und Mittelschule und die Beamten der Kultusgemeinde, ferner ' das Professorenkollegium der israelitisch-theologischen Lehranstalt, das Dozentenkollegium' des Betha-Midrasch, die, Leiter und Lehrer des israelitischen Taubstummen- und des Blindeninstitutes sowie der übrigen konfessionellen Lehranstalten, die Beamten der Gemeindebibliothek, die Primarii und Aerzte des Spitals sowie sämtliche Funktionäre und Diener der Gemeinde und der jüdisch-konfessionellen Vereine. 2. Verleihung von Sitz und Stimme in der Leitung der Genreinde an gewählte Vertreter der Gemeinderabüiner, und zwar in solcher Anzahl, daß ihr Votum von Nachdruck sein könnte. Die Zuziehung von Vertretern anderer im Dienst der Gemeinde tätiger Kategorien wäre ebenfalls angebracht. 3. Entsendung von Rabbinern in die Kuratorien des Rothschild-Spitales, des Mtersversorgungshauses und die jüdisch^konfessionellen Erziehungsanstalten behufs Wahrung des religiös-humanitären Charakters derselben. 4. Trennung der Disziplinargewalt von der administrativen Leitung und demgemäß Aufhebung, des § 42 des Gemeindestatutes und Berufung von Ehren- und Disziplinarräten, die, aus Vertretern der Gemeinde und Vertretern der betreffenden Beamtengruppe gebildet, unter Vorsitz eines Unparteiischen gegebenenfalls ihres Amtes zu walten hätten. 5. Außerkraftsetzung der Instruktionen für dje Rabbiner, welche diese mitunter einer sie sozial und wirtschaftlich schädigenden Willkür. ausliefern, und Ersetzung-derselben durch Ergänzung der bestehenden Verträge an gemeinsamen Einvemehmen. 6. Statutarisch festzulegende Pflicht der Leitung der Gemeinde, vor der Wahl eines, welche Bezeichnung immer führenden Seelsorgers ein fakultatives Votum der Rabbiner einzuholen und dasselbe vollinhaltlich der Vertrauensmännerversammlung vorzulegen. 7. Aufhebung der '§§ 44, 45, 46, 47^ 48 und 49 und Uebernahme der mit dem Titel eines Eemeinderabbiners ausgestatteten Vereinsrabbiner in den Status der Gemeinde unter Wahrung der erworbenen Rechte der bisherigen wirklichen Gemeinderabbiner. '8. Neuordnung der PensionsbestMmungen nach modernen Grundsätzen, Verleihung der Pensionsberechtigung an die Schächter, Aufnahme der Rabbiner sowie der Vertreter anderer Kategorien in die Verwaltung des Penilünsfond's. Die Unterzeichneten Rabbiner und Prediger verlangen schließlich, daß als ihre Vertreter die Herren Doktor Grunwald, als Obmann ihrer Vereinigung, und Dr. Rosenmann, als Obmannstellvertreter, zu der Permanenzkommission für die Neuordnung der Gemeinde mit Sitz und Stimme zugezogen werden, wobei -sie darauf Hinweisen, daß an der Abarbeitung des derzeit geltenden Gemeindestatutes. Dr. Güdemann s. A. und Dr. Ieklinek s. Ä. teilgenommen haben. Dr. A. Abeles, Dr. I. M. Bach, Dr. M.Bauer, Dr. I. Drobinsky, Dr. D. Feuchtwang, Dr. S. Funk, Dr. M. Grün wald, M. Kramer, Dr. A. L.Mandel, H.L.Reich, Dr. Rosenfeld, Dr. M. Rosenmann, Dr. A. Z. Schwarz, Doktor >. Z. Tag li cht. MoHenWrist SchrrckrAsZaAe iw ffoüfms. Meine Hand zittert vor Aufregung, mein Herz bebt vor Unmut, indem ich zur Feder greife, um einer breiteren Oeffentlichkeit über die hierzulande derzeit herrschenden Verhältnisse Mitteilung zu machen. Die gesamte jüdische Bevölkerung lebt ohne Ausnahme in einem unerträglichen Zustande ununterbrochen. Tag und Nacht währender Unruhe und steter Sorge um den nächsten Augenblick. Aeberall dort, wo Polen wohnen, ist Man keinen Moment sicher, was einen erwartet. Die polnischen politischen und publizistischen Kreise haben seit Jahr und Tag die Propaganda der antisemitischen Tat verkündet und vorbereitet. Alles, was reaktionär, klerikal und bis zur Gluthitze chauvinistisch ist, hat sich^zusammengetan, um den jüdischen Bürger zu berauben und zu verderben. Kein Mittel scheint zu niedrig und verworfen, kein Weg zu verkehrt und falsch zu sein. Von allen guten Geistern verlassen, verrammeln sich die Polen selber den Weg zur Wiedererstarkung ihres auferstehenden Gemeinwesens. Des gesunden politischen Sinnes für ein Staatsinteresse bar, empfinden sie. sich nur als Partei, ohne zu bedenken, daß der Staat sämtliche Einwohner lückenlos umfaßt, deren aller Wohlergehen und Wohlstand einen wesentlichen Bestandteil des gesamten, gemeinsamen Bolksreichtums bildet. Das Vorgehen der polnischen Hetzpresse, welche in den berüchtigten Blättern, wie der „Piast" u. dgl., die bäuerliche Volksseele und, wie der „Gtos narodu" o lam quauu, die Kreise der Intelligenz seit vielen Jahren systematisch vergiften, ist nicht nur moralisch defekt und verwerflich. Es ist mehr als dies. Das Bestreben, Millionenwerte zu zerstören und zu zerstreuen, volkswirtschaftlich tätige.Kräfte lahmzulegen, ist politisch eine Dummheit und volkswirtschaftlich ein fürchterlicher Fehler. Die Folgen sind bereits jetzt sichtbar und weithin für jedermann erkennbar. West- und Mittelgalizien» ein von Natur reiches Land, mit allen Voraussetzungen für eine gedeihliche Entwicklung begabt, befindet sich jetzt in einem primitiven Zustande der tatsächlichen Verkehrs?- losigkeit, ohne Handel, ohne kommerzielles Leben. Die 1 meisten Geschäfte bleiben wochenlang gesperrt, insofern dieselben nicht voll raublustigem' Gesindel gewaltsam ausgeplündert werden. Eisenbahntransporte werden in der Regel bei hellem Tage beraubt. Ganze Züge werden ihres Inhaltes entledigt. Die Eisenbahner sind es zumeist, die sich auf diese Weise mit fremdem Gute anstandslos bereichern. Millionenwerte gehen in diesem Chaos zugrunde. Die Anarchie ist grenzenlos. Bei diesem! Bilde, das hier vor den erstaunten Augen des in Deutschösterreich oder sonstwo in einem zivilisierten Lande lebenden Lesers entrollt wird, darf man nicht etwa denken an die „Begleiterscheinungen" des kriegerischen Polenzuges gegen Lemberg. Im tiefen „Frieden", in ganz Westgaltzien. in den meisten Ortschaften, tobt sich die polnische Bevölkerung aus. Denn was vorgeht, ist eine einfache Erplösion des primitivsten Uebermutes, hervorgerufen durch herrschsüchtige, unduldsame, echt.polnisch gesinnte, in der russischen Verfolgungsschule erzogene' Kreise. Aebermut und Verhetzung einerseits bei der Menge, .anderseits kühle, politische Berechnung bei den Drahtziehern sind die Ursachen dieser unglaublichen Raublust, der grausam rasenden Zerstörungs- und Vernichtungswut. Nicht der Hunger beflügelt die bäuerlichen Agrarier und verführt sie zu solchen Schandtaten des Raubes, des Mordes und der Zerstörung. Nicht die Armut, der soziale Neid bewegt die westgalizischen, reichen Polen, jüdische Wohnungen zu plündern und den roten Hahn drauszusetzen. Oder war es in Chrzanow wirklich auch nur begreiflich, wenn Leute, die noch dazu, sage hundertvierzig Waggonladunsen diverser Lebens-