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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-11-22 · 46 (22.11.1918) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
46 (22.11.1918)
Date
1918-11-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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.S6K 738 Nr. BES WMmWG ' Nr. 46 einen solchen rAdM Ton gegen die jüdische Allgemeinheit herausnimmt. Besagter :,Mittag" kann es sämtlichen Anden nicht verzeihen, daß an den VprfäUen beim Parlament auch Anden beteiligt waren. Es ist, leider so gewesen, jäber niemand bedauert. das mehr als die Überwältigende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung. Mit welchem Recht kämmt also, der „Mittag" dazu,, gegen diese so zu Hetzen, daß es leicht tzu Ausschreitungen kommen kann? Das ist wohl alles eher als deutsche Tapferkeit. Wenn es dem „Mittag" um Abhilfe zu tun war,, so. hätte er ganz einfach den Staatsrat auffordern sollen, die Uebeltäter zu verhaften und zu bestrafen. Statt dessen fordert er die Bevölkerung auf, sich gegen die Juden zu wenden. Diese Taktik ist vielleicht deswegen erfolgt, weil man die Rote.Garde nicht provozieren, gegen die ohnmächtigen Juden aber shraflo.s Hetzen darf. Wenn aber die .Feier des.deutschösterreichischen Staates nach dem Geschmack, des „Mittag" auf- Kosten der Juden stattfinden soll — glaubt das unter bemerkenswerten Umständen gegründete .Blatt, daß es sich, mit seiner Tätigkeit den Dank seiner Auftraggeber, und Hintermänner verdient hat? Denn bei den Jaden fängt man m solchen Fällen nur an, aber man hört bei Uinen nicht auf. Man könnte sich erinnern, welche Rolle die deutschnationale Bürgerschaft während des Krieges gespielt hat, und das könnte in den Kreisen des „Mittag" — soviel fagen wir vorläufig — unangenehm werden. * . Pom Weihrauch der „Reichspöst" umhüllt, ist der Landmarschall .Prinz Alois Liechtenstein politisch zur Grube gefahren. Er ickkag nimmer, der gute. Fürst, die Verhältnisse passen ihm nicht mehr. Ja, ja,, mein guter Fürstes ist. gar nicht schön, wenn Man sich selbst einmal bedroht fühlt. Wie schön waxen doch die Zeiten, wo. sich der Pöbel an die Fürsten poch nicht heran getraut hat, sondern bloß an die Juden. Damals ist der gute Fürst beim „Blauen Luchsen" mit ausgestreckter Hand gestanden wie ein Wegweiser, hat auf die Audengasse gezeigt und hat sein echt volkstümliches', goldenes Wiener Herz feiern lassen. Jetzt aber, scheint es, daß Diese undankbaren Massen sich mit den Anpreisungen des Fürsten gar nicht begnügen wollen. Sie erinnern sich, was die Christlichsozialen und der Adel vor und während des, Krieges verbrochen hohen, sie entsinnen sich an kriegerische Reden und agrarischen Wucher der Feudalbaxone. Da tritt Fürst Alois empört in den Ruhestand. Er kann solche Erinnerungen nicht vertragen. Die „Reichspost" berichtet unter dem TM: „Eine Judendebatte im.Staatsrate": . Gestern kam im Staatsrate die geplante Ernennung des Dr. Ludo Hartmann als Gesandten Deutsche österreichs für Berlin zur Sprache. Es erhoben sich ernstliche Einwände dagegen. Abg. Wolf erklärte im Laufe der Debatte, es fei eine sehr peinliche Erscheinung,, daß von seiten der sozialdemokratischen Vertretung imStaatsrate auffallend viel Juden in die Staatsämter.entsendet werden, ms Kriegsministerium Dr. Deuts ch, der zahlreiche Verwandte und Freunde nachziehe, ins Ministerium für Aeußeres Dr. Bauer, und eine Reihe anderer. Ernennungen. Das mache böses Blut. Er müsse doch fragen, ob man für den geeigneten .Vertreter (Deutschs österreichs in Deutschland einen Juden halte. Der Boxsitzende Dr. Renner erklärte hierauf, er müsse es zurüchoeisen, daß konfessionelle Momente in die Debatte gezogen werden, in der Staatsverwaltung dürfe es keinen Antisemitismus geben. Abg. Wolf, der hierauf nochmals das Wort nahm, verwies darauf, daß die nationalges.innten Juden selbst das' Bestreben haben, sich iajls Volk zu kottstituieren, und wenn dieses schon nicht für sich selbst einen Staat bilden könne, so sei es nur gerecht,, daß die Juden nach ihrem perzentuellen Verhältnisse an den Staatsämtern Deutschösterreichs - Anteil, nehmen. Was aber jetzt geschehe/ gehe weit darüber, hinaus- Er warne die.sozialdemokratische Partei, in ihrem eigenen Interesse, damit fortzufahren. Die Ausführungen. des Sprechers fanden bei der Mehrheit des Staaksrates lebhafte Zustimmung. Dr. Ludo H artmann dürfte nicht als Gesandter nach Berlin entsandt werden." Die Christtichsozialen und die Deutschüationalen sind jetzt nicht die besten Freunde. Aber im! Zeichen 'des Judenhasses wird jetzt K. H. Wolf von der „Reichspost" Hervorgehoben und gelobt. Fühlt sich doch dieser edle M.ann berufen, aus dem Sturm« der Ereignisse den Judenhaß zu retten. Welche edle Aufgabe! Gewisse deutsche Politiker haben zwar Oesterreich zugrunde regiert, aber wenigstens retten sie es vor den Auden! Die, Hauptsache ist doch der völkische Standpunkt. W,asi will aber K. H. Wolf noch reden? Die „Arbeiter-Zeitung" hat ihn erst kürzlich daran erinnert, daß er ein Vorkämpfer des „Siegfriedens" und des „Niederringens" war. Auch die Höhenzollern.waren ihm sehr ans Herz gewachsen'. Man sollte glauben, daß er sich grollend zurückziehen wird. Aber, siehe da, der tüchtige Mann hgt an alles vergessen, bis auf den Judenhaß. Auf seine Ausführungen gehen wir gar nicht ein. Wfr. verlangen.nicht Ernennungen von Juden, wenn bessere Leute für die Stellen vorhanden sein sollten. Aber daß. K. H. Wolf der be- ' rufene Kritiker sein darf und der Staptsrat ihm zuhört oder zustimmt, das« steht wohl nicht in den Sternen der neuen Ideale geschrieben. ,, , . Aus drnr PrsLskoü der Wiener Kaichirrer- VereimAUUg Vom 21. U^^urder d. A. Nachstehendes! Memorandum wurde in der Sitzung der Wiener Rabbinervereinigung voM 11.. November d. I. beschlossen und am -21'. d. M. dem.Vorstände der. isr. Kultusgemeinde überreicht. Mit Rücksicht auf den Ernst der Lage, in der sich unsere Gemeinde befindet, und .auf die Notwendigkeit einer Neugestaltung, erachten es die Unterzeichneten Rabbi- .ner als ihre Pflicht, folgende Erklärung .abzugeben: Das Hinabgleiten unserer Gemeinde von ihrer einstigen stolzen Höhe und ihr gegenwärtiger tiefer Verfall, für/ den die Unterzeichneten Rabbiner hiemit jede Verantwortung ablehnen, ist zurückzuführen auf ': a) die verhängnisvolle statutarische Ausschaltung aller Fachmänner von der Leitung der Gemeinde, durch die eine Fülle von sachkundigem Wissen, idealer Begeisterung und opferfreudiger Hingabe .gerade den richtunggebenden Instanzen vorenthalten wurde. Denn je komplizierter im! Laufe der Jahre der Betrieb« der religiösen Großgemeinde wurde, desto, dringender wäre eine Initiative und Mitarbeit von fachkundiger Seite gewesen: a) die statutarisch, festgelegte Unmöglichkeit für die Gemeindexabbiner, ihre durch Studien und langjährige Tätigkeit erworbene Erfahrung bei E nt s ch ei d ungen zur Geltung zu bringen. Die Folge w.ar,. daß solche Entscheidungen wohl mit Routine, aber ohne Sachkenntnis getroffen wurden und ohne Bewußtsein der oft katastrophalen Tragweite so mancher Verfügungen und' Unterlassungen: . . c) die Rechtsunsicherheit, hervorgerufen durch die unklare Fassung vieler Paragraphen, ' durch die oft jede abweichende freie Meinungsäußerung nachweisbar als „KoMpStenzüberfchreitung" bedroht und schon im Keime erstickt werden konnte. , / ' . . , ,

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