Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 45 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. io Sette 7L6 Dr. Blochs zahl kraftvoller Perföillichkellen in sich!, allen voran der verstorbene Dr. MaxiMllian Steiner, die die Kräfte /der -Kultusgemeinde der ^Durchführung weitausgreifender Pläne auf dem Gebiete jüdischier Kultur,' Erziehung und sozialer Fürsorge gewidnvetffDen wollten. Die Angst vor dem „Stürmer", „Losgeher" —> man bedenke, Dr. Stern war damals schon weit Über siebzig! — war so groß, daß er nach deM Wleöen Heinrich Kl in ge r s mit gegen das vom damaligen ungekrönten Beherrscher der Kultusgemeinde, Gouverneur Ritter von T a u s s i g, der seine eigenen politischen Gründe hatte, "die Kultusgemeinde nicht in die Politik hcheinziehen zu lassen, gefor-' . derte Versprechen, sich von 'jeder politischen Betätigung fernzuhalten, zuM Präsidenten der Kultusgemeinde gewählt werdeir konnte. Dr. Stern konnte dieser Zusage nicht lange stand- Wten. Seine Ambition war nicht, der oberste Chef eines großen Verwaltungsapparates zu sein. IHM schwebte ein jüdisches Wahrzeichen für Wien, die^ Schaffung eines machtvollen Wwehrwälls gegen den anschwellenden Antisemitismus vor. Von hier aus! sollte in Zeiten der Gefahr machtvoll und nachdrücklich die Stimme der österrerchischen Judenschpft ertönen und gehört werde:: bon allen, hie es angeht. - Anfangs Allerdings' war Dr. Stern noch zurückhaltend, jals aber allmählich auch die letzten - noch aktiven Säulen des Altliberalismusl Aus dem Vorstände schieden, pls auch sein größter- Widersacher in der Frage der Politik, Ritter von Taussig, aus-politischen Gründen aus dein Vorstände austrat, Äs' der letzte bedeutende Mrnn aus jener Zeit, Dr. Maximilian Steiner das Zeitliche segnete, auf der anderen Seite aber der Kultusvorstand immer farbloser, politisch indifferenter u:ü) bedeutungsloser wurde, dia trat euch Div S te-rn immer offener und iMmer rücksichtsloser mit seinen politischen -Mionen hervor. Und.er tat es eigerrMächtig, selbstherrlichauf eigene Faust und auf eigene Gefahr. Wer -da Machte sich sofort her verhäiMisvolle Fehler fühlbar, der Dir. Stern, wie auch, manchem anderen Führer anhastet. Ohne Fühlung mit -den verschiedene:: jüdischen Bewegungen' und Vorgängen im Judentume des In- und Auslandes, die ihre Quellen in der internationalen Politik hatten und ihre Wirkung auch auf das jü- . tusche Leben in Oesterreich ausstrahlten, schöpfte Dr. S ht x n Woß japs der allerdings unerschöpflich scheinerrde:: Quelle seüres eigenen, scharfen Verstandes!, ließ er sich nur von seinem eigenen Instinkt leiten, machte — *it venia verba — seine eigene Kirchturmpolitik, die nicht immer in den Tatsachen begründet waren. Dr. Stern konnte in Helle Empörung geraten, wenn er auf seine Einladung an die Jude:: Ungarns- Mit ihMin einer gemeinsamen jüdischen Angelegenheit eine gemeinsame Aktion zu unternehme::, stets eine Ablehrmng erfuhr, well 1 die ungarischen Juden in chrem 'Chauvinismus „mijt Wien" nicht gemeinsame Sache machen wollten. Gr hatte es niemals verwinden könnest, daß er das H.aupüver'k seines Lebens^ die Schaffung des gesetzlich anerkanntm GemeindHundes, aus denselben Gründen nicht ausWren konnte: well die jüdischen Polen jches neue pol:.-! f tische Zentrum in Wien ablehnten und well die orchodoxen Juden feilt Veotyauen zu den Schöpfern des Statutes hatten. Gr überhörte den Ruf der Zeit, mißdeutete die Stimme der Tatsachen, und well es ihm nicht gelang, seine Gleichgesinnten aus ihrer Lethargie zu reißxn, sie zu einem Kampf für ih re gemeinsame Idee um sich zu scharen und zu organisieren, wiährend seine Widersacher irnmer mobllaktiv, organisiert waren, "war er zu der unpopulären 'Rolle verurteilt, den.ungleichen Kampf allein M führen und das OdiuM des Mißerfolgesohne MchrschHnlichkeit eines Erfolgesauf sich! zu nehme«. Das tragischeste daran war, daß er, da i: für positives Schaffen in-seinem Sinne keine UnstrsiHtzung .fand,' besonders "i» - WüchenschÄfr den letzten Jahren' nur m Mion.trat, um bas!, was die anderen zu schaffen sich änschickhen, zu vechllrdern, zu zerstöre:!. So verdichtete sich allmählich im' Lager seiner Gegner die Anschauungdaß das einzige Hindernis für die Erreichung ihrer Ziele die Selbstherrschaft Dr. Alfred Sterns sei, und seine' Beseitigung von der Herrschaft wurde zuM Wrteiprogramgn erhoben. Was nützte es ihm ' und seinen Bestrebungen!, daß.seine Freunde ihn in diesem Kainpse anstaunten und seine „eiserne Hand" priesen, wienn sie diese H;cnll> nicht stützten. Auch die Arme Moses mußten von seinen Freunden gestützt werdest, als sie sich zu schw,achi erwiesen, die Rot von Israel'aus eigener Kraft zu bannen. Als der erste konzentrierte Angriff gegen ihn erfolgteblieb er isoliert und mirrßte Puterliegen. Sein Rücktritt hat sich! als — Naturnotwendigkeit erwiesen... Noch versuchte er in letzter Zeit die Situation durch sein bekanntes Interview Ger seine Bekehrung zum . Zionismus zu retten- Dieser Versuch mußte mißlingen. Seine Anhänger störstandien diesen seinen „diplomatischen" Zug stricht und vürjargteni ihn ihn:- während er auf die -Jstdischnationalen seine der erhofften entgegengesetzte Wirkung übte und -üben Mußte. Wieder hat Dr. Stern übersehen, haß der jüdische Nationalismus', zu dem sich auch Schreiber dieser Zellen bekennt, eine Weltanschauung ist!, Mer die sesMin KoUipeomiß, in der es keine?H.alh- - hellen, keinen OpportunAmus' gibt. Man kann .über die gemeinsame Errettung einer Gemeinschaft aus katastrophaler Not 'kompromittieren und dabei die eigenejn -Prinzipien .ausschalten, aber -nicht aufgeben, man' kann aber nicht jüdischnational zu 25 Prozent oder zu 50 Prozent sein ... Wer sich zu dieser Weltanschauung, zu diesem Glaubensbekenntnis durchgerungen hat, muß es ganz sein, in ,allen seinen 'KcnseauenjziM, im vollen, Bewußtsein aller, auch der persönlichen Opfer, die er damit seinem Volke bringt. - - r r.--r Ein unervteßliches, unauslöschliches Verdienst hat sich Dr. Stern nM die Konsolidierung der Verwaltung der Kultusgeryeinde erworben. Mit fester, sicherer Hand führte er das Berwaltungsschiff dieser großen Kultusgemeinde an mancher gefährlichen Klippe vorbei und bewahrte sein Gleichgewicht. Diese solide, konservative Gebarung steigerte das Vertrauen der FinabUkreise und der Wohlhabenden zur Gemeinde, das am besten durch die Feststellung gekennzeichner wird, daß das der Kultusgeimeinde zur Verwaltung -anvertraute Stiftungskapital seit / dem Tage, da 'Dr. S te r n die Präsidentschaft übernahm, . mn stiele Millionen gestilegen ist.. Dieses Vertrauen ijst ein unschätzbares Ebbe, das nicht vergeudet werden darf.; Durch den Rücktritt Dr. Stern s ist in der Kultnsgemeinde Wien eine Krise ausgebrochen, die um so schwerer ist, als sie infolge der politischen Umwälzung Mit der Krise der Kultüs'gemeinde überhaupt züsmnmen'- fällt. Wo sind die Männerdie uns aus.dieser verzweisÄten Situation retten?^ Die letzten Ereignisse haben mich in meiner "schon längst gereiften - Anschauung bestärkt, daß Dr. Alffed .Stern als Führer einer Opposition in mnern starke:: Vorstand, stdest sin einer (starken Organisation.viel größeres Bleibendes hätte-herb'eiführen ßömren, wie als Präsident eines farblosen' Knltusvorstandes mrt engbegrenzten Zielen. Werebenso überzeugt bin ichdaßwenn Dr. Alfred Stern im Kultusvor stände nur noch 'ein halbes Dutzend gleichgesinnter und Zleichgearteter Siebenundachtzigtt zur Seite gehabt hätte, sein Kampf nicht so geendet hatte, wieer jetzt eßden:n!uß/e. —d-r-rr.