Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 45 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 725 Nr. 45 Dr. Vloch's Wochenschrift Eilschritten vorwärts jageadert Anforderungen der Zell einholen- Minen. Er blieb verschnaufend zurück; er kam! Manchmal zu Mt, um noch die auf dem Bodert schleifenden Lieitseile Mffangzrn und sich mit einem Mchicktchr Ruck auf den Bock des Gemeiüdjegespannes schwingen zu können. Die Zügelentglitten ihm mitunter, und wenn dies geschah, dann war der Karren natürlich verfahren. Gelang es ihm jedoch, sie zu behalten, dann hielt er sie, wie alles, was! er anpackce, fest; bcharrlich und leidet schaftlich und zah^ als ein unermüdlicher, eifriger und "bieslissener Sachwalter der Gemeinde, deren Interessen ihm in jedem Betracht zu oberst standen und ihm heilig waren. Unter, seinem Stabe gar gut dienen für alle zumal, denen er gewogen war. Minder für solche, die um seine Geneigtheit nicht buhlen mochten oder sie sonst verscherzten. Doch war et gerecht; gerecht und streng, vor ,allem gegen sich, aber auch gegen ackdere, freilich gegen diese Manchesmal mehr -streng als! gerecht. Dies hat ihm Feindschaften zugezogen, Proteste und Malkontenzen 'heraufbeschworen. Seine starke Individualität gab denn auch dem verehirungswirrdigen Amte, das er bekleidete, sein Relief; sie personifizierte den gesamten Vorstand. 'Erntete der Vorstand Anerkennungso galt sie dem: Präsidenten, faüd der Vorstand Tadel und Anwürfe, so trafen sie den Präsidenten. Was er geleistet hat? Alles!, was die Gemeiirde in beit letzten zwei Jahrzehnten geschaffen und gewirkt hat, trägt seilte unverfälschte Marke. Die Zusammensetzung des Vorstandes und die Verteilung der Aemter war der Ausfluß seines Willens, die Bestellung des Oberrabbiners ein Kind seiner Laune. Die Sehnsucht, feines Herzens war der Neubau eines großen Tempels, allein der Krieg hat sie ungestillt gelassen und hat ihm dafür das Kleinod des Leopold stad ter Tempels!' in Schutt und Asche gelegt, worüber er", trauerte, ohne die Kraft zuM' Wiederaufbau aufzuvringen. Wahl aber hat er die Spitzbergersche Stiftung aktiviert, die Augartengründe erworben, darauf das Kinderambulatorium aufgeführt, den neuen Friedhof angelegt, Siechen- und Versorgungshaus! und Spital vergrößert und vervollkommnet und vieles andere getan. Unablässig hat -er über die Größe und das Ansehen der. Gemeirtde gewacht, eifersüchtig darauf bedacht, daß ihm darin niemand zuvorkomme. Er war darum bemüht, mit der Herrschaft -über die Gemeinde, auch jene in der „Allianz" und dem ,M)ememdebnnde", als eine Art Personalunion zu vereinigen^ D!as' war zu viel, freilich nicht für seine "Schultern, Üoer für ^manche anjdE Jede dieser Positionen war ein Angriffsobjekt und eine Reibungsfläche, zwischen denen es Furiken gab. Und an diesen Funken hat sichdie Flamme entzünjdet, die inmitten des Weltbrmrdes auch! zum Sitze des Präsidenten emporzüngelte. So wurde ihm der Boden zu heiß nttd er trat zurüch nachdem er> der Achtunöach-kzigjährige^ seinen Schwanengjkseng mit Heller Stimme und e.ndringlicher Schärfe geyattejn. hatte,^ unnachgiebig und unerschütterlich zur Fährte haltend^ diel er seit jeher entrollt hatte. , >Er scheidet voM Kampfplätze nicht veirkrüppelt und nicht invalid, freilich, auch nicht als Sieger und Triumphator, -abermals aufrechter, kämpsgewohnter und gestählter Veteran, altgedient und wohlverdient, ein knorriger Stamm trotz seiner hohen Jahresringe, den der Sturm wohl gebeugt, (aber nicht gebrochen hat. Würde und iBüvde legt er ab mit dem Bewußtsein, das überkommene Erbe treu bewahrt und gemehrt zu haben r Einer jener legendären Garde, die wohl stirbt, sichaber nicht ergibt. s ' W. .l Dr. WfrÄ» Stern hat nach 15 jähriger Präsidentschaft sein 'AMt ,als Präsident der Wiener Kuktusgememde, d^s größten Wischen Gemeinwesens im Westen, niedergelegt.. - -Als vor 15 Jahren Dir. Stern sein Amt antrat, knüpfte die „Wochenschrift" an dieses 'Ereignis hie bezeichnende Bemerkung, daß Dir. Alfred Stern „sich auf sein Altenteil zurückziehe". Vielleicht unbewußt hat dieses Blatt mit dieser seiner Bemerkung die herbste Kritik an dem ganzen, die Kultusgemeinde beherrschenden System und an dien jüdischen „Notabeln" geübt,. die erst nach- Verbrauch oft auch Mißbrauch ihrer besten Kräfte im öffentlichen politischenLeben, die Kultasgch meinde als das Refugium betrachten, wo sie die letzten Reste ihrer Energie, ihrer von anderen Seiten abgelehnten . Arbeitslust zur Geltung 'bringen können. Mer Dr. Mfred Stern hat diese Auffassung von seiner Präsidentschaft keinen Augenblick gelten lassen. Als der,,Alte Mit der eiserrten Hand" übernahm er, einZweiundsiebzigjähriger, die Leitung dieser Mosten Gemeinde und dieser Alte mit der eisernen Hand, imponierend, gebietend, herrschend ist er geblieben bis in die letzten Tage seiner Präsidentschaft.^ . Ich habe viele Urteile über Djr. Mfred Stern gehört, aber keines ist ihm gerecht worden, well sie lalle cti# Aeußerlichkeiten haften. Dir. Stern nur Ns Nattvrphänom>en betrachten Md keines von der tieferen Kenntnis dieser interessantesten Erscheinung in unserem jüdischen öffentlichen Lebens aüsgeht. Dir. Alfred Stern ist von Natur äus und seinem inneren Wesen nach ein oppositionellch: DieMo^at. Naturanlage, Erziehung die politische Entwicklung des Men Oesterreich haben ihn dazu gemacht. Nicht vielen wird es bekannt sein,' daß Dir. Stern eigentlich als Oppositioneller in den Vorstand gewählt wurde ünd als solcher sich erst jenen Einfluß und jenes Anfchen erwarb, die ihn m der Stufenleiter der Ehrenämter bis zum Präsidenten öMporhoben. Als Oppositioneller trat er stets für die demokratische Richtung im Vorstände ein, und für viele wird es die Enthüllung eines unglaublich klingenden Geheimnisses bedeuten, wenn verraten wird, daß Dir. Stern bei der Beratung des Statutes und' der Wählorvnnng mtt iarrer Kraft gegen die Schaffung der Kurie der Hö'herbesteuerten kärMfte und gegen sie stimmte. Diese seine Opposition gegen die undeMokratische Wahl-' ordnung führte zu heftigen Konftikten zwischen ihm und dem damaligen Präsidenten Heinrich Klinget, mi't dem er verwandt war. Er unterlag in diesem Kampfe und er hatte später, -als von jüdischnationaler Seite die Abschaffung der höheren Wahlkurie gefordert wurden nicht mehr den Mut, sich dieser Forderung anzuschließen, well er von einer solchen Maßnahme schwerwiegende materielle Folgen für die Kultusgemeinde befürchtete. Dr. S t e r n führte einen frischen demokratischen Arg in den Verkehr mit Parteien und der Beamtenschaft ein, wie er kaum in einer zweiten öffentlichen Körperschaft zu beobachten ißt und es war auch nur seine tiesirMeredemokratische Ueberzeugung, die ihn jede geplante persönliche Auszeichnung von vornherein ablehnen ließ, es sei denn die Beruftrng ins Herrenhaus, die er nicht als Auszeit^ nung für sich, sondern als guvissermaßen staatsrechllit^ Anerkennung der Stellung die er belleidete, gewünscht hätte. Schon als Vorstandsmitglied und Vizepräsident hatte Dr. S tern jede (Gelegenheit wahrgenommen, den Kultus- Vorstand beiwichtigeiy die Jüdenftage berührenden politischen Ereignissen zu einer politischen Stellungnahme zu v eranlassen, er stieß jedoch stets, aus den heftigsten Widerstand. D>er Kultusvorstandschloß damals noch eine An-