Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 44 (8.11.1918)
- Date
- 1918-11-08
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 44 Sette 719 Dr. Bloch,Z Wochenschrift den' Esel deines.Hassers unter der Lach zufarumeubrechen, hilf ihm ihn aufrichten." (Das. 23, 3 f.) „Liebe »den Herrn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deiner ganzen Kraft." (Deut, 6, 5.) Wer wollte vergessen, daß diese Kanonisierung uns die .Psalmen, das Hohelied, das Buch Hiob, die Idylle Ruth erhalten hat, köstliche Gaben der unerreichten Seelenkultur eines großen Volkes! Und ist dieser Kanon nicht doch ein Band geblieben, das unbewußt die reineren Seelen des Menschengeschlechtes umschlungen Hält, trotz aller Zerrissenheit und Zerfahrenheit der Welt! Ein versöhnendes Lächeln umfoieft den Mund auch des verachtetest en alten Juden, wenn er Rollands Bemerkung liest von der alten. Bibel, die über dem Bett auf dem Regale stand. Wie gleich doch fromme Seelen schaffen! Auch unsere Väter und Mütter schrieben gern, wie die Großeltern Christofs, in heilige Bücher ihre teure Familienchronik in knappen Daten über Geburt und Tod. Nur daß der Jude.lieber fein Gebetbuch dazu benützte, das handlicher war als feine mehrbändige Bibel, und das er noch mehr als diese liebte. Recht interessant ist der Versuch Rollands, den düsteren Ernst der Bibel auch jetzt noch in der jüdischen Volksseele zu finden, um dadurch zu zeigen, wie ' ein gemeinsamer Geist Buch und Volk erfüllt. .„Der herbe Hauch der Bibel", „der Wind vom Sinai, von der weiten Einsamkeit und dem mächtigen Meer" halfen Christof dem Elend und der Verlassenheit mutig inS Gesicht zu schauen. Ihm war die Bibel ein heiliges Buch durch den Hauch wilder Natur und ursprünglicher Persönlichkeiten, den er daraus spürte. Er sog in sich die Hymnen der vom Glauben verzehrten Erde, der bebenden Bexge, der frohlockenden Himmel und der menschlichen Löwen. „Nimm doch jeden Morgen ein gutes Stück blutigen Fleisches Lus der alten. Bibel!" ruft: Christof seinem Freunde Olivier zu. Und diesen selben Geist! findet' der Dichter^ spurenhaft in Juden -und Jüdinnen, wenn in ihnen trotz der Assimilierung ab und zu der alte Geist, „das Gewissen ihrer Rasse", erwacht. Dann findet er manchmal selbst „in den ganz degenerierten Nachkommen der^ edelsten aller Rassen. . . seltsame Phosphoreszenzen. . . wunderbare Blicke, leuchtende Intelligenzen". In den Augen Judith Mannheims eröffnet sich Christof, „die . Seele des Volkes Israel . . . in ihrer brennenden, düsteren Tiefe". Bei aller Anpassung an das Milieu verliert die Jüdin doch nie.„den wirren, schweren, benehmenden Duft' ihrer Rasse". Auch in Paris, wo die Juden noch mehr assimiliert sind als i n Deutschland, stößt er da und dort in den Salons auf ein vergeistigteres Profil, dessen reine Züge ihn an den Orient, an das Land Labans erinnerten: „Die Poesie des Schweigens der Wüste lag in ihm." Bei den verludertesten der jüdischen Amoralisten bricht urplötzlich das Titanenhafte, Löwenartige, An gebändigte des Orients hervor: „Simson, der nach jahrhundertelanger Gefangenschaft im Dunkeln sich plötzlich "wie ein Löwe aufrichtet und voller Wut die Säulen des Tempels rüttelt, daß sie über ihn und der feindlichen Rasse Zusammenstürzen." So trägt, meint Rolland, jede nicht ganz verschüttete jüdische Seele.die Sandrpüste Kohelets in sich. Wie in allen solchen Versuchen, steckt auch in dieser Schilderung ein Körnchen Wahrheit, ohne - daß wir dabei sagen könnten, das Bild stimme ratsäch i lich mit dem Originale vollständig überein. Sicherlich ist in der alten Bibel vom Lachen nicht allzuviel zu finden, der Ernst, der .Kampf ist es, der in diesem Acwalde mächtig rauscht. Ebensoist dem Juden zweifellos ein düsterer Ernst gar .oft eigen. Und doch zeigt selbst die Bibel ein anderes Bild. Vor uns sehen wir den Frohsinn, die Heiterkeit der Schnitter, der Winzer, denen geboten wird sich vor Gott zu freuen. (Deut. 16.) Wirhören das Jauchzen des Bräutigams und der Braut (Ieremia 7, 34 u. q. St.), hören fröhlicher Gelage ausgelassene Heiterkeit, übermütige Scherze aus manchem Prophetenwort uns entgegenschallen. Helle, kindliche Freude, naives Kosen und Lieben tönt zu uns herüber aus dem Hohelied, aus den Büchern der Richter, Samuelis, der Könige. Nicht anders wie bei anderen Völkern. In den auf uns gebliebenen Schriften der alten Zeiten überwiest allerdings der Ernst, die Tiefe des religiösen Geheimnisses, der Inbrunst, und des großen Kampfes um Gott im Menschen. So groß das Verdienst der Prophetie ist um die sittlichen Güter Israels^ muß doch ^gestanden werden, daß sie mit vielem von dein Ursprünglichen, Harmlosen, Naiv-Reinen im alten Israel gründlich aufgeräumt hat. Dem Besonderen in Israel, seinem Religionsgenie, ist das Menschlich-Gemeinsame an ihm mit anderen Völkern zum Opfer gefallen. Das dürfte wohl das richtige sein. Ist die Ironie, die Spottlust, die heute so viele Juden auszeichnet, eine ursprüngliche Art des Juden? Ist sie der passende Gegensatz zu seinem Ernst und seiner Düsterkeit? Oder haben die bösen Erfahrungen seiner Geschichte dem Juden den Sarkasmus geliehen, den bitteren, ätzenden Spott über alles, was menschlich ist? Rolland scheint es so gufzufassen. Alle feine Juden sind ironische spottsüchtige Menschen. Fritz Mannheim biegt sich vor Lachen, da er Jean Christof über die alten Mufikzöpfe wettern hört. Kohn-Hamitton spielt in Paris eine große Rolle, vor allen: kraft feiner angeborenen Ironie, die „übrigens auch vielen Parisern eigen ist". „Den Juden ist die Ironie", sagt Rolland bei dieser Gelegenheit, „ein so köstlicher Genuß, haß sie ganz besonders nachsichtig gegen alle Störer und selbst gegen Feinde sind, die ihnen Gelegenheit geben diese Ironie auf ihre Kosten zu betätigen". Natürlich vertritt auch Levy-Toeur diesen Geist der Ironie. Selbst der gelehrte ^Felir Weil sieht die Welt und die menschlichen Schwächen nur snd specie. dieser Ironie an und seine geliebte Frau muß sich auch seine Ironie gefallen lassen. Selbst Mooch. diese reine, edle Seele, kann von der Ironie nicht lassen. Rolland -meint, die vielen bösen Erfahrungen und Enttäuschungen der vielen Jahrhunderte hätten auf den Grund der jüdischen Seele diesen „bitteren Niederschlag von Ironie und Aeberdruß abgelagert". Eine ungemein femsinnige Bemerkung. Doch Jt die Ironie auch der Bibel nicht unbekannt. Ironisch ruft einer der Brüder aus, als sie Josef kommen sahen: „Laßt uns sehen, was aus seinen Träumen wird." (Gen. 37, >20.) Die Erzählung von Tamar und Juda (Das., Kap. 38) entbehrt auch nicht eines ironischen Zuges. Die Rede Elias' am Berge Karmel (I. Könige, Kap. 18), die spöttischen Worte des zweiten Jesaja über die Götzen (Kap. 40), Hiobs sarkastische Wechselrede zeigen uns. daß die Ironie auch im alterr. Israel heimisch war. And wenn Jesaja über die Spötter sich beklagt, ebenso der Psalmdichter, so sehen wir, daß auch schon in frühen Zeitendir Ironie den heiligen Ernst manchmal benagt hat. Diese Gabe steigerte sich von Jahrhundert zu Jahrhundert und artet heute nicht selten so weit aus, dgß vor ihren Krallen auch das Heiligste und Reinste nicht sicher ist. Eine verblüffende Fülle dieser Ironie, die sich bis zur Selbstpersiflage steigert, offenbart sich uns m der noch nicht» genugsam bekannten Sammlung Ignaz Bernsteins von nicht weniger als viertausend jüdischen Sprichwörtern. Sie sind auch sonst eine Fundgrube Mr das Studium der jüdischen .Psyche. Man pflegt sehr häufig die Ironie als eins Begleiterscheinung der Gemütlosigkeit, der Herzlosigkeit anzusehen. Bei den Juden stehen diese beiden in schroffem