Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 44 (8.11.1918)
- Date
- 1918-11-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3022300-3022345--27310-3052719- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 713 Nr. 44 Bloches gebenb, daß dias Judentum in dieser Zeit allgemeiner Bedrängnis nicht auch noch! 'durch innere Kämpfe — niid solche wären! unvermeidlich gewesen — geschwächt und erschüttert werden' dürfe, daß über eine Bewegung, die wieite Kreise der .Juden ergrWn Hatz bei aller. Betonung des gegensätzlichen Standpunktes nicht einfach hinweggegangen werden könne, und daß endlich in dieser schwieren Zeit die Leitung der Wiener jiddischen Gsmieinde ein in seiner.unverminderten Geistesfrische wohl diewunoerungswerter, aber unter -den körperlichen Beschwerden seines hohen Alters leidender Präsident nicht ohn!e Schädigung der Sache chnd ohne Gefährdung seiner Gesundheit führen könne. SolWbeWMnMW der Inden. «» In jEtzchlnowitz wurde ein Zentralbureau der vereinigten jüdischen Parteien errichtet. In einem Aufrufe „an das jüdische Bolk^' werden die von den vier jüdischen Parteien vereinbarten Leitsätze der jüdischen Nationalpolitik bekanntgegeben. Da es von großem Interesse ist, zu erfahren, wie sich die .Judenparteien die praktische Durchführung; der nationalen Selbstbeftmtnmmg; ihres Volkes vorstellen, soll das wesentliche der Verfassung pes künftigen jüdischen Nationalstaates hier mitgeteilt werden: 1. Die jüdische Nation proklamiert ihr Selbstbestintmungsrecht und wird ihre Konstituierung gßmäß der Besonderheit ihrer Siedlung auf der Grundlage hes Personalitätsprinzipes durch die Nationalversammlung' (jüdische Konstituante) vornehmen. 2. ' Die jüdische Konstituante wird aufgrund des allg emeiiwn, geheimen uü!d direkten "'Wahlrechtes mit proporlkonellem Wahlsystem gebildet. Wahlberechtigt sind sämtliche volljährige Juden männlichen Geschlechtes, die in dem zu schaffenden jüdischen Kataster eingetragen sind. Der Kataster wird auf Grund der/bestehenden Gebnrtsmatriken angelegt, wobei es jedermann freisteht, sich durch freie Erklärung hus demselben streichen, bezw. in denselben neu eintragen zu lassen. 3. Die Konstituante hat die Verfassung und Verwaltungsorganisätion der jüdischen Nation festzusetzen und die Bezichungen zum künftigen Staatsverbande und zu den Mehrheitsnationen, in deren Mitte die jüdische Nation lebt, im Wege, der .Verständigung und freien Bestfeinbarung von Nation zu Nation zu regeln. 4. Die nationale Selb stverwältung umfaßt neben den kulturellen Angelegenheiten, welche in die ausschließliche Kompetenz der Nation fallen, auch die national wirtschaftlichen, sowie jene Angelegenheiten, die sich! aus der Stellung der jüdischen Natron als Minderheitsnation ergeben. ü. Die jüdische Verwaltung sorgt für die Verwirklichung und Durchführung nachstehender Forderungen: Gesetzlich zu gewährleistende politische und' bürgeälichje Gleichstellung; proportionale Vertjchtung rn allen öffentlichen Körperschaften, welche gemeinsame Angelegenheiten zu erledigen haben; volle Freizügigkeit innerhalb des künftigen Staatsverbandes sowie in die neu entstehenden Staatengebilde ohne Beeinträchtigung der politischen, wirtschaftlichen und nationalen Rechte. . 6. In außenpolitischer Hinsicht fordert die jüdische Nation: Die internationale Gewährleistung der bürgerlichen Vollberechtigung der Juden in allen Ländern und nationale Minderheitsrechte in den Ljänbern, in denen sie in Massen leben, insbesondere in den bestehenden und sich neubildenden Staaten Osteuropas; der freien und uneingeschränkten Einwanderungen in alle Länder, insbesondere nach Palästina; des Ausbaues der jüdischen Siedlungen --in Palästina und der .autonomen Verwaltung derselben. Wochenschrift Schließlich wird erklärt: „Wir appellieren an die Mehrheitsnationen, mit denen wir in Frieden und Freundschaft leben wollen, unsere Rechte zu achten, und jene Vereinbarungen, die . aus der gemeinsamen Siedelung notwendig werden, im Geiste der Versöhnlichkeit zu treffen. Wir sind eine Nation, die jüdische Nativn, und! als solche erheben wir unsere Forderung." Unter dxn Unterzeichnern des Aufrufes befinden sich der Rmchsratsabgeordnete Dr. Straucher, die Äandtagsabgeordneten Dr. Fokschaner und Dr. Neumann-Wender, 'der H>cnrd elskammerpräsident Tittinger, die Sozialistenführer Dr. Pistiner, Dr.^Friedmanm Dr. Oberländer, Leib Buchbinder, Feiwel Tternberg, Harsch Elßner u. a. __ Die jüdenfeindttche Stimmung in Polen. Die polnische Regierung fordert Material. Das neue polnische Ministerium in Warschau bot der jüdischen Gemeindeverwaltung an. der Regierung das Material zuzustellen, das sie über die Pogromhetzen in Warschau und die Straßenerzesse gesammelt habe. Der jüdische Kkeinhänjdlerverein, der etwa tausend Mitglieder umfaßt, beschloß einstimmig, in Anbetracht der blutigen Ueberfälle auf Juden den Handel auf dem Kerceliplatz nicht eher wieder aufzunehmen, bis die Verhältnisse sich gebessert haben. Tiq Jude« in Ungarn. Budapest, 6. November. Heute Nachmittag fand in der hauptstädtischen Redoute eine Versammlung von Dielegierten der ungarischen israelitischen Kultusgemeinden statt, an der Vertreter ibon Mehr als 300 Kultusgeme'inden teilnahmen. .Seitens der Regierung wohnten der Versammlung Ackerbauminister B n z a und der Staatssekretär im Kultusministerium Iuhas z-N agy bei. Der Vorsitzende der Versammlung Hofrat Franz S z e k e l y erklärte, die Versammlung bezwecke, dem neuen Ungarn, dem Nationalrat und der Volksregierung Treue zu geloben, die auswärtigen jüdischen Körperschaften zu'bitten, daß sie mit ihrem ganzen Einfluß das' Streben der Regierung nach Integrität Ungarns und Erzielung eines ehrenhaften Friedens unterstützen, endlich die Bildung einer ständigen Organisation zur Wahrung der Interessen des ungarischen Judentums. Nachdem sich der Minister und der Staatssekretär entfernt hatten, 'kam es m der Versammlung zu "stürmischen Szenen. Zionistische Studenten unterbrachen durch Pfeifen, Lärmen und Zwischenrufe die Redner, 'die von -einer jüdischen Nationalität nichts wissen wollten. Schließlich sah sich der Vorsitzende genötigt, die Sitzung zu suspendieren, um sich mit den führenden Persönlichkeiten und den Delegierten in einen anderen Saal der Redoute zu begeben> wo ne. ihre Beratungen fortsetzten. 'Hiebei wprde das Streben der Zionisten, die ungarische Judenschaft als Nationalität zu betrachten, verurteilt. Schließlich wurde ein Beschlußmrtrag in dem vom Präsidenten in seiner einleitenden Ansprache vertretenen Sinne einstimmig angenommen. Der tschechische Gesandte in Rom. Dr. Borsky, der zum „tschechischen Gesandten in Rom" ernannt wurde, entstammt, wie die „.Neue Freie Presse" berichtet, der Prager Familie Bondy. Er versah lange Jahre journalistischen Dienst rm österreichischen Abgeordnetenhause und wurde am Beginn der vorjährigen Parlamentssaison vom' militärischen Dienste enthoben. Anfang dieses Jahres wurde er vom der österreichischen Regierung mit Paß und Geldunterstützung für die österreichische Telegraphenkompagme nach dem Haag