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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-11-08 · 44 (8.11.1918) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
44 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44 Sette 700 Dr. Bloch's Wochenschrift Mutwillen oder Uebermüt diesen Kitt abgebröckelt und sich selbst in die politische Vereinsamung gebracht. Durch diese meine .Ausführungen glaube ich für jeden gerecht Denkenden den klaren Beweis erbracht-zu haben, daß die Deutschen ihr jetziges. Schicksal zurtt groben Teile dem' von ihnen erfundenen Rassenantifemitismus zu verdanken haben. Und wenn unsere Wiener Demagogen bei jeder Gelegenheit, wo es sich um öffentliche Mißstände in Staat oder Gemeinde handelt, das geflügelte Wort hinausschreien: „Der Iud' ist an allem schuld!", so wäre vielleicht in der heutiger trüben Situation der Deutschen in Oesterreich zuM erstenmal ein berechtigter Grund gegeben, sich an die Brust .zu schlagen und mächtig Hinauszurufen: „Der Iud' ist daran schuld!" L. W. A«« der Woche. Ein jüdischer Nationalrat für Deutschösterreich. Das Wiener jüdische Korrespondenzbureau meldet: Der jüdische Nationalrat konstituierte den jüdischen Nationalausschuß für den deutschösterreichischen Staat, der die Aufgabe Haben wird, die 'nationalen Minderheitsinteressen der Juden in Deutschösterreich zu vertreten. .Zahlreiche Offiziere und Soldaten stellten dem' Nationalrat ihre Dienste zur Verfügung, der mit der deutschösterreichischen Regierung in Verbindung treten wird, uM ein fruchtbares Zusammenwirken im Dienste des neuen Staates zu erstreben. Als nationaljüdische Exekutive wurde ein Vollzugsausschuß, mit unbeschränkter Vollmacht zur Wahrung der jüdischen Interessen im' deutschösterreichischen Staate eingesetzt. Dem Ausschuß gehören an: Adolf Böhm, Nathan Ei dinget, Adolf St arrd und' Ingenieur Robert Stricker. Dr. Singer beglückwünschte den Närodni vybor in herzlicher Weise dazu, daß das tschechische Volk sein staatliches Ideal voll erreicht habe, und betonte, daß das national bewußte Judentum stets für die unterdrückten Völker in Oesterreich mitgekämpft habe, unter anderem auch durch die vier Abgeordneten des ehemaligen indischen nationalen Klubs im Parlament. Sodann stellte Dr. Singer die Lage und Postulats der Juden im neuen Staate dar und überreichte das Memorandum. Das Memorandum vertritt folgendes Programm: 1. Anerkennung der jüdischen Nationalität und Freiheit des Bekenntnisses zu dieser. ES soll kern Zwang auf die Juden ausgeübt werden, die sich als Angehörige des tschechischen oder deutschen Volkes betrachten. 2. Volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung. 3. Kulturelle Autonomie. Eine Sonderstellung der Juden in jeder anderen Beziehung, insbesondere auf politischen und wirtschaftlichem Gebiet, muß vollkommen ausgeschlossen sein. Schließlich wird auch gegen die antisemitische Hetze protestiert. Als Vertreter des Närodni vybor waren anwesend die Herren: Svehla, Dr. Soukup, Stribrny und Prof. Dr. Srdinko. Die erschienenen Mitglieder des jüdischen Nationalrates empfingen aus der mit sympathischer Wärme vorgetragenen ausführlichen Antwort des Vizepräsidenten des Närodni vybor' Svehla den erfreulichen Eindruck, daß ihre Postulats außerordentlich entgegenkommendes Verständnis seitens der Repräsentanten des tschechischen Volkes, gefunden haben. Kaum hatte die jüdische Deputation den Sitzungssaal des Närodni vybor verlassen, als Extraausgaben der Tagesblätter die neue Friedensnote Oesterreichs an Wilson verkündeten. Knapp darauf übernahm der Närodni vybor offiziell die Regierungsgewalt des tschechoflomakischen Staates. Die Forderungen der Zioniften. Der-jüdische Nationalrat in Prag beim Närodni vybor. Aus,P rag wird berichtet: Aus der Mitte des nationalen (bürgerlichen und sozialistischen) Judentums hat sich,ein jüdischer Na-' tionalrat konstituiert, dessen Präsidium (Dr. Ludwig Singer, Karl Fischl und Dr. Max Vrod) am' 28. Oktober 1918 beim Nationalausschuß des tschechoslowakischen Staates vorgesprochen hat, wo die Deputation vom Vorstande des Nationalausschusses .empfangen wurde und eine umfangreiche Denkschrift über die Situation und die Forderungen des . jüdischen Volkes iM neuen Staatswesen überreichte. Aeber die Bildung des Nationalrates wird mitgeteilt : Am 22. Oktober hat sich aus Vertretern der jüdischnationalen Organisationen der Jüdische Nationalrat im tschechoslowakischen Staate konstituiert. Für den Zionistische Distriktsverband wurden delegiert:.Dr. Ludwig Singer, Norbert Adler, Prof. Dr. Alfred Engel, Dr. Max Vrod, Inspektor Hugo Slonitz, Für den jüdischen Sozialistenrat: Karl Fischl, Oskar Altschul, Hugo Waldstein, Schönfeld und.Frl. Ida Zappner. Aus Mähren traf ein Zustimmungstelegramm ein, durch das die Herren: Dr. Rufeisen, Dr^ Altb a ch (Mähr.-Ostrau), Bürgermeister Zweig (Proßnitz) und der Obmann des Brünner Handlungsgehilfenvereines . jn Brünn Schriller in den Nationalrat delegiert werden. Verhandlungen über Organisatiönsfragen werden fortgesetzt. Als dringendste Arbeit wurde zunächst die Ausarbeitung des.Memorandums in Angriff genommen, lieber den Empfang des Präsidiums des'jüdischen Nationalrates beim Närodni vybor. sprich der obige Bericht, der im Einvernehmen mit den Nä rocknl vybor ausgegeben wurde. Das Bureau der zionistischen Organisationen in Kopenhagen richtete folgendes Rundtelegramm an sämtliche zionistischen Landesv erbände: „Der Augenblick ist nähergerückt, da die Grundlagen für einen dauernden und gerechten Frieden gelegt werden sollen. Ein solcher kann aber nur dann zustande komMen, wenn die gerechten Forderungen aller Nationen, der kleinen wie der großen, erfüllt. werden^ und wenn für jede Nation die Möglichkeit geschaffen wird, sich unter Entfaltung aller ihr innewohnenden Kräfte und Fähigkeiten in den Dienst der Menschheit zu stellen^ Auch das jüdische Volk erhebt in dieser geschichtlichen Schicksalsstunde seine Forderungen. Im Friedensvertrag. muh ihm zugesichert werden: 1. Die Festsetzung Palästinas.in den durch die geschichtliche Ueberlieferung und durch politische wie wirtschaftliche Notwendigkeiten bestimmten Grenzen als völkische Heimstätte des jüdischen Volkes, sowie die Schaffung der für den ungehinderten Aufbau dieser Heimstätten notwendigen Vorbedingungen. 2. Die volle und tatsächliche Gl.eichberechtigung der Juden in allen Ländern. 3. Völkische Selbstverwaltung auf kulturellem, sozialem und politischem Gebiet für die jüdische Bevölkerung der Länder mit jüdischer Massensiedlung sowie aller anderen Länder, falls deren jüdische Bevölkerung Anspruch auf sie erhebt. Wir fordern die zionistischen Verbände aller Länder auf, diese Forderungen des Iudenvolles vor den Regierungen und der öffentlichen Meinung des Landes zu vertreten, deren Durchführung im Friedensvertrag mit allem Nachdruck zu verlangen. Das Iudenvolk Muß in den Bund der freien Völker als gleichgestelltes Glied eintreten."

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