Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 44 (8.11.1918)
- Date
- 1918-11-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 708 Nr. U Dir. Bloch's gar kein Interesse gezeigt. .Und so ist Mch die Verwaltung der Gemeinde in dieser überwältigenden Interesselosigkeit in ihrer Ausbildung und Entwicklung stecken gMieben. Sie hat schlecht und recht die „laufenden Geschäfte" geführt ohne Initiative, ohne innere Triebkraft für die hohen und großen Zwecke, die in ihrem' geschriebenen und noch Nckhr in ihrem nicht geschriebenen Statute vorgesehen waren, sie war, um' ganz modern zu sprechen, durch Jahrzehnte hindurch Liquidationsgemeinde. So Müßte aber auch, einmal der- Tag kommen, an dem diese Liquidation ihr Ende findet. Und jetzt gilt es, die GefaMtgemeinde befragen, welchen Weg sie künftig gehen, in welcher Weise sie ihr Geschick und ihre Zukunft gestalten will. Die Mehrheit wird entscheiden, denn wie Minderheiten durch- Mehrheiten nicht unterdrückt wer- ' den dürfen, so hat natürlichauch die Mehrheit ihr altes Recht der Entscheidung. Befragen einer Gemeinschaft erfolgt durch Wahl. Eine Wahl nach dem! Weltkriege kann nur auf breiter Grundlage oder gar nicht erfolgen; es müssen alle die Möglichkeit haben, mitzureden, die zur Gemeinschaft gehören, denn es geht um das Wohl aller, nicht einzelner Teile allein. Die Wahl aber soll frei, soll ein friedlicher Kampf der Ueberzeugungen sein. Der Streit soll uM die Sache gehen, nicht um Personen. er soll würdig geführt werden, der hohen Zwecke willen, welchen er gilt. „Israel soll sich nicht erfreuen nach Art der anderen Völker." Deswegen habe ich jetzt fortwährend den Frieden gepredigt in der Gemeinde und habe mich mit anderen bemüht, diesen notwendigen Frieden zu sichern. Daß. Frieden notwendig ist, sollte Man in der Gegenwart nicht erst betonen müssen. Für uns ist er doppelt und dreifach notwendig aus inneren und äußeren Gründen. Eine in diesen Zeiten in Wien sich gegenseitig in würdeloser Weise bekämpfende Judenschaft wäre für uns tiefste Schmach und Schande, wäre entsetzlichere Erniedrigung als fremde Bedrückung. Brächte vielleicht auch Unfreiheit und andere Gefahren. Eine gerechte Wahlordnung nach deM ProportionaGrinzip schützt jede Meinungs^ und Gewissensfreiheit. In acht Wochen kann die Wahlordnung beraten und verabschiedet, die Durchführung der Wahl Mag schon in den ersten Wochen des neuen Jahres Möglich sein. Die Durchführung der Wahl sichert Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und Fortentwicklung. Um die Zukunft unserer Gemeinde braucht uns daher, nicht bange zu sein. Die größte Gefahr für den Bestand und die Fortentwicklung einer Gemeinschaft bildet die Teilnahmslosigkeit und Interesselosigkeit ihrer Mitglieder. Die nächste Wahl aber wird schon das Gegenteil dieses Zustandes in der Wiener Gemeinde erweisen. Es wird ein regeres Gemeindeleben vorhanden sein als je zuvor. Die Kultusgemeinde wird vor allem in einer Zeit, da ein eigenes Kultusministerium nicht mehr besteht, nicht weiter Kultusgemeinde allein bleiben können, sie wird neben deM Kultus eine große Reihe kultureller, aber auch sozialer Aufgaben in den Kreis ihrer Betätigung ziehen Müssen, sie wird bei Anbeginn der neuen Epoche ein großzügiges Programm aufstellen Müssen, ein Programm, welches uns erst die notwendigen Arbeitskräfte innerhalb der Gemeinde sichern wird. Man muß vor allem Interesse erwecken, man muß jedem Mitarbeitenden die Aeberzeugung beibrmgen können, daß er seine Zeit und Mühe nicht vergeblich aufwendet, daß er an einem wirklichen Werke mitarbeitet, und er wird zur Stelle sein. Nur auf diese Weise wird die Oeffentlichkeit der Wiener jüdischen Gemeinde zUm Begriff der öffentlichen Pflichten erzogen werden. Neben der obligatorischen Steuerleistung an die Gemeinschaft in Geld gibt es noch eine freiwillige Steuerleistung in Arbeit. Zu öffentlichen Arbeiten soll Män die Leute nicht erst zwingen, sie Müssen soviel Pflichtbewußtsein erworben Wochenschrift haben, daß sie sich selbst hiezu anbieten. Die Verwilderung und .Verrohung der öffentlichen Betätigung ist großenteils auch darauf zurüchuführen, daß Kreise und Einzelpersonen, welche vorbildlich und erzieherisch hätten wirken können, es für angenehmer und bequemer gehalten haben, ein Eigenleben zu führen, die Vertretung der Gesamtheitsinteressen aber anderen zu überlassen; für die Beschaulichkeit ist aber in dieser Welt und Zeit kein Platz, und Unterlassungssünden sind nur scheinbar geringere Sünden, als jene, welche durch Setzung einer Tat begangen werden. Unserer Gemeinde aberkann ich eine schöne Zukunst Voraussagen. Weite Gefilde großzügigster kultureller und sozialer Arbeit eröffnen sich, ihr, ein..reges Leben ihrer Mitglieder wird sie vor jesdeM Stillstand und Rückgang bewahren. Hoffen wir, daß diese Regeneration sich in friedlichen Formen abspielen wird : bei der gröbsten Verschiedenheit der Endziele dürfen.die Sorgen und dringendsten Bedürfnisse der Gegenwart nicht übersehen werden. - > Der Iu^e ist schmv. - Von einem' geschätzten Freund unseres Blattes erhalten wir folgende sehr beachtenswerte Ausführungen:- Die Deutschen Oesterreichs standen vor. 30 Jahren unter der Führung der Vereinigten Linken auf dem Gipfel ihrer Macht, und diese geachtete Partei, in deren Mitte sich die geistige Elite unseres Reiches harmonisch verkörperte, wo man keinen konfessionellen Nassen- und Klassenunterschied^ kannte, arbeitete an dem großen aktuellen Werke des böhmischen Ausgleiches mit sichtbarem Erfolge.. Doch mitten in dieser Arbeit, die vieles hätte anders gestalten können, wurde von eitler:, gewissenslosen . deutschnationaleru ^Hetzern das! aus dem. Reiche importierte Schlagwort Ä n ti s e mit ismus unter das Voll geschleudert und führte nach wenigen Jahren zur Sprengung der Mächtigen deutschliberalen Partei in Oesterreich. Mit dem noch heute üblichen Schlagworte „Judenliberaler", welches wie ein entehrendes Schimpfwort unter dem- Volle wirkte, hat man schließlich alle jüdischen Elemente Herausgetrieben/ darunter auch solche, denen das Judentum an sich ganz nebensächlich war, und die durch ihre deutschnationale Gesinnung, gepaart mit hervorragendem Wissen, dem deutschen Volke in Oesterreich große, unersetzliche ^Dienste geleistet hatten. Alle deutschen Vereine, Klubs usw. empfanden plötzlich das Bedürfnis, „judenrein" zu werden. In den Statuten wurde „arische Herkunft" als Bedingung ausgestellt. Die alten, bewährten, jüdischen Mitglieder verließen in aller Eile diese ungemütlichen Stätten, gründeten teils, eigene jüdischnationale Vereine oder sie wandten sich in gerechtem Grimme den anderen Nationalitäten Oesterreichs zu, wo sie mit offenen Armen empfangen/ wurden. Mas weiter geschah, das hat jeder von uns erlebt, und es F.aM, wie es kommen mußte: Die Deutschen in Oesterreich sind durch das Hinausdrängen der Juden aus ihrer Gemeinschaft geistig verkümmert worden. Kein hervorragender, geistiger Kopf ist seit jener Zeit aus ihren Reihen entsprungen, der die Fähigkeit hätte, den allen Glanz und die alte .Macht gegenüber den anderen Nationalitäten in Oesterreichzurückzuerobern, während alle übrigen Nationalitäten des Staates und der ganzen Well, bei denen nicht nach arischer Herkunft gefragt wird, bedeutende Männer an ihrer Spitze haben, welche voM Vertrauen ihres Volles getragen werden. Es läßt sich heute die Tatsache nicht m'ehr wegleugnen, daß die Juden iM deutschen Volle Oesterreichs den Kitt bildeten, welcher die Deutschen mit den änderen stäwischen Stämmen verband. Die Deutschen "haben ans