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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-11-08 · 44 (8.11.1918) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
44 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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9hr, 44 Seite 707 Lr. GLoch's Wochenschrift Gemeinde nrit fester Hand zu führen, .sie Der die Klipperr und die Fäh'rlichjkeiten und d:ie Sturzwellen der stürmischen Brandung hiuwegzuleitleu! Nein! dieses Einüqkenntnis der Altersschwäche ist dem jetzigen Präsidenten . D,r. Alfred Stern nicht abzuringen und nicht äbzutrotzen. iEr geht vielmehr, weil ihm das Rückgrat gebrochen wurde, und nicht bloß deswegen, weil sein 'Rücktritt von den.Jüdischnationalen und Zionisten gefordert wird. Es f waren noch.andere Hände am Webstuhl tätig, die das Netz gesponnen haben, welches dem Präsidqnten nach einer 30 jährigen Wirksamkeit i'M Vorstande und nach 15 Jahren feiner Präsidentschaft über den Kops geworfen und zusamMengezogen worden ist. Die Zionisten befehden ihn, ihnen^ist er ein Dorn im Auge/ weil .er ihnen ein System und eine Gesinnung! verkörpert, dieser ohnehin nicht mehr rein und ungetrübt zur Schau, getragen hat. Wer selbst diese matte Mischung hat der radikalen Partei nicht gemundet. Sie lechzt nach! dem Moussierenden Tranke, den ihr — unH. darin liegt die bittere Ironie des Schicksals —■ der von dem Präsidenten selbst berufene und begönnerte Oberrabbiner allwöchentlich auf der Kanzel eingeschenkt hat und dessen berauschender Duft ihr zu Kopfe gestiegen ist. Dias Präsidium ist weich geworden und muß weichen, so will es der jüdische Nationalrat, ein Gebilde, bas ftchsan der jSonne der Diversen, in die Halme schießenden Nationalräte gewärmt hat und urplötzlich in die Höhe geschlossen ist, buchstäblich wie aus der Büchse geschossen. Der Name freilich stimmt nicht ganz, er ist etwas irreführend'; weil es einen deutschi-ästerreichischen, einen polnisch en und einen lfchechl0--siowakischen Rationalrät usw. gibt, wollen die Jüdischnaftonalen irr Oesterreich .auch einen jüdischen Nationalrat abgeben.*) Es ist dies alssä'e'neswegs ein Rat der Juden, das will sagen, die berufene 'Repräsentanz der jüdischen Glaubensgemeinschaft, sondern lediglich ein Rat der Jüdischnationalen. Dieser beherrscht jetzt allerdings die in 'Verwirrung geratene öffentliche Meinung, er 'hat unverkennbar das Heft irr der Hand, er lenkt die Straße^ die indessen von Juden bevölöert wird/ 'die großenteils ans den östlichen Ländern' stammen mrd zumeist nicht zu Deutsch- Oesterreich gehören, es sei denn, daß die bewegliche und? irr Reaktion gegen mancherlei Zurücksetzung leicht radikal gestimmte und beschwingte Jugend sich um jene Führer schart. . Der Nationalrat will nunmehr auch! die Leitung, in.der Gemeinde an sich ziehen. Deswegen mjuß das Präsidiunr aMoviert werden. Der Vorstand wird genötigt, neue zionistische Mandatare durch Kooptatiorr in die Kultusstube einzulassen. Sie bilden mit drei Mitgliedern des Kultusvorstandes einen Permanerrzausschnß, gleiche sam ein revolutionäres Direktorium, welches die neuein Präsidenten bestimmt, welches es übernimmt, das Wahlwesen umzukrempeln und es, wie man es' zeitgemäß zu nennen beliebt, auf die breiteste demokratische^ d. h. je-> doch: demagogische Basis umtzustellen. ' Der Nationalrat will die ältehrwürdige Gemeinde, von der der Helte Glanz d es größten jüdischen Bildungs¬ und Kulturzentrums ausstrahlt, an sich reißen, sie regieren und sich damit brüsten, der jüdischen Staatlichskeit, die erst in Palästina nufgerichtet werden soll, durch die Eroberung Wiens, wo freilich! Herzt geboren wurden wo er gelebt und gewirkt hat, ünd wo er begraben liegt, das stolzeste urtb' prunkvollste Juwel in die Wiege gelegt zu haben. .Jene: aber, die dies angezetteltj, die dies ausgCheckt *) Die gleiche Falschmeldung wäre es, wollten etwa die Deutschnationalen das Monopol für sich beanspruchen, als deutsch österreichischer Nationalrat aufzutreten; bekanntlich aber schließt dieser neben dem Freisinn vor allem die Deutschsozialen in sich. Nur ein alle 'Juden vereinigender Nationalrat könnte legitim auf diesen Namen hören.' * » und hinterrücks gefördert haben, dürften ihrer 'Tat nicht recht froh werden. Ich meine, sie haben wie Herostrates gehandelt; sie haben das herrlichste Gemeinwesen, das jüdischt-sroMMer Sinn geschaffen, und das westliche Killtur zur iauserlesensten Blüte emporgebrachh hat, lm&eh dacht nationalen Heißspornen ausgeliefert. Tie jüdische Gemeinde ist vom! Niauhreif getroffen. Djas^Schicksal des Weltkrieges, das den Untergang dieses Reiches heraufteschworen' hat, hat auch die Wiener KM 'älsgemeinde gezeichnet. Walten und Runzeln des ge?' hässigsten Zwiespaltes setzen sich an sie all. Der wutze!-l hafte Boden, .auf den: si>e ruht, wird ihr abgegraben, das? Licht aber, das in Zion anfgehen soll, will vorerst die Helle, köstliche Flammie, über das Glück und Wohlergehen unserer großen "jüdischen 'Gemeinschaft geleuchtet hat. Mit Wen Fingern schmälend ersticken. W ie n,;am 5. NoveMber'1918. Die Arrk«rrfL NKfeVer Geweirrdr. Bon Dr. Rudolf Ritter von Schwarz-Hiller. Wien, den 6. November ISIS. Wer seinen Nächsten haßt, vergießt Menschenblut. (Jüdisches Sprichwort.) Die großen Ereignisse der letzten Wochen und Tage sind auch an der Wiener Kultus gemeinde, der größten und ersten Vereinigung von Juden des ehemaligen Doppelreiches, nicht spurlos vorübergegangen; sie haben in der genannten Gemeinde, außerhalb und innerhalb der Repräsentanz derselben eine tiefe und dauernde, oftmals heftige Bewegung hervorgerufen, eine Bewegung, die erst begonnen hat und von ihrem endgültigen Abschlüsse noch sehr weit entfernt ist. Es ist nun hier wie anderwärts, die Ereignisse, haben die Bewegung, ihre .Gründe und ihre Heftigkeit nicht verursacht, sie haben die Bewegung mit all ihren Folgeerscheinungen nur ausgelöst. Dis Bewegung, ihre Gründe, ihre Heftigkeit, sie waren lange schon vorhanden, sie wurden mrr nicht beachtet, sie wurden unterdrückt, und so darf es nicht Wunder nehmen, wenn die Auslösung zu Erplosionen führte; hier wie auch anderwärts. — Grundsätzliche Anschauungen stehen miteinander im Streite, Fortschritt und Neuerung kämpfen gegen altererbte, durch Trägheit und Gleichgültigkeit im Laufe der Jahre iMMer mehr erstarkte Tradition, ungestüme Jugend gegen allzu weises .Alter, bedenkenloser Idealismus und opferwMge Begeisterung gegen nüchtern erwägende Opportunität. Und da wird links und rechts gesündigt, sachliche Differenzen werden personifiziert, und auf der .einen Seite glüht Haß auf, der heute mehr als je, um mit Pen Worten des alten jüdischen Sprichwortes zu sprechen, Blutvergießen bedeutet, und auf der anderen Seite bringt angeborene oder gewollte Verständnislosigkeit für Zeit und Menschen auch den Ruhigsten zur Empörung. Wer heute mit feiner Anschauung Recht hat, kann keiner entscheiden, der mitten darinnen steht im Widerstreite der Meinungen, aber eines muß wohl von jedem Gerechten zugebilligt werden: in einer Gemeinschaft, in einer Gemeinde muß jeder ernsten Stimmung, jeder großen Strömung die Möglichkeit zu Wort und Ausdruck zu gelangen, freigegeben sein. Unterdrückung von Meinungen war niemals ein taugliches Mittel, sie zum Schweigen zu bringen. Unterdrückung wirkt stets gefährlich. Hier gibt es nur eines: Befragung der Gemeinschaft, damit sie über sich und ihr Schicksal selbst entscheide. Selbstbestimmung. Nicht aber Okttoierung des Willens einzelner der Gesamtheit. Die weitaus überwiegende Masse der Wiener Juden hat bis vor ganz kurzer Zeit, ja man kann ruhig sagen, bis vor wenigen Tagen, für ihre Gemeinde wenig, oft

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