Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 44 (8.11.1918)
- Date
- 1918-11-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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£*fti 706 Nr. M Tr. Bloch's Wochenschrift Aw Scherdemeg. Ein jüdisches Parlament. JHL ist weder die Zeit für Schlagworte, noch für Volkstümlichkeit, noch für Lärnt, sondern bloß für den Verstand. Wir .Juden dürfen uns von der allgemeinen WelLneurose nicht anstecken lassen, sondern müssen ruhiges Blut bewahren, ohne indessen an Tatkraft einzubüßen. Diese Tatkraft darf jedoch. unter keinen Umständen eine falsche Richtung einschlagen und für lange Zeit ein Verhängnis Heraüsbeschwören. Wir sind uns doch. hoffentlich darüber klar, daß. die Gegemvart eine Verantwortung für mehrere Geschlechter tragt. An den Tschechen können wir lernen, wie fruchtbare Politik gemacht werden muß. Die Voraussetzungen verlangen gebieterisch!: vollste Einigkeit mit Beziehung aller Parteien und ein umfassendes klares Programm mit Rücksicht Ms alle Interessen. Der klare Beobachter sieht deutlich, daß beides noch nicht vorhanden ist. Wir haben Beratungen und ein Programm der Jugend, Beratungen und' Meinungen bei den bürgerlichen und erwerbenden Kreisen, Lei den Erbgesesfenen und. den Zuzüglern. Die Juden haben Vertreter im Kreis der neuen Regierung, in den Soldatenräten, mch an allen Ecken und- Enden ntbm und handeln Leute vernünftig und unvernünftig. Das alles muß zusämMengesührt und zusammengeschmiedet werden. Es ist durchaus notwendig, eine Vertretung zu schaffen, welche die -überwältigende Mehrheit der Juden umfaßt und welche „Andersgläubige" als unverantwortliche EigenLrödler bezeichnen darf. .Wese Vertretung muß -eine wohldurchdachte, in jeder Einzelheit festgelegte Parole htchjen und muß sich; auf die Einigkeit und sreiw.ilHIge Folgsamkeit aller lJuden des neuen Staates stützen Wunen. Dann wird sie auch- Kraft genug besitzen, um nicht Worte zu machen, sondern ihre Forderungen -auch durchsetzen zu können. Das wird Wjenigsteus anfangs nucht leicht sein. Denn unter der neuen Regierung befindet sich mancher Mächtige, dessen Meinung bisher in der Ostdeutschen Rundschau" und irr der -Iieichspost" enthalten war'. Wenn auch her Wilsongeist die Welt durchzieht, wenn wir auch, von den Sozialdernokraten utehr politische Gerechtigkeit erwarten dürfen, so wird doch, „die Macht der Finsternis" den -antisemitischen Aberglauben noch wiederholt für ihre dunkeln Zwecke beniitzen. - Es ist also das Gebot der Stunde, daß wir ans fest auf die Füße stellen, und das wird nur'möglich! sein, teilt alle Beteiligten guten Willens sind. NiemauL, darf jetzt seine Herrschsucht, sein Machtgefühl, seinen Oppositionsgeist in den Vordergrund stellen. Im 'JudeutürU Wiens und in der Provinz haben wir mehrere fchars getrennte Interessengruppen, deren Gegensätze in ber Vergangenheit scharf aufeinander stießen. Diese Vergangenheit muß spurlos begraben werden. Keine von den 'Gruppen hat das Recht, sich. Vertretung der Juden zu nennen, sondern nur alle zusammen und ihre besten Führer rnfüssen LÄm auch ungesäumt zusautmentveten. Eine gute Gelegenheit ist g ekommlejn. - Der Sturm der neuen Zeit h!at auch die-Vorschriften umgeworsen, welche bisher jaus der Wiener Kultusgemeinde eine reinle Verwaltungsbehiörde ohne die Möglichkeit einer politischen Betätigung machten. Dieser Aenderung h!at auch die bisherige Leitung entsprochen und einer neuen Kühruügl Platz gemachit. -Wähirend diese Zeilen in Dirpck gehen, Sonden neue Männer an die Spitze fter GMeinde treten, und diese haben wahrhaftig keine Zeit zu verlijerLjN. Ihre Aufgäbe ist es, ungesäumt drängende Einladungen gn die Vertreter der jüdischen Gruppen Drszufenden und die jnoch t tirJm'er getrennten Lager zu vereinigen. Aller Takt und alte Festigkeit, müssen, anfgebäten wachen, damit so' rasch als müglich das jüdische Parlament Den tschösterreichs zufamMentritt und unter Anhörung unserer klügsten und berusenstm Leute das albgemeine, bindende PrvgWUm ausstellt und vollkommen beglaubigte Vertreter für Verhandlungen mit den Machthabern wählt. i Möge nur jeder Beisitzer dieses Parlamentes, das besser heute als morgen zusammentreten sollte, von reinster Geloissenhaftigreit beseelt fein und den ganzen Kreis. unserer Interessen Zu über fehlen verrnögen. Die Vergangenheit ist abzuschließen, die Fäden, d'ie uns mit dm Juden in den änderet: Ländlern der,ehemaligen Monarchie v'eMnd'M, müssen.-abgewickelt, aber nicht Mrrisftjn werden. Für die Zukunft ''darf keine AUglichk'eit>. offen bleibens, die . unseren Feinden Handhaben Mietet und unser geistiges oder moralisches Lebert beschwert. Mit den Regierungen müssen MMachungen getroffen und von ihnen Bürgschaften verlangt werden. Bei den Friedenskonferenzen sind alle Rechte der Juden sichetzustellen und ihre Freiheit'und Gleichheit zu verhängen. In diesen, kurzen Sätzen ist eine riesige Arbeit unseres Parlamentes enthalten, die rasch! geleistet werMumuß, - denn unfern Zukunft soll sich. Vesser lgefl!alt-en jalsfuMre Elende Gegenwart. Dazu ist es unbedingt notwendigdjaß es alle Inden sind, die Mitarbeiten, und die zweite brennerrde Forderung nicht des Tages, sondern der Stunde lautet : Keine Zeit verlieren, ja keine Zeit verlieren! Ssmeirrde. Von Dr. Heinrich Schreiber. Ueber die Wiener Kultusgemeinde: senken sich! tiefe Schatten. Die Front ihrer bisherigemZusammensetzung wurde jäh durchbrochen. Sie wurde eingedrückt von jenen stürmisch vorrückenlden Bataillonen, zu denen sich die Jüdisch-nationalen und Zionisten zufammengeballt haben. Es sind dies nicht etwa Wähler schichten, die bereits nach der herrschenden Wahlordnung berufen und b efugt wären, das Geschick der jüdischen Gemeinde "zu bestimme::, sondern es sind größtenteils Gemeindeangehörige und- Jungmannschaftm, die voM-Wahlrecht überwiegend ausgeschlossen sind. - - r Gleichwohl haben die Führer der Gemeinde-diesem Drück nach gegeben. Sie haben kapitrckiert vor einem! Oktroi, das die Vertreter der Gemeinde mit dem fch.amigen Ramm eines Kompromisses bemänteln. Dis oberste Forderung, die es erhebt, geht dahin: „Das Präsidium muß. ab treten!" Nicht etwa deswegen, weil es sich; aus hvchbetagten Männern zusammensetzt, denen die Tat- und die Spannkraft nicht mehr zugetraut werden kann, um in diesen bewegten Zeitjen das Steuer Wr