Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 43 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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mm 702 Dr. BloM Wochenschrift srr. tö' tcu aufzustellen pflegt, sind im allgemeinen recht belanglos. Der wahre und tiefgehende Unterschied, der die Völker einerseits trennt, andererseits wieder die. Brücke schlagt, die von einem zum, anderen führt, besteht in den geistigen und sittlichen -Werten, die jedes Volk -aus sich heraus geschaffen hat, und denen es mit jeder Faser des Herzens ergeben ist. Machen wir einen Querschnitt durch die Seelen der Nationen, den sogenannten Volksgeist, werden wir zum Resultate kommen, daß jedes Volk von allen geistigen und sittlichen Vorzügen, aber auch von allen geistigen und sittlichen Mängeln eine, genügende Ration zur Verfügung hat. Es hängt nur von der politischen urrd Wirtschaftlichen Konstellation, vom Klima, von der .Fruchtbarkeit des Bodens, mit einem Worte vom Milieu ab, welche Sitten und-Unsitten, Tugenden und Untugenden schärfer heroortreten. Be- _ weis dessen, dürfen wir konstatieren, daß alle Tugenden, die wir Juden so gern jüdische nennen, die dem Christen christlich sind, von fast sämtlichen primitiven Völkern schon gekannt und gepflegt wurden, zum mindesten im Kreise des eigenen Stammes. Freundschaft/ Wahrheitsliebe, Gerechtigkeit, Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Ehrung der Eltern, Schutz der Kranken und Elenden sind keinem primitiven-Volke fremd gewesen. Es ist also unsinnig, von deutscher Treue, oder von französischer Eitelkeit, von englischer Selbstsucht oder jüdischem Materialismus zu sprechen. Wir finden in jedem Volke reichlich Treue wie Treulosigkeit, Ehrgeiz und Demut, Egoismus und Selbstlosigkeit, Güte wie Bosheit, Perfidie wie Ehrenhaftigkeit. Wenn aber beispielsweise die Denker und Dichter eines Volkes . die ja die Summe sind aller in ihrem' Volkstum' 'schlummernden Kräfte und Eigenschaften — ihre Nation das Pflichtgefühl als höchsten sittlichen Wert lehrten, und das Volk " mit eisernem Willen die von jenen Männern gelehrte Selbstzucht betreut und-übt, bis sie allen Teilen der Nation zu Fleisch und Blut wird, dann werde ich wohl sagen dürfen, dieses Volk unterscheide sich von den anderen , durch sein Hochentwickeltes Pflichtbewußtsein. Werde ich. deshalb sagen, daß es in diesem Volke keine Leute gebe, die das Pflichtgefühl nicht besäßen? Oder werde ich hehaupten, daß diese Eigenschaft den anderen Nationen unbekannt wäre? Beides wäre unwahr, beides Uebertreibung. Nur werde ich sagen dürfen, daß in keinem Volk das Pflichtbewußtsein derart Gemeingut geworden sei, wie in diesem, und werde mit gutem Recht diese Tugend nunmehr als eine dem Wesen des Volkes angehörige Eigenschaft preisen "können. Angenommen also, daß Völker außer ihrer Selbsterhaltung noch eine andere Mission haben,, so kann das nur sein, wenn die Großen des Voltes ihm dauernde sittliche und geistige Werte geschaffen haben, und kann nur darin bestehen, daß jedes Volk die Pflege der ihm von seinen Großen auferlegten geistigen und sittlichen Werten als seine höchste Pflicht anerkennt, das heißt, d a ß e s sich s e l b st t re u bleibt. XI. Die wahre Mission der .Juden.. Daß die Großen des jüdischen Volkes — ebenfalls die Summe aller latent im Volke vorhandenen Eigenschaften — sittliche Werte geschaffen haben, wird -gewiß niemand leugnen. Die Nächstenliebe, die Gerechtigkeit, die Wohltätigkeit, das Mitleid sind Forderungen, die in keiner Nation mit solchem' Ernst und solcher Ausdauer an die Gesamtheit gestellt wurden, wie in Israel von den Propheten. Die Sehnsucht nach Verbundenheit mit Gott, das Eottvertrauen/die Gottesftzrchl. dasMrMHlhlPrt dem iaUeinigen Gptt und seiner Schöpfung dem Weltall, sind wieder religiöse Güter, die mit beispielloser Kraft und Konsequenz unentwegt gelehrt und veMndet wurden. Andererseits' hat das jüdische Volk diese geistigen^ und sittlichen Werte .sich derart zu eigen gemacht, derart Kr sie sich eingesetzt und sein Lebensziel ihre Betätigung genannt, daß man schließlich mit Fug und Recht behaupten kann, diese. Werte bilden das Wesen Israels : es fällt und steht mit ihnen, sie sind seine Geschichte, seine Zukunft. Natürlich werden wir nicht sagen, diese Werte kenne kein anderes Volk als das jüdische, noch werden wir sagen, daß jeder Jude sich zu ihnen bekenne. Aber die Tatsache muß zugestanden werden, daß der Kern im Unterschiede zwischen dem jüdischen VoUe und den anderen Nationen nur. in der Schöpfung dieser Werte bestehe und in.der sich gestellten Aufgabe ihrer Durchführung. Und wenn Romain Rolland die Juden die „edelste Rasse" nennt, so wird er sicherlich keine gndere Begründung Kr.sein Urteil habech als die Schöpfung dieser gewaltigen. Werte, durch die Israel her Lehrer der Menschheit geworden ist. Rühmt er doch an den Juden die schönste, Tugend, die Menschen auszeichnet, die Menschlichkeit:. „Sie haben zwar viele Fehler, aber sie besitzen eine gute Eigenschaft, vielleicht die beste von allen: sie sind lebendig, sind menschlich, nichts Menschliches, ist ihnen fremde sie nehmen an allem, was lebt, Anteil." „Güte ist bei Juden nicht selten: von allen Tugenden lassen sie diese am ehesten gelten, selbst wenn sie sie nicht ausüben." So hat also, auch Israel trotz seines einzigartigen Schicksals selbst m der Diaspora keine andere Mission, als jedes ändere weltgeschichtlich bedeutende Volk: den von seinen geistigen Heroen geschaffenen Werten, also sich selbst treu zu bleiben: Und nur ein Jude, der sich stets vor Augen hält, daß er diese sittlichen und religiösen Werte seinem Volkstum dankt und sie aus dem Schrifttum der Ahnen immer von neuem sich holt, ist sich selbst bewußt treu. . ' Wäre uns jemals das Unglück beschießen gewesen, stinkende Amoralisten, zersetzende Nihilisten, wie. Kohn- Hamilton und Levy-Coeur, als typische Judengestalten auf der Kulturbühne aller Völker zu sehen, wenn diese Menschen nicht entjudete Juden, entwurzelte, entartete, heimatlose Juden, sich selbst treulose Juden geworden wären? EntwurzeK weil sie die sittlichen Werte ihres Stammes verwarfen, heimatlos, 'weil sie dem'. Urgrund ihrer? Volksgröße treulos. wurden, wie es auch Rolland mit scharfen Worten geißelt. Nicht die Diaspora, hat die Juden entwurzelt, sondern ihre Treulosigkeit gegen den alten, großen Geist ihres' Volkes. Hätten wir den behalten, den in die Welt -weitergetragen, mi,t dem alles Große und Edle aller Kulturen vereint, wir wären ein Segen der Menschheit geworden. In der Not /und im Elend der Diaspora haben wir fast alles erworben, was heute so durchgeßends jüdische Art genannt wird: unseren Geldhunger/ unseren Merkantilismus, unseren Verstand und unsere Respektlosigkeit. Alle Versuche, diese jüdische Art auf Israels Kindheitsjahre zurüchuführen und sie unserer völkischen Utzelle in die Schuhe zu schieben, scheitern an der Erkenntnis/die wir aus den biblischen Schriften über die ältesten Tage unseres Volkes, gewinnen. Und Mbst wenn manches davon latent in uns gesteckt haben mag, — steckt doch in jedem? Volke alles — zur zweiten Natur wurde es uns in der Fremde und! durch die Fremde. Die Emanzipation Hatte nun bei einer großen Anzahl der Juden das sonderbare. Kr den Psychologen allerdings, nur zu sehr verständliche Ergebnis,* daß sie den erworbenen Gütern? treu blieben> die ursprünglichen jedoch, die von den' Leiden und Jämmerlichkeiten der Diaspora verschütteten, vielfach vollständig verließen. Im. wirtschaftlichen Leben wurden diese Menschen dann skrupellose Geldverdiener, im politischen rück-