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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-11-01 · 43 (1.11.1918) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
43 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 701 Nr. 43 X. - Zu Roklands Worten Aber die Juden im Zeitalter des Nationalismus. Welche Rolle weift nun Rolland dem .jüdischen Geiste zu im neuerwachten nationalistischen Zeitalter? Keine. Rolland ' gibt uns keine ausführliche Schilderung des neuen Zeitalters. Wir sind ja noch mitten »drin, in seinem Kampfe und seinem Ringen: es ist eins werdende, ferne abgeschlossene Zeit; eine Zeit, die er kommen sieht, deren Sturm und Drang mächtig fühlbar ist. Sie liegt aber nicht fertig hinter uns, kann daher in typische Gestalten noch nicht recht gefaßt werden. So begnügt sich auch der Dichter in bezug auf die Juden in der neuen Zeit mit einem einzigen Ausspruch, auf den er dann auch weiter nicht , mehr Zurückkommt, der aber zu dem bedeutsamsten gehört, was der Dichter in seinem Roman über das Judentum sagt und mit dem wir uns eingehend-.beschäftigen müssen. Ec sagt: „Die Juden sind ihrer heiligen Mission gefolgt, die darin besteht, zwischen den anderen Rassen das Fremdvolk zu bleiben, das Volt, das von einem zum anderen Ende der Welt das Netz menschlicher Ge- ^meinschaft webt. Sie schlagen die verstandesmäßigen Schranken zwischen den Nationen nieder, um der göttlichen Vernunft freie Bahn.'zu schaffen." Rückschauend auf die verflossene Generation, wiederholt also der Dichter seine Ansicht über die. wichtige Stellung der Juden im Geistesleben der Völker. Nur daß er hier angesichts des erstarkten Nationalismus, den er selbst nicht gutheißt, _ seinem Gedanken eine neue Wendung gibt. Lr sieht jetzt nicht mehr das Gemeine, Fratzenhafte. Häßliche und Niedrige in diesem zersetzenden Wirren, sondern das Große/ Erhabene, Göttliche daran. Er betrachtet jetzt die Tätigkeit der Literaturjuden sud specii aeternitates Das NiederreißM der Schranken, die völkische Borniertheit zwischen den einzelnen.Nationen aufrichtet, ist ihm jetzt eine heilige Mission, um das einigende Band um die Menschheit zu schlingen, einen Verbindungsweg zu bahnen der göttlichen Vernunft, auf dem die Völker sich wiederfinden mögen. Was Rolland eigentlich sagen will, .ist folgendes : Die Völker der Welt werden nach der Zersetzungsperiode, der sie verfallen waren, immer mehr und mehr von ihrer nationalen Selbstsucht beherrscht, die sie lehrt, in der nationalen Isolierung das einzige Heil zu suchen. Soll aber das die Zukunft der' Menschheit sein? Unmöglich. Lehrtnicht die göttliche Vernunft, daß alle Menschen zueinander gehören und ein Gottesreich bilden sollen? Die Verbrüderung der Menschheit bleibt ja doch der große Endzweck. Wer soll dem dienen? Soll in dieser nationalistischen Welt dies Ideal keinen Verfechter und Träger haben? Rolland meint nun, diese heilige Mission sei dem jüdischen Volke vom .Schicksal Angewiesen. Das Judenvolk, dieses Volk voll Intelligenz, Begabung und Tatkraft, ist dafür prädestiniert. Ueberarl ein Fremdvolk, soll es der Lehrer sein der Emheit aller Menschen. Ein Hartes, trauriges Geschick: das Opferlamm der gesamtest Menschheit zu sein. Welche Hingabe.an das Menschengeschlecht gehört dazu, um fremd und verlassen und.einsam der Welteinheit zu dienen! Sind die Juden ein solches Fremdvolk? Unter „Fremdvolk" verstehen wir ein Volk, das den Einheimischen in allem! fremd gegenübersteht, fremd in Sitte, 'Brauch, Fühlen und Denken, fremd auch in der Liebe zum Boden, auf dem man lebt. Sind die Juden ein solches „Fremdvolk"? Rolland widerspricht sich in diesem Punkte. .Sagt er nicht selbstz man werfe den Israeliten s eh r m i k Unrecht hör „keiner Nation anzügehören, und von einem zum anderen Ende Europas nur ein einziges Volk zu bilden, das den Einflüssen verschiedener Völker, unter denen sie Hausen, unzugänglich ist"!? Behauptet er doch selbst, daß das gerade Gegenteil wahr sei, daß es in Wahrheit keine Rasse gebe, die leichter den Stempel der Länder annimmt, in dein sie lebt: daß, wenn auch manches Gemeinsame dem deutschen und französischen Juden anhafte. ihre Verschiedenheiten, welche von dem neuen" Vaterland herrühren, dessen geistige Gewohnheiten sie unglaublich schnell annehmen, doch noch größere sind. Wie tadelt Rolland die Schlechtigkeit und die Dummheit der französischen Antisemiten, die durch ihre beleidigenden Verdächtigungen die französischen Gefühle der in Frankreich angesessenen Juden entnmtigen! Und hier stempelt er die Juden zum ewigen Fremdvolk. Er begeht gegen uns dasselbe Unrecht, das er mit harten Worten ben Judenfeinden vorwirft. Nein, wir Juden sind kein Fremdvokk. Das Gefühl des Juden gegen sein Vaterland ist echt, er ist ein guter Deutscher, ein guter Franzose. Er ist jtldischer Rasse, er hat Eigenheiten seines Volkstums, zu. denr auch seine Religion gehört, sich erhalten, die ihm überall gewisse gleiche Charrkterzüge gegeben haben; er hat durch ekn gleiches politisches Geschick in allen Ländern manche Eigenschaften angenommen./die ihm allerorts eine gewisse äußere Aehnlichkeit geben, dabei ist er aber in seinem ganzen Sein Volldeutscher, Vollfranzose. eia deutscher Jude, ein französischer Jude, denen man nicht nur einmal ihr Adoplivvolkstum mehr ansieht als ihr Judentum. Und je mehr sich der Jude, unterstützt von Staat und Gesellschaft, in Sitte und Leben der Nation hmemlebt, um so mehr verschwinden die Unterschiede, die ihn von den anderen trennen. Ganz besonders in den Städten, wo der Jude zum größten Teil lebt, und die ihren eigenen Typ haben, ihre eigene .Art, die alle jhre Bewohner scharf charakterisiert.. Sagt doch Rolland selber, daß auch der großen Mehrzahl der eingeborenen Bürger eines Landes der tiefe und begründete nationale Geist fehle, daß sie mehr der Gewohnheit als dem Geiste nach national sind. Und in der Gewohnheit wird der Jude sehr bald durch und durch autochthon, ja sogar mehr als recht und mehr als nötig ist, wie es Rolland selbst beklagt. Der Dichter hat voreilig eine Meinung hingeworfen, die er wohl selber zu widerrufen bereit wäre. Ein Fremdvolk sind die Juden nirgends. Aber wenn sie es auch wären, auch dann hätte Rolland nicht recht, die Mission der Juden in der Arbeit jint die Verbrüderung der Menschheit zu finden. Dany--erst recht nicht. Läßt doch der Dichter den edlen Olivier die denkwürdigen Worte sprechen: „Man kann nicht zugeben, daß eine fremde Rasse, die mit der unseren noch nicht verschmolzen ist, sich anmaßt, bester zu wissen, was uns frommt, als wir selber." Und einer solchen Rasse würde man gestatten, Menschheitsverbrüderung zu predigen? Niemals. Einem Frsmdvolke, das solches unternehmen will, blickt jede Nation mit einem. gewissen Mißtrauen entgegen. Zu solchem Werk sind nur jene ganz Großen aller Nationen berufen, deren nationaler Geist über jeden Zweifel erhaben ist. Sie allem haben das Vertrauen ihres Volkes und das der Welt, haß die Seelenverbindung der Völker ihrerseits kerne.Preisgabe des eigenen nationalen Geistes bedeute. Wir Juden sind gerade, weil wir in solchen ungemein an die nationale Empfindlichkeit rührenden Fragen noch immer nicht ganz einwandfrei sind, für diese allerdings hehre Arbeit im Dienste der Gesamtmenschheit derzeit nur wenig ge- . eignet. Der Aufgabe, die Romain Rollaich uns stellt, sind wir nicht gewachsen, wir sind zu schwach, um ihre Lösung auf unsere Schültern zu nehmen. Wenn wir schon eine Mission haben sollen unter den Völkern, in deren Mitte wir leben, dann ist sie nur: uns selber treu zu bleiben. Alle Unterschiede, die man gewöhnlich zwischen den einzelnen Vökkerschafx

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