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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-10-25 · 42 (25.10.1918) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
42 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Nr. 42 Seite 680 D!r. Bloch,'s MoMnMist Ein Diener Gottes war er. Wie ernst er es Hamit nahm, wie ernst er seinen Beruf auffaßte, das zeigte er gleich Lei Antritt seines Amtes. Es war eine Unzukömmlichkeit, möcht' ich sagen, daß Zu jener Zeit Rabbinat und .Predigeramt geteilt waren, die Prediger der Gemeinde waren damals und schon vorher nicht Rabbiner der Gemeinde und der Rabbiner? war nicht Prediger. Schon in jungen Jahren, als er noch das Seminar besuchte, und spater, als er bereits seine Funktionen ausubte, .hat der Verewigte immer ckn dem Grundsatz festgehalten: der Prediger der Gemeinde müsse gleichzeitig auch deren Rabbiner sein, denn nur .dadurch würde das Ansehen des rabbinischen Amtes im Innern der Gemeinde und auch nach außen gehoben. Run fügte es sich, daß gerade zur Zeit seiner Berufung Ln die Wiener Gemeinde Prediger- und Rabbineramt nicht in einem und demselben Funktionär vereinigt waren; denn der damals in der Wiener Gemeinde wirkende hervorragende Prediger war nicht auch gleichzeitig deren Rabbiner. Und an dieser Zweiteilung in den Funktionen des Seelsorgeamtes wäre die Bestellung des Kandidaten, der damals kaum das dreißigste Lebensjahr überschritten hätte, beinahe gescheitert. Im Zuge der aus diesem Anlasse zwischen ihm und hervorragenden Vorstandsmitgliedern damals geführten lebhaften Korrespondenz wurde seinem Bedenken entgegengehalten, daß es nicht angehe, dem jüngeren, eintretenden Kollegen ein Amt zu übertragen, welches dem älteren, bereits im Amte stehenden Kollegen versagt war. Er anerkannte wohl diese Einwendung als triftig, und es war ein Zeichen seiner Klugheit, seiner Einsicht in die Verhältnisse der Gemeinde, wenn er sich zufrieden gab mit der von angesehenen Vorstandsmitgliedern erteilten Zusage auf Vereinigung des Prediger- und Rabbineramtes in seiner Person, sobald' dies möglich sein werde, ohne seinen Amtsgenossen in seiner Stellung zu kränken. Er mag sich damals das schöne Kapital aus Koheleth gegenwärtig gehalten haben: ,>Alles zu seiner Zeit", es gibt eine Zeih zu säen, eine Zeih zu ernten, es gibt eine Zeit, zu bauen, eine Zeit, niederzureißen, es gibt eine.Zeit zu sprechen, es gibt eine Zeit, zu schweigen — und so nahm er 'seine Stelle an, wohl zu seiner Genugtuung, aber zum weitaus überwiegenden Nutz und Frommen der Gemeinde. Es Jt dies ein wichtiges Ereignis in unserer Gemeinde, denn in ihm spiegelt sich die konservative Richtung ab, welche von diesem Augenblicke an der religiösen Entwicklung unserer Gemeinde gegeben wurde. « In einem Memoire, welches er für feine Kinder zurückgelassen hat, und dessen Einsichtnahme durch die Güte seiner Witwe, der ich hiefür nochmals öffentlich meinen Dank ausspreche, mir gestattet wurde, spricht er auch folgenden Gedanken aus: „Ich schreibe mir das Verdienst zu, das Predigeramt mit dem Rabbineramt vereinigt zu haben und daß alle meine» Amtskollegen auch Rabbiner sind. Die Unterscheidung gegen früher kennzeichnet am besten den Umschwung, der meine Tätigkeit und Wirksamkeit in der Gemeinde charakterisiert." Nur wenige Jahre war er im Amte, als sich ein für die Iudenschaft, namentlich für die westeuropäische Iudenschaft, für deren innere Einrichtung und religiöse Haltung wichtiges Ereignis zutrug: es war dies die Leipziger.Synode im Jahre 1871. Wir Juden waren damals hinausgetreten in die Oeffentlichkeit, die Staatsgrundgesetze in Oesterreich, die Gesetze auch anderer Länder hatten den Juden, dem Büchshaben nach, den Eintritt in alle öffentlichen Aemter ermöglicht, zwischen Christen und Juden sollte in der Aemterfähigkeit kein Unterschied sein, das Glaubensbe-, kenntnis sollte nicht entscheidend sein für den Eintritt in die öffentliche Wirksamkeit, und da glaubte.man aufräumen zu können mit den Gebeten über Jerusalem, den Zionshoffnungen, mit dem Gottesdienste, wie er einst in Jerusalem abgehalten wurde, kurz mit alten historischen .Erinnerungen. Auch der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde hatte den Beschluß gefaßt, daß aus den Gebeten alles eliminiert werde, was auf den zionistischen Gedanken sich beziehe. Da war es der Verewigte, welcher erklärte: „In einer solchen Gemeinde rstz meines Bleibens nicht." Der noch jmlge Mann, der kaum diese Stelle, diese erste Stelle in Mitteleuropa, angetreten hatte, war bereit, sie aufzugeben, wenn an diesem Beschlüsse festgehalten werden sollte. Er richtete ein Schreiben an den damaligen Präses der Gemeinde,' Dr. Ignaz Kurandä. Dr. Kuranda wußte den Inhalt dieses- Schreibens, bevor er esnoch eröffnet Haffe, er wußte, daß dieses Schreiben die Resignation des damals schon von der Gemeinde gefeierten, jungen Mannes enthalte. Er eröffnete es nicht, er wendete sich an Dr. Güdemann» zeigte ihm das uneröffnete Schreiben und sagte: .Vielleicht .finde sich hier ein Mittelweg, um die beiderseits- ~ gen Anschauungen zu vereinigen: dem Vorstände könne man nicht zumuten. daß er den einmal gefaßten Beschluß glattwegs widerrufe,' andererseits aber lege der Vorstand der Gemeinde das' grüßte Gewicht auf das Verbleiben Dr. Güdemanns, den sie wenige Jahre vorher gewonnen hatte. , And es fand sich ein Mittelweg. .Die Gebete, die den Zionsgedanken zum Ausdruck bringen und unsere Hoffnung für die Zukunft, wurden nicht eliminiert, sie blieben und wurden längere Zeit nur still gesagt. Bis zur Keduscho wurde laut gebetet, der folgende Teil des Schmone-esre blieb, würde aber still gesagt. So würde es einige Zeit gehalten : heute werden alle diese ' Gebete, welche unsere Geschichte und unsere Hoffnungen für die Zukunft zum Ausdrucke bringen, laut und deutlich gebetet. : Und da schreibt er in den vorhin erwähnten Aufzeichnungen, welches Verdienst er sich dadurch erworben hat, daß diese alten Gebete beibehalten wurden. Er sagt: „Mir gebührt die Anerkennung, daß der zionistische Gedanke, der im Erlöschen war und sogar aus den Gebeten ausgeschaltet werden sollte, in denselben, unserer Tradition entsprechend, beibehalten wurde." „Der zionistische Gedanke, der nunmehr durch den Zionismus in einer allerdings unerwarteten Meise ^erweckt wurde!" Von der religiösen Idee, aus welcher der Zionsgedanke, die Zionshoffnungen hervorsprießen, war beb diesem neuen Zionismus nicht die Rede. „Die Religion war ausgefchaltet", und er sagt, daß dies die Ursache seiner Gegnerschaft gegen den neuen Zionismus war. Einige Jahre nachher kam die Neukonstituierung der Wiener Iudengemeinde, oder, sagen wir lieber: die Konstituierung der österreichischen Iudenschaft durch das Gesetz vom Jahre 1890. Dr. Güdemann hatte bei der Beratung des Wiener Statutes, die auf Grund dieses Gesetzes geführt wurde, in der ersprießlichsten Weise mitgewirkt. Er war aber früher im Widerstreite mit dem Vorstande gewesen', er hatte seine Meinung gegen das wesentlichste Prinzip dieses Gesetzes öffentlich ausgesprochen und in einer Petition an die Regierung auch seiner Ansicht Ausdruck gegeben. Der Rabbiner, so meinte er damals, solle an die Spitze der Gemeinde treten, der Rabbiner sei das Haupt der Gemeinde. Es war dies mehr oder weniger der Gedanke, der ungefähr im Begriffe der Konsistorialverfassung gelegenst, lleber diese Ansicht ist dann auch in den gesetzgebenden Körperschaften gestritten worden.

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