Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 41 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Seite 671 Nr. 41 : Dir. BlochV Wochenschrift ihren beiden Bindern Zur Erholung nach> der Schweiz, wo sie sich, wieder treffen. Enge Freundschaft schließen Christof und Grazia. Ms sie nach! Rom zurückkehrt, schließt sich Christof ihr an. Auf ihre Anregung geht er wieder nach, .Paris, wohin er Konzerte zu geben eingeladen wird. Sein unglückseliger Zusammenstoß! mit der Polizei war längst vergessen, die Behörden selbst hatten die Akten als die eines bedauernswerten Zufalls beiseite gelegt. Und jetzt offenbart sich ihm das neue Paris, das neue Frankreich!, die vom nationalen Fieber ergriffene französische Intelligenz. Wohl sah er auch die Römer von der nationalen Sturmflut erfaßt, aber so wie in Paris beherrschte sie in Rom doch nicht die gesamte Jugend. Der.Sänger der neuerwachten Nationalidee war jener bucklige Emanuel Feuillet geworden, für den sich der edle Olivier vor zehn Jahren an jenem entsetzlichen ersten Mai den Tod geholt hatte. Aber auch Emanuel war bald überholt. Er, der mit schwärmerischer Liebe an seinem Meister Olivier hing, hatte auf dessen Ideale trotz aller nationalen Glut nicht vergessen. Ersah in Frankreich alle Träume von der Gerechtigkeit, dem Mitleid und der Verbrüderung der Menschen verwirklicht, so wie sie die Vesten der vorhergehenden Epoche aufgefaßt hatten. Er stellte Frankreich nicht dem übrigen Europa gegenüber wie eine Feindin, deren Glück auf den Ruinen der anderen Nationen erblüht; er.stellte es an ihre Spitze als die angestammte Herrscherin, die zum Besten aller regiert, — als das Schwert der VollkoiM menheit, als die Führerin des .Menschengeschlechtes." (III, 504.) Das neue Geschlecht wollte aber von diesem edlen Geist nichts wissen. Während Emanuel sein Nationalgefühl mit Verehrung sittlicher Größe verschmolz, fanden die Jungen etwas besonderes darin, „den gefunden, beschränkten Menschenverstand zu feiern, den leidenschaftlichen Wirklichkeitssinn, die schamlose nationale Selbstsucht, die das Recht her anderen und andere Nationalitäten mit Füßen tritt, wenn es der Größe des Vaterlandes zuträglich ist". (568.) Christof sah mit Staunen, doch zugleich mit tiefem Verständnis, diese machtvolle nationale Bewegung. Jetzt ging ihm erst der Sinn der vergangenen Zeit auf, dieser Zeit der Zersetzung, der Zweffelssucht, des Snobismus, des kosmopolitischen Mischmasch. Dies Niederreißen alter Tradi-, tionen, dies ironische Belachen der Vergangenheit mußte sein, damit auf den Trümmern des alten das neue Haus gebaut werden könne. „Die Zweifelsucht, die an dem Glauben, von gestern nagte, schuf dem Glauben von Morgen Raum." (590.) Auch Levy-Coeur, dem er zum! Schluß versöhnt die welke Hand reicht, mußte sein. „Ich habe auch schon gelernt", ^schrieb er an seine geliebte Grazia, „daß .es nichts Zweckloses gibt und daß selbst die Häßlichsten ihre Rolle in dem Plan der Tragödie haben. Die schlimmsten Dilettanten, die stinkendsten Amoralisten haben ihre Aufgabe als Holzwürmer erfüllt; es galt, die wacklige Hütte zu zerstören, bevor Man sie wieder aufbauen könnte. Die Juden sind ihrer heiligen Mission gefolgt, die darin besteht, zwischen den anderen Rassen das Fremdvolk zu bleiben, das Pulk, das von einem zum anderen Ende der Welt das Netz menschlicher Gemeinschaft webt. Sie schlagen die verstandesmäßigen .Schranken zwischen den Nationen nieder um der göttlich en Vernunft freie Bahn zu schaffen. Die. schlimmsten Fälscher, die spöttelnden Zerstöre r,» die die GlaubenSKberzeugungenunserer Vergangenheit untergraben, die unsere geliebten Toten ^Morden, arbeiten, ohne es zu wissen, an deM heiligen Werke, an dem neuen Leben." (478.) Nicht, als ob er selber fanatischer Nationalist geworden wäre. „Wenn man eine gewisse seelische Reffe erworben hat, kennt man keine Nationen mehr, man fühlt Glück und Unglück der benachbarten Völker wie sein eigenes." (564.) Christof hatte sich seine alten Ideale erhalten. Auch die alte Bibel liebte er noch immer abgöttisch. Manchen Stoff für seine musikalischen Schöpfungen wählt er aus dem Alteil Testament, so die Josefs-Erzählung. Und gerät seine Seele in Schwingung, nimmt seine Rede ertatische Gebärde an, dann drängen sich auf seine Zippen Bilder der Bibel, dann spricht er von sich und dem alten Geschlecht als von jenen, die die Arche bis an die Schwelle des verheißenen Landes geführt haben. (572.) Mag auch die Jugend über sie hinweggehen, groß ist doch die erhabene Freude des Verzichtens, wenn man einmal auf der Höhe war. „Wir waren die Glücklicheren. Wir haben den Berg Nebo erklommen, zu dessen Füßen sich die Lande dehnen, die wir nicht betreten werden. Aber wir erfreuen uns an ihnen mehr als die, die sie betreten werden. Wenn man in die Ebene hinabsteigt, verliert man die Unendlichkeit dieser Ebene und den fernen Horizont aus den Augen." (572.) Und wenn er an seine Kämpfe zurückdenkt, wie er Gott Auge im Auge gegenüberstand, mit ihm gerungen hat, wie Jakob mit dem Engel (615 f), da kommt es in manchem Augenblick nochmals über ihn mit der ganzen Glut seiner musikalischen Intuition, dawill er wieder das Antlitz Jehovas suchen, den Donner seiner Stimme vernehmen, mag er ihn auch dann vernichten! (618.) Aber er begreift zugleich die läuternde Notwendigkeit der nationalen Idee. Er weiß, daß auch sie nur eine Melle sei, daß auch sie sich abschwächen werde, doch er anerkennt ihren großen erzieherischen Wert für die Entwicklung. Bitter klagt Emanuel über den Verlust der alten Ideale. „Mit welcher blinden Brutalität werfen jene Leute das.ganze Erbe des französischen Idealismus über den Haufen, diesen Glauben an die Freiheit... an die Liebe .zur Menschheit, das religiöse Streben nach Brüderlichkeit der Nationen und Rassen! Welcher Taumel hat sie ergriffen, daß sie die Ungeheuer, die wir hesiegt haben, zurücksehnev, daß sie sich von neuem unter das Joch begeben, das wir zerbrochen haben, daß sie mit leidenschaftlichem Geschrei die Herrschaft der Gewalt zurückrufen und den Haß, den Wahnsinn des Krieges im Herzen meines Frankreichs neu entzünden." „Das geschieht nicht nur in Frankreich," erwiderte ihm Christof, „sondern in der ganzen Welt. Von Spanien bis China braust derselbe Sturm; er weht sogar bis in meine Schweiz hinein, denn sie gebärdet sich nationalistisch." „Das findest du trostvoll?" „Sicherlich. Man sieht daran, daß solche Strömungen nicht den lächerlichen Leidenschaften einiger wenigen Menschen zuzuschreiben sind, sondern einem verborgenen Gott, der das Universum lenkt. Und vor diesem Gott habe ich gelernt mich zu beugen. Wenn ich ihn nicht begreife, so. ist das Meine, nicht seine Schuld. Versuche ihn zu begreifen. Wer aber von euch bemüht sich darum? Ihr seht nicht weiter, als bis zum nächsten Meilenstein, und bildet euch ein, daß er das Ende des Weges bezeichne: ihr seht nicht die Welle, di.e euch emporträgt, und seht nicht das Meer! Die Welle von heute ist die Welle von gestern, ist die Flut unserer Seele; die ihr den Weg bereitet hat. Die Welke von heute höhlt das Bett für die Welle von morgen, die sie in Vergessenheit bringt, wie die unsere vergessen ist. Ich kann den Nationalismus der gegenwärtigen Stünde weder bewundern, noch fürchten. Er wird mit der Stunde vergehen: er geht vorüber» er ist schon vorüber. Er ist eine Sprosse der Leiter: Steige zur Höhe! Er ist der Quartiermeister der kommenden Armee ... Jedes Volk fühlt heute das zwingende Bedürfnis seine Kräfte zu sammeln und eine Ab-