Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 41 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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zielung von Wucherpreisen apsgenützt Werden würde. Die eigentlichen Schleichhändler, diejenigen, von,denen die städtischen Konsumenten in großzügiger Weise bewuchert werden, sind die Agrarier. Das Feweist die wahrend des Krieges erfolgte Entschuldung der ländlichen Grundbesitzer, das beweist das Anwachsen der Einlagen in den städtischen Sparkassen. Der Bürgermeister hat ja selbst gegen den Prinzen Schwarzenberg eine Anzeige wegen -Preistreiberei erstattet. Aber er ist wieder zurückgewichen und von dem Ergebnis der Anzeige hat man nichts gehört. Die Wiener, welche jetzt in Massen hinauswandern, um direkt bei den Bauern Lebensmittel einzukaufen, können sich am besten überzeugen, wie sehr die'Kriegskonjunktur von den Bauern ausgenützt wird. Es wird daher den christlichsozialen Agitatoren nicht gelingen, mit ihrer einseitigen Agitation -gegen den jüdischen Wucher die Aufmerksamkeit von dem Wucher ihrer agrarischen Freunde abzulenken." A«g«st Wünsche und das Alte Testament. August Wünsche gehört zu den sehr wenigen nichtjüdischen Semitologen — den weißen Raben aus diesem Gebiete —, die das Alte Testament aufrichtig bewundern und lieben. Das Gros sind eben die schwarzen Raben, die unser Schrifttum unbarmherzig zerpflücken. Wünsche hat sich ins Alte Testament einzufühlen verstanden. Er hat ein offenes Auge für den Wundergarten der Bibel. Da ' erinnere ich mich eines geistvollen Vergleiches, den ich vor Jahren, in Bern, in einer Vorlesung aus dem Munde des Professors Ludwig Stern gehört habe. Er lüs über „Griechische Philosophie", und um den Unterschied zwischen Plato und Aristoteles recht deutlich vor Augen zu führen, sagte er: „Stellen wir uns vor, die beiden Philosophen der Antike ergehen sich in einem blumenreichen Garten. Arrstotel^ sieht feine Blumen, er gewahrt — nur Pflanzen/ er zählt ihre Staubfäden, ihre Blatteile, er beobachtet ihre Kelche, Dolden und Stengel und^reiht sie in eine Wkanzenfamilie ein. Währenddessen sättigt Mato sein schönheitdürstendes Auge am Farbenschmelz!, an der Mannigfaltigkeit der Formen dieser Wunderkinder der Natur; er labt sich an ihrem göttlichen Dufte." Wünsche will auch die Bibel in dieser platonisches Weise genießen und auf sich wirken lassen. Ihm ist die Bibel kein Herbarium. Er ist kein Pflanzenanatom, dem über dem Zerfasern der Duft der Blume entschwindet — ihre Seele. „L’odeur, c’est Tarne de la fleur“ sagt Maeterlinck. („L’iEtelligence des fleurs.“) (Der Duft ist die Seele der Blume.) Wünsche schaut die Bibel als den ewig-jungen Garten voll duftender Blüten. Von seiner Liebe zu unserem alten Schrifttum zeugen nicht nur. sein liebevolles Versenken und Eindringen in die Untiefen unserer Midrasch- und talmudischen Literatur, seine tiefgründigen Monographien mit Beziehung auf die Bibel, sondern vor allem seine direkten Aeußerungen, die in seinen Schriften zu lesen sind: Im Vorworte zur Studie „Die Freude in den Schriften de^ Alten Bundes" (Weimar 1896) sagt er: „Möchte es uns gelungen fern, den bei, der Abfassung der Studie uns leitenden Gedanken, daß die alttestamentliche Auffassung der Freude weder in der Hingabe des Menschen an das Weltliche und' Sinnliche, noch in dem Fliehen vor demselben atz etwas Bösem und Sündhaftem besteht wohl aber dieses für den Dienst des Göttlichen und llebersinnlichen zu erheben, zu heiligen und zu weihen ist, dem freundlichen Leser klar vor Augen zu stellen. Sicher aber rmrd der Leser bei der Lektüre die Ueberzeugung gewinnen, daß Schätze geistigen Lebens in den in neuerer Zeit von gewisser Seite viel geschmähten Urkundendes Alten Bundes Merborgen liegen." - . In seinem Werke „Die Schönheit der Bibel", I. Band: „Die Schönheit des Allen Testaments" (Leipzig 1906), lesen wir: Den meisten Gebildeten ist die Schönheit der Bibel „eine versiegelte/Quelle" und „eine verschlossener Brunnen". Sie ahnen nicht, daßt die Bibel poetische Erzeugnisse ersten Ranges', Perlen der Weltliteratur enthält. An die Spitze stellen wir das Büch Hiob. Ihm gebührt in der Großartigkeit der dichterischen Gestaltung und philosophischen Gedankentiefe ein ganz hervorragender Platz.' Zwei Weltanschauungen ringen in der Dichtung miteinander, und zwar die eine, nach der Gutes und Böses bereits im Diesseits feinen Ausgleich finden muß, und die andere, nach der die Leiden Läuterungsmittel in der Hand Gottes zur Bewährung in der Tugend und Frömmigkeit sind. Mit Recht bemerkt Franz Delitzsch zum Büche Hiob: „Das Buch Hiob, als Drama aufgefaßt, strebt über die griechische Schicksalstragödie hinaus. Der Dualismus, den diese aufgehoben läßt, kommt hier zur Versöhnung? Die menschliche Freiheit erliegt nicht (OedipüS fällt dem unerbittlichen Schicksal zum Opfer), sondern es wird offenbar, daß nicht eine absolute Willkürmacht'das' menschliche Geschick gestaltet, sondern die göttliche Weisheit, deren innerster Trieb die Liebe ist." (S. 4.) Den Prolog des Buches Hiob benützte Goethe für den „Prolog im Himmel" in seiner Fausttragödie. (S. 2.) — Ist Poesie überhaupt Aeußerung der Individualität, Offenbarung des Gemütslebens in allen seinen Regungen und Bewegungen, so gehören die Psalmen mit zu den höchsten Manifestationen des dichterischen Geistes. In dem Ausströmen religiöser Empfindung stehen sie einzig in der Weltliteratur dar. Mögen manche Lieder der babylonischen Buß-- und Gebetshymnen sich den biblischen Psalmen nähern, in Wirklichkeit reichen sie an diese nicht heran. Schon die Neuheit und Erhabenheit-des Gottesgedankens, -die Erfassung GötteS atz eines ewigen geistigen Prinzips, nicht minder aber' auch die Innigkeit der Darstellung, der dichterische Schwung und der Adel der Gesinnung. Es ist nicht zu viel' behauptet, wenn wir sagen, daß in keiner religiösen Literatur der alten Völker sich das Herz mit Gott so innig verbünden, gewissermaßen zur Einheit des Empfindens und Denkens gemacht hat, wie in den religiösen' Liedern des israelitischen Volkes. (S. 315.) Dichterisch hoch stehen ferner die drei König Salomo zugeschriebenen Bücher. In dem aus verschiedenen Spruchsammlungen bestehenden Spruchbuche haben wir einen Zyklus von Kernsprüchen im Lapidarstil, die sich durch Gedankentiefe Und Lebenserfahrung auszeichnen. ES ist nicht die plattgetretene „Weisheit auf der Gasse", die uns entgegentritt. sondern es sind erhabene Gedanken, '„goldene Früchte in silbernen Schalen". Einzelne Sprüche des Kapitels 31 haben S H i Iler in der „Glocke", wo er die Hausfrau in ihrer Geschäftigkeit und Umsicht schildert, wie sie den Besitz -erhält und das Leben schmückt, vor der Seele geschwebt. Herrlich klingt der biblische Spruchgesang in den Worten aus: „Anmut ist Lug und Schönheit einHauch, ein den Ewigen fürchtendes Weib soll man rühmen." In kulturhistorischer Beziehung ist das Spruchbüch von der höchsten Bedeutung, da es uns ein farbenreiches Bild' der religiös-sittlichen Weltanschauung im Volke Israel vor Augen Mhrt. — Eine eigentümliche Schöpfung ist der „Koheleth", das Lieblingsbuch des großen König Friedrich. Es' ist ein Poem, reich an tiefen Gedanken eines philosophischen Grüblers, über den Zweck des vielgestaltigen und widerspruchsvollen Lebens. Der Mensch — das ist in Kürze der Grundgedanke — ist nicht imstande, das Lebensrätsel zu lösen, und es können ihm weder Sinnesgenuß noch irdischer Besitz, ja nicht einmal „Denken und Forschen" und frommes Han-'