Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-10-18 · 41 (18.10.1918) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
41 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022300-3022342--27255-3052661
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr.. 41 Seite t>61 Tr. Blocht Wochenschrift Herr Dr^v. Löwen st. ein, datz, soweit es sich um -die polnischen Juden Handle, -diese Leid und Freud mit den Landesbewohnern anderen Glaubens. teilen müssen und ihr Verhältnis zu denselben nur von der gegenseitigen Verständigung abhängig gemacht werden kann. Hiefür sei kein Gesetz matz,gebend, sondern nur das praktische Leben. Die Regelung der Lebensverhältnisse der Juden in Polen könne nur in Polen selbst im Einvernehmen Zwischen Christen und Juden entschieden werden. Selbst-, verständlich sei es hiebei, datz im Interesse Polens die Judenfrage nur in modernem Geiste'vollkommen bürgerlicher Gleichberechtigung gelöst werden könne. Ueber die zukünftige staatsrechtliche Gestaltung Polens werde das polnische Volk selbst in seiner berufenen gesetzlichen Körperschaft entscheiden. Der Empfang der ukrainischen Abgeordneten Dr. Lewyckyj und Dr. Petr.uszewycz währte über eine halbe Stunde.- Die beiden Abgeordneten erklärten, datz es der heiße Wünsch aller Mrainer Oesterreichs sei, datz der selbständige ukrainische Staat insbesondere aus Ostgalizien, der Nordbukowina und auch aus dem nordwestlichen Ungarn gebildet werde. Die beiden Abgeordneten sprachen sich entschieden dagegen aus, datz mit diesen Gebieten im Sinne der aüstro-polnischen Lösung irgendwelche Pläne gesponnen werden. Die Bevölkerung dieser Gebiete, und zwar nicht nur die ukrainische, sondern auch die deutsche, sei entschieden dagegen,, datz irgendein Stück dieses Landes an das Königreich Polen angegliedert werde. Die Juden, welche mit den Polen in diesem Staatsgebiete gehen, seien nur die dünne, gut situierte Oberschicht und ein verschwindender Bruchteil, während die jüdischen Volksmassen auch weiterhin mit den Ukrainern gehen wollen. Als letzter wurde Abgeordneter Reizes vom Kaiser empfangem der die Verhältnisse in Ostgalizien unter .besonderer -Berücksichtigung der dort lebenden 800.000 Juden dem Monarchen schilderte. Die jüdische Nation wünschedie Sicherung ihres kulturellen - und politischen Lebens und reklamiere ihr Selbstbestimmungsrecht und offizielle Anerkennung als Nation unter den Völkern Oesterreichs. WilfMS Demokrarisiemugsplane. — Die fundamentalen VMsfreiheiien md VokksveKts. Der Korrespondent des „Neuen Wiener Journals" Hatte eine Unterredung mit einer hervorragenden Persönlichkeit, welche soeben aus Paris gekommen ist und dort intime Beziehungen zu den Khrenden Persönlichkeiten der Alliierten hatte. Gr sägte: „Die in aller Eile vor- . genommene Erweiterung der Wahlrechte bei den Mittelmächten ist überflüssig. Es ist sicher, datz eine der bedeutsamsten Friedensbedingungen Wilsons die Einführung des allgemeinen, direkten und geheimen Wahlrechtes für alle politischen Körperschaften, auch her Landtage und Gemeindeverwaltungen, sem wird. Alle Frauen über achtzehn Jahre werden das aktive und passive Wahlrecht erhalten. Es ist auch die Sicherstellung aller Bürgerrechte der verschiedenen Konfessionen geplant, wodurch die Judenfrage in Europa eine epochale Lösung erfahrt." Mein Gewährsmann schkotz: „Wilson wird eine so weitgehende Demokratisierung in allen Staaten des europäischen Völkerbundes erzwingen, wie sie die Regierenden sich bisher haben nicht träumen lassen." - MreWMeret ----- Hochyechat.. Man schreibt uns : Von meinem Urlaubsaufenthalt in Mariazell zurückgekehrt, habe ich zu (.-richten, datz dort den Fremden — _ wie dies übrigens die Gastwirte schon im voraus anAndigten — kein Brot verabreicht, werden konnte. (Das ist selbstverständlich! Den Fremden Brot, den Einheimischen Hunger, das hätte gerade noch gefehlt. Die Schr.) Hingegen bekam man gegen Abgabe der Wiener Mehlmarken Mehl zu kaufen, aus welchem der Bäcker Brot buk. Der Mehlpreis betrug 24 K. und wurde von der Gemeinde in Mariazell.eingehoben, also nicht von einem Schleichhändler und Hochverräter. Ferner gilt in Mariazell nur der Freitag als fIexschloser Tag. An allen anderen Tagen bekommt man jede Menge Fleisch zu kaufen. Allerdings kostet das Kilo Rindfleisch 32 bis 34 K. Daher offenbar der Name: Gnadenort. Em Hofrat wegen Schleichhandel in Haft. Der „Wiener -Mittag" meldet: Seit kurzem sitzt ein Herr Dr. Johann Breicha, Hofrat im Eisenbahnministerium und Chef des Lebsnsmittelmagazins der Staatsbahnen, in gerichtlicher Untersuchungshaft; der Mann hat sich nämlich auf das Heute nicht mehr ungewöhnliche Geschäft des Schleichhandels geworfen, und vermöge seiner amtlichen Stellung war es ihm ein leichtes, mehrere Waggons Mehl, die als Suppenwürfel deklariert waren, frachtfrei aus Mähren nach Wien zu (ringen. Am Ostbahnhof wurde der Schwindel entdeckt und zwei Waggons fielen der Beschlagnahme zum Opfer. In der Angelegenheit sind auch in. Mähren einige Verhaftungen erfolgt. Die bei Breicha vorgenommene Hausdurchsuchung förderte nämlich Briefe und Rechnungen zutage, auf Grund deren der Brünner Geschäftsmann Napravnik, der im Kriege Millionär geworden sein soll, der Kanitzer Müller M o u c k a und der Landsturminsanterist B a b ak verhaftet wurden. Auch Lei Napravnik wurden zahlreiche, den Hofrat Breicha und ändere Personen blotzsiellende' Briefschaften und Rechnungen gefunden. Gewöhnlich vermittelte Napravnik zwischen dem Müller und dem Hofrat. In den letzten Tagen waren an ihn fünf Waggons Mehl versendet worden, gedeckt durch gefälschte Frachtbriefe, lautend auf die Adresse des Lebensmittelmagazins der Beamten der Staatseisenbahngesellschaft, des Militärkommandos und der k. k. Bergungs- TteXIe Wien. Trotz der täuschend nachgemachten Frachtbriefe gelang es, zwei Waggons übzufangen. Die Angelegenheit dürfte noch weitere Kreise ziehen. Schleichhandel und Hochverrat. In der letzten Gemernderatssitzung. in welcher eine lebhafte Diskussion über den Schleichhandel stattfand, beschäftigte sich Stadtrat Dr. Hein mit den in der Preisprüfungskommission gemachten Vorschlägen und sagte unter anderem : „Man hat "m der Preisprüfungskommission den Vorschlag gemacht, den Schleichhandel als Hochverrat zu behandeln. Ich glaube, wir haben ohnedies eine Ueberproduktion in diesem Artikel. Wenn aber der Vorschlag angenommen werden würde, dann gäbe es in Wien überhaupt nur Hochverräter. Es steckt in diesen Vorschlägen viel Heuchelei. Ganz Wien lebt vom Schleichhandel und beteiligt sich am Schleichhandel als Verkäufer oder Käufer. Es fällt mir nicht ein. die Flüchtlinge in Schutz zu nehmen, welche sich am Wucher beteiligen. Wir bekämpfen jede Art von -Wucher, ob er von Juden oder Christen ausgeübt wird. Aber es ist eine Heuchelei, nur immer von dem Wucher der Flüchtlinge oder gar mit der gewohnten christlichsozialen Verallgemeinerung vom „jüdischen Wucher" zu sprechen, als ob nicht an allen Ecken und Enden von Christen und Juden die durch den Krieg geschaffene Notlage zur Cr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.