Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 41 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 41 Seite 663 Dr. BloWs Wochenschrift dein ein glückliches Dasein auf Erden verschaffen. Trotzdem aber darf' er an der sittlichen Weltordnung nicht zweifeln. Die Hauptsache ist, in gewissenhafter Pflichttreue auf dem von der Vorsehung gestellten Platze zu arbeiten, daS sich-darbietende Gute und Schöne froh und dankbar hinzunehmen und auszuharren bis zum Tage des Gerichtes, welches die in der 'Welt bestehenden Dissonanzen und! Diskrepanzen zum Ausgleich bringen wird. — Das' Hohelied endlich ist ein Strauß, von Hochzeilsliedern der zartesten und duftigsten Minne in allen Phasen. In ihrem Zauber überstrahlen die Lieder alles, was den Zungen der Minnesänger im Mittelalter und den Dichtern der Liebe in neuer Zeit entströmte, was die Dichterzunge der alten Völker über Liebessehnsucht und Liebeswonne gesungen hat. (S. 6.) In den eir^elnen Liedern des Hohenliedes offenbart sich die 'Liebe in allen Phasen, in der ganzen Tonleiter der Empfindungen, in ihrem rosigen Erwachen und gegenseitigen Entbrennen, wie in den sorgenerregenden Hemmungen und in der Freude und dem Glücke des endlichen Besitzes nach langem Suchen. Schon der Grundgedanke, der die Liebe in ihrem Wesen, in ihrer Unvergänglichkeit und in ihrem unvergleichlichen Werte charakterisiert, hebt das Lied auf die höchste sittliche Stufe. Wahre und treue Liebe äußert sich als eine göttliche Lebensmacht, als ein göttlicher Funke, der das Herz entflammt, so daß es allen feindlichen Gewalten trotzt. Vor nichts schreckt sie zurück, nichts kann sie erschüttern, kein irdisches Gut kann sie erwerben! (Kap. 8, Vers 6 u. 7.). „Denn stark wie der Tod ist Liebe, Fest wie die Unterwelt Leidenschaft, . Ihre Gluten sind Feuergluten, Flamme Gottes! Große Wasser können nicht auslöschen die Liebe Und Ströme sie nicht überfluten. Wenn ein Mann alle Habe seines Hauses um Liebe hingeben wollte, -Mur verachten würde man ihn." (S. 56.) Die die Volksgeschichte-Israels begleitende Prophetie enthält in den 16 Büchern so viel Schönes' und Einzigartiges, daß es unmöglich ist. es in kurzem Nahmen vorzuAhren. (S. 7.) Wir müssen bekennen, daß Israels Propheten in der Kraft ihrer Gottesbegeisterung. wie .auck in der Erkenntnis der Krebsschaden ihrer Zeit und in der Unerschrockenheit, allen Ständen einen Spiegel ihrer Lebensführung vorzuhalten, einzig in ihrer Art dastehen. Sie sind große Staatsmänner und Politiker unb dabei wahre Vaterlandsfreunde, die an dem Wiedergeburts- und Erneuerungsprozeß ihres Volkes aus allen Kräften bis zur Selbstaufreibung arbeiten. Obwohl das Volk entartet ist, Uhlen sie sich doch mit ihm verwachsen, sie wissen, daß sie Glieder des Ganzen find und als solche die bereits eingetretenen oder noch bevorstehenden göttlichen Strafgerichte mitzutragen haben. Vom Standpunkte der Kunst betrachtet, erscheinen die Propheten aber auch als große Dichter. Ihre Reden sind Denkmäler der Macht der Sprache, die sich ebenso durch hohen Gedankenflug, wie durch malerische Schönheit der Darstellung auszeickmen und daher für alle Zeiten ihren Reiz und Zauber behalten werden. (S. 82.) Einen kurzen Blick müssen wir stuf das Salomo zugeschriebene Gebet richten, mit dem er die Einweihung des Tempels eröffnet. (I. Könige 8, 22—53.) In ihm spricht sich nicht nur wahrhaft religiöse Begeisterung und tiefe Frömmigkeit aus, sondern auch edle Duldsamkeit' und weltumfassende Menschenliebe. Es ist ein wahrhaft königliches'Gebet, zu dem keine heilige Literatur irgendeines Volkes ein Seitenstück liefert. Wahrhaft großartig und imponierend ist die EotteSvorstellung des königlichen Beters. Er ist nicht von. dem törichten Wahn befangen, dem Ewigen ein Haus gebaut zu haben, sondern er bittet nur, bah Sein Auge über der heiligen Stätte wachen und jedes in ihr vorgebrachte Gebet Erhörung finden möge. (S. 30.) — Wollte ich alles Schöne und Wahre, alles Tiefe und Anregende, was Wünsche in der „Schönheit des Alten Testaments" sagt, bringen, mutzte ich ungefähr sämtliche 381 Seiten abfchreiben. Im Vorwort zu seiner Monographie „Die Bilderisprache des Ulten Testaments" („Ein Beitrag zur ästhetischen Würdigung des poetischen Schrifttums im Alten Testament") (Leipzig 1906) schreibt Wünsche: .Mährend ich in meinem Werke „Die Schönheit der Bibel" im ersten Bande versucht Habe, die materiale Schönheit des alttestamentlichen Schrifttums darzustellen, kommt in der gegenwärtigen Publikation seine formale Schönheit zur Behandlung, sofern sie sich in der Verwendung von Bikdern und Vergleichen manffestiert. .... Der Leser wird erstaunen, welche Fülle von religiös-sittlichen Gedanken und Ideen durch die Naturbildersprache im Alten Testament ihre Veranschaulichung.findet. Gestalt, Farbe und Leben erhält! Und dabei kommt nicht etwa bloß das Große, Hervorragende und In-die-Augen-Springende tzur Verwendung, nein, auch das'Kleine, GeringUgige» Unscheinbare und Verächtliche. Die meisten Menschen ahnen nicht, welch köstliches Kleinod sie in ihrer Bibel auch hinsichtlich der formalen Schönheit haben. All die äußeren rhetorischen Darstellungselemente. die die großen Dichterwerke der Weltliteratur auszeichnen und die von den Aesthetikern bei Würdigung ihrer Schönheit besonders hecvörgehoben zu werden pflegen, finden sich zum größten Teil auch bei den biblischen Dichtern und Schriftstellern. Ebenso wie die verschiedensten Formen der Dichtung, die Fabel, Parabel, Allegorie, das Rätsel, das Volkslied, das Klagelied, der Hymnus, vertreten sind, lassen sich.auch die mannigfachsten Stilgattungen wahrnehmen. Bald braust die Diktion wie unheimliches Gewittergrollen und Sturmgeheul oder wie das. Tosen und Branden mächtiger Meereswogen, bald wieder fließt sie ruhig und still, wie das sanfte Bächlein in der Talebene, das die Uferränder mit ihren Blumen und Gewächsen liebkost, bald wieder klagt und stöhnt sie, wie ein von schwerer Krankheit Heimgesuchter oder wie einer, der sich über den schweren Verlust, seines Weibes oder seiner Kinder nicht trösten lassen will. Allen DichtungSformen und Stilgattungen eignet Leb endigkeit und Wohllaut der Darstellung, Rhythmus und Strophik, Alliteration, Assonanz und Annomination. In ganz hervorragender Weise kommt die Tropik in zahlreichen Figuren zur Verwendung, unter denen Bild und Vergleich wieder eine besonders wichtige Rolle spielen. Kurz für den aufmOksamen Beobachter, der ein Ohr für die rhetorischen Ausdrucksmittel der Sprache hat, flimmerts in dieser Hinsicht an allen Ecken und Enden. Es ist wie das. Gefunkel des Sternenhimmels in stiller, klarer Sommernacht oder wie der mit Tauperken übergossene Wiesenteppich beim Aufgang der Sonne. Ein wunderbares Seelen- \ leben, das sich in der formalen Schönheit der Bibel spiegeltl Die alttestamentlichen Dichter waren nicht nur tiefe,vom lebendigenGottesgeiste ergriffene Seelen, sie waren aa4 schöne Seelen, Männer von G eschmack und Bildung, die für alle Eindrücke des Natur- und Kulturlebens ein scharfes Auge und ein empfindsames Ohr hatten, ein jeder in seiner Zeit und ein jeder in seiner persönlichen Art und Weise. Schade, daß uns so vieles von den alttestamentlichen literarischen Schriftdenkmälern verloren gegangen ist: wir würden noch mit viel größerer Hochachtung vor dem Geiste des hebräischen Volkes stehen und Gelegenheit haben, den großen Reichtum seines naturbeseelten, ästhetischen Anschauens und Empfindens zu bewundern. Esther.