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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-10-18 · 41 (18.10.1918) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
41 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 41 . Seite Dr. Block)'§ Neuorientierung als für alle Westjuden bindend in Anspruch zunehmen. Sie vergessen, daß ihre Betonung des beabsichtigten Zusammenschlusses aller Juden zu einerMation der objektiven Feststellung entbehrt, daß die Gesamtheit ihr Einverständnis zu den Ideen und Absichten erteilt habe. - . Tatsächlich werden bereits Stimmen laut, die daraus schließen lassendaß die Äußerungen aller jener, welche in der Öffentlichkeit -namens der Juden zu Worte kommen, als universell verbindliche und unabänderliche Argumente der nationalistischen' Judenbestrebungen ausgefaßt werden. Die Gründe für die Koloniesterung, für die Erweckung der östlichen Juden u. dgl. m. werden mututis rnMLriäis; auf uns angewendet, uüd überall, wo man daran geht, die Wünsche von Völkern und Staaten zu berücksichtigen, wird mit der Frage nach den separatistischen Anwandlungen der Judenschaft gerechnet. Diese Tatsache kann'nichtunwidersprochenbl erb en. Der moderne, - kulturell hochstehende Jude ist kein Nationalist. Wer Kant, Goethe, Tolstoi kennt, weiß nichts von Absperrung und völkischem Bewußtsein. (Daß die kleinen Sprachnationen ihre Selbständigkeit im Weltkrieg errangen, ist kein Beweis für die Ethik des natioualMscheu Problems.) Der Jude des Westens will nicht von anderen Konfessionen geschieden leben, darum auch nicht von anderen Nationen; will z. B. entschieden nicht, gesondert von den änderen Bürgern, sein politisches und kommunales Stimmrecht in einer „Mischen Kurie" ausüben. Darum glaube ich, daß es für die Westjuden Österreichs dringend an der Zeit ist, um an allen maßgebenden Stellen, vor Freund und Feind kaut zu UerWnden, daß die nationalistischen Auslassungen nicht dem wahren Willen der jüdischen Gesamtheit entsprechen; daß die Wortführer der neuen Richtungen keinerlei Mandat erhalten haben, um urbi et orbi ihre eigenen ultranMvnalen Anschauungen als allgemein verbindlich auszugeben. Die Judenschast . begeht den schwersten Fehler, den ein Volk an sich selbstbegehen kann: sie schweigt in ernster Zeit. Sie" ist zaghaft, scheu, abgekehrt und . versäumt nachgerade alle Gelegenheiten, um vernehmlich für alle, die es angeht, zu betonen, daß Es die Interessen des Volles gefährdet, wenn die Stimmen Einzelner als Ausdruck der Gesamtheit gewertet und das Urteil der Uneingeweihten durch selbstsüchtige Einbläser beeinflußt wird. Die erdrückende Mehrheit des Judentums, reich und ar,m, vornehmlich der Mittelstand, die gesamte Intelligenz der Städte. Kaufleute und Industrielle, sie alle haben die Pflicht, in diesen entscheidenden Tagen ihre Stimme zu erheben, um allüberall von chrer Existenz Kunde zu geben und die Manifestationen der 'Minderheit auf das^richtige Maß zurückzuführen. Denn es darf unter gar keiner Bedingung die Prost a g a n d a d e r national ist i s che n P a r t e t ai § d i e Plattsor m d e s öfter re i ch is chen Jud en t urfts gelten. Es darf die Anschauung der Ostjuden nicht auf Wien und Westösterreich angewendet werden, weil dies unmöglich und unzulässig ist. Man frage doch den schlichten Zuhörer einer Neujahrstagpredigt, ob er die von zionistischen Glaubenssätzen durchtränkten Ansichten billige, man erforsche die Herzen aller jener, welche sich die nationalen Verstiegenheiten nicht zu eigen machen — sie lehnen derartige Lehren entschieden ab. Wenn aber die Westjuden-öffentliche und feierliche Manifestationen der Nationalisten ohne Kundgebung eines Widerspruches hmgehen lassen, dann gewinnen diese den Anschein und die Autorität als Willensmeinung der jüdischen Gesamtheit. Das schweigen wird als Zustimmung genommen, und wir dürfen uns dann nicht beklagen, daß über uns, ohne uns die wichtigsten Entscheidungen getroffen werden. Die Zionisten erscheinen bei allen Ministern, überreichen Memoranden im Namen ihrer Organisationen, chre Vertreter ergreifen bei jeder Gelegenheit öffentlich das Wort und verbreiten eine öffentliche Meinung im Sinne eines jüdischen Nationalismus. Vor Sr.. Majestät dem Kaiser wird. die Organisierung der? Judenheit zur Naftou als der sehnlichste Wunsch der jüdischen Gesamtheit 'Oesterreichs dargestellt. Die Wahl eines eiftigen und begeisterten. Wostels des jüdischen Nationalgedankens zum Wiener Ober- Wochenschrift rabbiner kann auch nicht anders als ein feierliches Bekenntnis der organisierten jüdischen Gemeinschaft und ihrer gewählten Vertreter zum "Mischen Nationalismus betrachtet werden. Es nützt nichts, wenn vielleicht die eine oder die andere Persönlichkeit einem Minister vertraulich sein Nichteinverständnis mitteilt und ihm versichert, die Westjudenheit sei nicht einverstanden^ solche Äußerungen entbehren der Beglaubigung und somit der Autorität. . Wir verargen es nicht den Zionisten, daß sie mit ^aller. Energie und mit dem Auswande aller ihrer Mittel für" ihre Ideen käinpfen und ihren Ueberzeugungen den Sieg zu sichern trachten. Das^Jnterlsse der nichtzionistischen Westjuden ist ihnen gleichgültig : auch, der drohende Abfall jener jüdischen Elemente, die sich nicht -in eine jüdische Wahlkurie zwingen lassen wollen, berührt sie nicht; sie gehen über'sie zur Tagesordnung über. Was aber unbegreiflich und "mir sträflich erscheint, ist, daß die Westjuden selber sich nicht ihrer Haut wehren und'zum Selbstschutz sich zusammenschli'eßen. Denn was W unternommen wird, ist nichts geringeres als ihre Hinausdrängung aus der jüdischen Gemeinschaft. Alle die, welche sich nicht dazu bequemen, gesondert von der christlichen Bevölkerung das politische und kommunale Wahlrecht in einer jüdischen Wahlkurie auszuüben, werden von der jüdischen Gemeinschaft sich lossagen. Dagegen helfen keine geschwollenen Phrasen.; Was für die Ostjuden von Segen sein mag und was sie vielleicht als ihre Rettung ansehen, ist für dieWestjuden unerträglich und geradezu verhängnisvoll. Wir lassen es aber ohne Widerspruch zu, daß Wortführer ostjüdischer Anschauungen und Interessen als Vertreter der jüdischen Gesamtheit vor der Öeffentlichkeit, vordem Kaiser und vor den Ministern das Wort führen. Die Zugehörigkeit Galiziens zu Österreich ist ernstlich in Frage gestellt, die jüdischen Angelegenheiten dieses Königreiches werden nicht Sache der österreichischen Gesetzgebung bilden. Uns aber soll eine politische Neuordnung aufgezwungen werden, 'die nur für Galizien paßt, aber allep Lebensinteressen; der Westjuden widerstrebt, unseren Anschauungen, Gewohnheiten und Empfindungen widerspricht. Dagegen müssen wir uns ernstlich, mit allein Nachdruck und in autoritärster Form wehren. Eine machtvolle Kundgebung tut not, ehe es zu spät ist. Wollen die Hunderttausende wirklich nicht, daß die Regierungskreise, die Zeitungen, die Abgeordneten sich ihre Meinungen über die Zukunft der Juden nach den Programmen der Nationalen bilden, so müss en sie selbst ö ff en tl i ch und mitul lem Na ch d r u ck di e Wahrhe i t kundmach en, die Lage und Stellung d erJud ens ch a s t richtig kennzeichnen und alle Zweifel sowie Unwahrheften beseitigen. Nur rücksichtslose Offenheit und- Ungeschminkte Wahrheit kann die Verdunkelung de§ jüdischen Standpunktes im welthistorischen Augenblick der Völkerbundidee verhüten. Noch ist es nicht zu sstät. Aber.dasRad rollt. Ringsum rüstet alles zur Teilnahme an den europäischen Beratungen, nur wenige Wochen werden vergehen und die Völker werden über Schicksale ganzer Staaten entscheiden. Bis dahin heißt es aber aufklärend wirken, damit nicht Könige ohne Land gehört werden und im Namen von Staaten sprechen, welche ihre Phantasie erfunden hat. Wachet auf aus der Lethargie, es geht um euer Geschick! , . Aus der Wschs, Die JMrrfvM tw>« Sr. MMM dsnt Kaiser. BumMg dm 12. Oktober enrpfing Seine Majestät zur Besprechung per'innerpolitischen Lage eine große Anzahl von Reichsratsabgeordneten, von welchen einige die Gelegenheit ergriffen, vor Seiner Majestät auch die Iudenfrage zu besprechen. Dr. v. Lowenftein skizzierte dem Monarchen die politische Lage und insbesondere .das polnische Problem, die Wiedergutmachung des geschehenen Unrechtes der Teilung Polens. In bezug auf die Iudenfrage erklärte-

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