Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 41 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seit« t>5ö Nr. 41 >Dr. Blpch's Wochenschrift IIL Die Zahl ist im Leben der Völkerbund Gemeinschaften nicht das einzig 'Ausschlaggebende, über sie ist, dennoch Ur den Befand und die Bedeutung einer Gemeinschaft von allergrößtem Einflüsse: ist eine Minorität sehr klein, dann kann ihr das, tö,ö,s ihr an Zahl gebricht, nur durch größte und festeste Einheit und Einigkeit ersetzt werden, wie. denn auch Zerfahrenheit in meiner so. kleinen Minorität ihr die furchtbarsten Gefahren, ewige Knechtschaft und Schande heraufbeschwören kann.i Wenn in einem JnheröstzLxreich mit acht Bis zehn Millionen Einwohnern eine Minorität von 300.000 bis (besten Falles) 500.000 Juden im einheitlich deutschen Nationalgebiet eingeschlossen ist, so ist sie dem Abfall oder der.-größten Unterdrückung preisgegeben, wenn sie sich perpetuierte innere Zerwürfnisse und infolgedessen Uneinigkeit nach außen leistet Innerer Friede und Einheit werden ihr aber ihren Anteil am staatlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben sichern, werden ihr Schutz vor dem Abfall und Vermehrung ihres Volkstumes gewähren, und sie wird eine jüdisch-österreichische Politik zum Heile des Vaterlandes, zum Heile des eigenen Volkes betreiben können. Die jüdische Geschichte ist überreich an Beispielen. Wir brauchen keine neuen Erfahrungen ^mehr. Ebenso wichtig und vielleicht noch wichtiger ist Einheit und Einigkeit, wenn wir die Zahl der Juden im Verhältnis zur österreichischen Gesamtbevölkerung in Petracht ziehen. Die österreichische Judenheit zerfällt hauptsächlich in drei große Gruppen: in diejenige, welcher Judentum vor allem oder einzig und allein Religion ist, in diejenige, welcher Judentum in allererster Linie Volkstum ist, und.schließlich in die dritte. Gruppe, jene, welcher Judentum Tradition und Wetät ist. Zu untersuchen, welche dieser drei Gruppen in Oesterreich,, besonders in Jnnerösterreich, die meisten Anhänger umfaßt, wäre in der gegenwärtigen Zeit Müßiges Spiel, Höchst unfruchtbarer Streit. Eines ist aber sicher, daß,, unbekümmert um die Entwicklung in - der näheren und ferneren Zukunft, die zweifellos dem Gedanken des Volkstumes. einen vollen Sieg bringen wird, auf keine dieser drei Gruppen verzichtet werden kann, wenn es sich um Mitarbeit für die größten Kulturfragen der österreichischen Judenheit handelt. Alle drei Gruppen vereinigen gegenwärtig in sich so viel wertvolles Material, daß wir auf keine Gruppe verzichten können und dürfen. Keine.Parteiintoleranz wird diese Tatsache leugnen und über sie zur Tagesordnung gehen tonnen. Und mein Perlangen geht eben dahin, daß alle am gemeinsamen Werke tätigen Anteil nehmen, und daß keiner hiebei von feinen Anschauungen und Ueberzeugungen auch nur ein Quentchen 'Nachlassen müßte. Aber es darf keiner des anderen hochmütig entcaten oder für sich Alleinrechte.vindizieven, die einzig und allein der Gesamtheit zukommen. Jeder Kampf gegen die Einigkeit ist von Uebel, zerstört und zersplittert. Eigensinn wird unter solchen Umständen zum ärgsten Verbrechen. Der naturnotwendigen Weiterentwicklung der Dinge wird dadurch kein Abbruch geschehen: im Gegenteil, durch das Gefühl der Einheit wird bei vielen auch.altes, längst vergessenes Volksempfind eu neu erwachen, und so wird letzten .Endesdie neue Ar beit im gemeinsamen Rahmen mehr wirken, als die in taufend Versammlungen v erkundete Lehre. Dann wird auch die mittlerweile vollzogene Lösung der .Palästinafrage, in -welcher alle Juden der Welt wohl nur einer einzigen Meinung sein können, Kämpfern auf eXponierten Posten geistiges und materielles Rückgrat verleihen, und die wieder aufgerichtete jüdische Heimstätte im Vereine mit der auf dem Boden der Einheit organisierten Selbsterziehung der Juden in Jnnerösterreich wird unaufhaltsam der nationalen Idee, als einzig richtiger und einzig möglicher Führung, für alle Zukunft zum vollständigen Durchbruche verhelfen. Cs dürfen also die vielen nicht weiter ihre Pflicht versäumen und sich damit ^beruhigen. Die .Pflicht der Stunde versäumt aber jeder, der nicht nur nicht der Einigung entgegentritt, sondern auch.der. der für Einigung nicht wirkt. Noch ist es Zeit, noch ist alles im Werden: jeder, der sich damit nicht beruhigt, daß der andere auch nichts tut oder schlecht handelt, hat noch Gelegenheit zur Umkehr. Wenn aber die Stunde der Tat vorüber ist, wird endlose Reue jedes Versäumnis strafen. Und jo rufe ich Euch allen zu: ^,Mhlt, was Einigkeit bedeute. Sie schafft aus kleinen Kreisen Welt in Welt." Ei» ernstes Mah««»«rt arr die Jude« io Mestosterreich. Bon Hof« und Gerichtsadvokaten Dr. Heinrich Herbntschek. Wenn man ein ernstes und wichtiges Problem gründlich erörtern will, ist es mitunter nicht ohne Nachteil, die historische Entwicklung zu betrachten und aus dem Werdegang die Bedeutung der Gegenwart und die Aussichten der Zukunft abzuwägen. Eine Reminiszenz: Genau vor 25 Jahren — der hierländige Zionismus kann also sein Jubiläum feiern — gab es unter uns zehn Juden am . . . Gymnasium, die ersten überzeugten Zionisten und — Antisemiten. Der tschechisch-deutsche Streit tat ein übriges dazu, um die mit Klerikalen vollgepfropfte Lateinschule zum unheimlichen Erziehungsort zu gestalten. Ich habe in dem seither verflossenen Vierteljahrhundert von den damals ins Treffen geführten Argumenten gegen die neue Bewegung nichts modifizieren müssen. (Allerdings vermag ich keineswegs zu behaupten, die Vorgänge, neuen Theorien, Literatur, Kongreßberichte des Zionismus in mich ausgenommen zu haben.) Wir We st jü^den, welche Oesterreich bewohnen, haben' weder eine Veranlassung, noch e-tne Pflicht, einen jüdischen Nationalismus für uns in Anspruch zu nehmen oder zu fördern. Die österreichischen Juden find psychologisch, kulturell und ethnographisch auf ihr Land und ihre Nachbarn angewiesen, fie haben kein wie immer geartetes geistiges oder materielles Interesse an einer externen Bevölkerungspolitik, fie stehen in solch innigem psychischen Kontakt mit den Strömungen des Fortschritts, daß eine Abschließung, ein Zwang zur Nationalisierung teils unmöglich, teils unzuläsfig erscheint. Wir fordern kein Sprachprivilegium, keine eigenen Universitäten und erstreben für uns auch nicht ein politisches Sonderleben. Unsere Professoren wirken an staatlichen Mittel- und Hochschulen und es wäre kein Glück oder Vorteil weder fiir die Menschheit noch für Österreich, noch weniger für uns Juden, wenn die vielen hervorragenden Gelehrten, Politiker, Maler, Musiker Techniker usw. ihren Stellungen entsagen müßten, um in den Dienst einer jüdischen Sondergemeinschaft zu treten. Die zionistische Partei hat nun die Parole ausgegeben, daß es nicht das Religionsbekenntnis ist, nicht der Glaube und auch nicht die Sprache, sondern das Bekenntnis zur Nation fei das Entscheidende. Das nationale Moment wird ostentativ in den Vordergrund' geschoben, als sei die jüdische Gesamtheit von national-jüdischer Gesinnung getragen und hege keinen anderen Wunsch, denn als eigene Nation anerkannt zu werden. Mt hartnäckiger Unduldsamkeit wird jedem Anhänger des überlieferten Judentum in überlieferter Form — jedem, der nicht zur neuen Fahne schwört, die Zugehörigkeit zum Judentum abgesprochen; Rücksichten der Einigkeit wird jede Geltung abgestritten; Mahnungen bleiben ungehört. Allein die Wortführer.dieser Bewegung haben nicht die rechtl-tchen Voraussetzungen für sich, um die jüdisch-nationale