Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 40 (11.10.1918)
- Date
- 1918-10-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 642 Nr. 40 L«r. Bloch's Die Ereignisse überstürzen sich. Das Rad'der .Zeit rollt nicht mehr, wie ehedem, gemächlich an uns heran, es rast über unsere Leibet hinweg Znd wird uns zurücklassen, wenn wir nicht mit ihm Schritt halten Wunen, oder uns zermalmen, wenn wir uns ihm in den Weg stellen. Der österreichische Ministerpräsident Freiherr von Hussarek hat in seiner jüngsten Parlamentsrede die wichtige Aeußerung getan, daß allen mündigen Völkern das Selbstbestimmungsrecht bewahrt bleiben solle. Wollen wir rlns selbst unmündig erklären? Wollen wir wirklich fremde Kuratel anrufen? Alles, was um uns geschieht, schreit uns förmlich in die Ohren, rüttelt an unserem Gewissen, ermahnt uns in allerletzter Stunde, besinnet Euch auf Eure Selbst^ öestimmungspflicht, denn was die anderen für Euch bestimmen möchten und für eine lange.Zukunft hinaus bestimmen würden, ist der Verfall, die Auflösung. Kumänir« «nd seine Inden. Seit 52 Fahren ist die Judenfrage in.Rumänien ein ungelöstes Problem. .Vor dem Erlaß der rumänischen Verfassung vom 3. Juli 1866, die der belgischen nachgebildet warund ein äußerst ausgedehntes Mast von Freiheiten gewährte, hätte in Rumänien die Judenfrage ungleich mildere Formen als in den meisten Ländern Mitteleuropas. Erst seitdem die „geeinigten Donaufürstentümer" unter einem Fürsten von hohem Geblüt und abendländischer Kultur, unter der Aegide der beiden vorgeschrittensten Mächte, England undFrankreich, in die europäische Staätenfamilie eintraten, begann Kr die dortigen Juden eine Epoche unablässiger Verfolgungen und Bedrückungen, die bis ip.die gllerjüngste Zeit hinein andauerten. RegelrMe Pogrome wurden dort abgehalten, 15 oder 16 Jahre, bevor dieses Wort russischer Prägung eine so. unheimliche Berühmtheit in ganz Europa erlangt Hat. Ein einzigartiges, verzwicktes, schlau ausgeklügeltes System pon Gesetzen, die allem gesunden Menschenverstand und den primitivsten Forderungen der Gerechtigkeit Hohn sprechen, wurde eigens gegen die Juden ins Leben gerufen. Das Merkwürdige dabei ist, daß die Werkmeister dieses ganzen verwickelten Apparate von Verfolgungen und Unterdrückungen die Begründer und Führer des rumänischen Liberalis-, mus und Radikalismus waren: B.ratianu und Rosetti, beide ehemalige Achtundvierziger, „bewährte Freiheitskämpfer" die sich rühmten. Junger von Michelst, Quinet und Mazzini zu sein. Zur Vollkommenheit entwickelt wurde dieser Apparat gerade in dem Zeitraum, als Rumänien, nominell ein Vasallenstaat der‘ Türkei, faktisch unter dem Protektorat Englands und Frankreichs shand, deren Schoßkind es war, bis ihm der Perliner Kongreß, 1878. die volle Selbständigkeit zuer-, kannte. Es wäre jedoch ein Irrtum, zu meinen, daß die beiden mächtigen Beschützer im Westen sich um die rumänischen Juden nicht Ummerten. Umgekehrt, Kaiser Napoleon und Königin Viktoria haben wiederholt sehr energisch zu ihren Gunsten die Stimme .erhoben, die führenden Staatsmänner Englands und Frankreichs sandten zahllose Ermahnungen, Drohnoten, Zurechtweisungen nach^ Bukarest: auf die oftmaligen Interpellationen im Unterhaus und in der ^französischen Kammer antworteten sie in feierlichen Reden und versicherten, daß nichts ihnen heiliger wäre, als die Prinzipien des Menschenrechtes und der Freiheit Und Gleichheit, und daß sie nicht müde würden, den rumänischen Ministern die Hochhaltung dieser geheiligten Grundsätze einzuscharfen. Deputationen angesehener französischer und englischer Juden, die bei ihnen für die unglücklichen Glaubensgenossen Wochenschrift sürsprachen, erhielten von ihnen-die feierlichsten Velsichexungen, daß sie unablässig um die Verbesserung der Lage der.Verfolgten und Unterdrückten besorgt-waren, nebst kräftigen Ermunterungen, jede Verfolgung und Rechtsbeugung sofort por das Forum der Andoner und Pariser öffentlichen Meinung zu bringen. Das' Häuflein rumänischer Juden kann sich rühmen, die angesehensten und einsluß,reichsten Diplomaten, die an der Themse und an der .Seine Europa regierten, mehr beschäftigt zu haben, als sämtliche anderen Juden des Weltteiles zusammengeirommen. Und dennoch verschlimmerte sich ihre Lgge.von 1866 ab immer mehr, so daß, der- Berliner Kongreß, sich veranlaßt sah, für sie eine _L,anze zu brechen. Der berühmte Artikel 44 des Berliner Vertrages verpflichtete die sieben? .Signatarmächte, Rumäniens Selbständigkeit nur unter der Bedingung anzuerkennen, daß es seinen sämtlichen Staatsangehörigen volle bürgerliche und politische. Gleichheit zuerkenne. Aber gerade nach der Anerkennung Rumäniens und dessen Erhebung zum Königreich begann Ur seine Juden eine neueEpocho der Unterdrückungen und Verfolgungen, mit denen verglichen, die der vorhergehenden Periode das reine Kinderspiel waren. Das .Elend wurde bald darauf so .groß- * daß, der Gedanke der Massenauswanderung in die benachbarten Länder drohend um sich griff. Im Kerbst 1884 . mußten jedoch die Auswanderungskomitees, auf das Drängen ausländischer Faktoren, ihre Tätigkeit einstellen. Seither vegetiert die große Masse der rumänischen Juden im Elend dahin, abwechselnd drangsaliert oder eine Weile in Frieden gelassen. .Seit Eintritt Rumäniens in den Krieg haben sie.ein wahres Inferno durchgemacht. Der Artikel 28 des Pukarester Friedensvertrages verhieß ihnen endlich, Erlösung zu bringen. Sachverständige, undvor allem, die rumänischen Juden selber versichern, daß er dieses Ziel nur in sehr geringem Maße erreichen werde. ' - . - - ■ .: . \ - In dieses wirre Chaos von Widersprüchen und Unerklärlichkeiten bringt Licht ein vor kurzem erschienenes Buch unter dem Titel „Rumänien und seine In-' den. Zeitgemäße Betrachtungen." Von Bin ja min .Segel. (Nibelungenverlag, Berlin W.). Es war ein unbegreifliches Mißverständnis, als in den Berliner Reichstagsdebatten über den Bukarester -Frieden vereinzelte Stimmen laut wurden, die Zentralmächte hätten sich durch die Forderung einer Verbesserung der /Rechtslage der Juden in die inneren Verhältnisse Rumäniens eingemischt und sich pix aine Sache gekümmert, die sie nichts angehe. Es ist klar, daß,, wenn überhaupt ein auswärtiger .Staat ein Interesse an..der Entwicklung der'Dinge in Rumänien hat, dies für die Zentralmächte in erster Reihe zutrifft. Sind sie ja die - Anrainer Rumäniens und bekommen, wie jede Seite des vorliegenden Buches uns belehrt, den Rückschlag aller. Vorgänge in Rumänien gm eigenen Leibe sehr greifbar zu spüren. Wenn Rumänien seine Juden durch eine wahnsinnige Gesetzgebung und Mittelalterliche Verwaltungs- Maßregeln proletarisiert und sie dann in Massen aus - dem Lande weist oder zur Auswanderung zwingt, wer strägt dann die Folgen davon, wenn nicht die Nach?- barländer und gleich danach das Deutsche -Reich? Frank- , reich, England und vollends Amerika werden erst von dem äußersten Rand der Welle berührt, nachdem diese sich in Mitteleuropa .gebrochen-hat. Daraus folgt, wie - der Verfasser ausführlich darlegt, daß die rumänische Judenfrage zwei Seiten hat: eine, innere und eine außenpolitische. Insofern, es sich um das Ausmaß der politischen Rechte handelt, die den Juden zu gewähren - oder^zu verweigern sind, ist das unzweifelhaft eine innere Frage Rumäniens, in die sich kein fremder Staat einmengen darf. Indessen sind die -Juden in Rumänien