Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 38 (27.9.1918)
- Date
- 1918-09-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 611 Nr. 38 Dir.- BküW >"^und pn-;1. -Buch Mösis. Rav. 22, Satz 1. Es bleibt aber die zweite Frage offen: Wenn also der Ewige von Abrahams Vertrauen zu ihm, von seiner Frömmigkeit und Bereitwilligkeit fest überzeugt war, wozu wiederum diese ganze harte Prüfung? Die Antwort ist; folgende: Der Ewige wollte uns, den Nachkommen Iakoös, ein 'Beispiel Isaks geben, .nämlich von seinem Vertrauen zu Gott und zu seinem Vater, vonseiner frommen und religiösen Erziehung, die.er von seinem Vater genossen hatte, wie bei ihm das Wort und der. Befehl des Vaters heilig war, daß er sich' nicht zu widersetzen wagte und sich gar nicht sträubte gegen den Willen. gegen den Auftrag seines Vaters. Siehe zur Stelle '"wHu. p""n 1. Buch Mosis, Kap. 22, Satz 8: .ZIsak sprach zu Abraham^ seinem Vater: 1'2^ 2N"12^?nbvb a^m mn -rwn nwi . Siehe, hier das Feuer und das Holz, wo ist das Lamm zum Opfer? Abraham antwortete: ernaa nbyb n'^n iS Gott wird sich das Lamm zum Opfer ausersehen, mein Sohn!" Die richtige Antwort Abrahams lautet nach v‘zn wie folgt: „Gott wird sich das Lamm zum Opfer ausers.ehen, und wenn kein Lamm zum Opfer sich finden wird, Hann, in diesem Falle, wirst, du, mein Sohn, das Opfer sein." Noch richtiger lalltet die ^Antwort Abrahams nach P"“H nämlich: „Gott wird sich das Lamm zum Opfer auserschen, und wer ist dieses Lamm? Du allein, mein Sohn." Nach VEH sieht man, wie der Vater Abraham seinen Sohn Isak zuerst verschonen, ihn nur vorbereiten wollte, daß .er gegen jede Eventualität gewappnet sei: es blieb also, dem Isak noch ein Strahl der Hoffnung, nämlich daß, wenn sich ein Lamm fände,) er am Leben bliebe. Nach p"TV aber hat Abraham feinen Sohn gar nicht verschonen wollen, hat ihm keine Vorbereitungen, keine Eventualitäten vorgespielt, er verheimlichte seinem Sohne Lar nichts und legte ihm sein ganzes Vorhaben gleich am Anfänge klar. . And was sagte darauf Isak seinem Vater, als er eine so .erschütternde, eine so. schreckliche und furchtbare Antwort von demselben erhielt, daß der Ewige ihn zum Opfer ausersehen habe? - Isak gab keine Antwort mehr, "■nfp arrw„Unti sie gingen beide zusammen" . . . Der fromme und gottergebene Vater und der fromme, gehorsame Sohn gingen beide. . . Nach V'2H gingen sie beide "ITO 2^2» „mitgleichem Herzen",, d. h. mit gleichen Gedanken, und nach 2S2 „mit einem Herzen", d. h. mit einem- Gedanken. Beide waren einverstanden, aus religiöser Ueberzeugung, aus unermeßlichem und überaus großem Vertrauen zu Gott, mit der größten Bereitwilligkeit den Auftrag Gottes, ohne zu zögern, ohne zu zaudern, zu vollstrecken und zu vollziehen. Das i std i e e i g e n tl ich e L e-h r e v o n dieser „A k e d a" für uns, für die Nachkommen Abrahams und Isaks. Isak blieb bei seinem Vater: Isak fiel vom Glauben seines Vaters nicht ab. VHir an\3E> 12^1 „Und sie gingen beide zusammen..." .So gingen auch dann, durch Jahrhunderte und Jahrtausende, nach dem Beispiel Abrahams und Isaks, unsere Vorfahren und unsere Ureltern, während ihrer hundert- und tausendjährigen Wanderung, immer der Vater mit dem Sohne, die Mutter mit der Tochter, im Vertrauen und mit der Hoffnungzu lGott. Ja, sie gingen immer nur zusammen: jeder Sohn blieb beim Glauben seines Vaters, er fiel von diesem, nicht ab: jede Tochter blieb beim Glauben ihrer Mutter, auch ,sie fiel von demselben nicht ab, trotz der vielen Qualen, trotz Wochenschrift der barbarischen Unterdrückungen und Verfolgungen und trotz der mittelalterlichen unmenschlichen Qualen und Drangsalierungen. Ja, daß unsere Vorfahren, unsere Ureltern vor ihren Augen stets die „Akeda" trugen,- diese als Beispiel immer vor Augen hatten, nämlich daß ihre Kinder — gleich wie Isak — in der Religion ihrer Väter, imj Vertrauen und in der Liebe zu Israels Gott erzogen wurden: das eben hat uns alle Jahrhunderte und IahrtaüMde erhalten: das eben hat in der ganzen Diaspora den Abfall der jüdischen Kinder von ihrem väterlichen Glauben verhütet und vorgebeugt, diesen Abfall, welcher schon in den letzten Jahren mit jedem Tage in manchen Gegenden, in vielen Provinzen und sogar in manchen Gemeinden leider immer mehr überhandnimmt. B.TtP 122/'i „Und sie gingen beide zusammen." So gingen auch jetzt — aber immer nach dem Beispiel Abrahams und Isaks — unsere unglücklichen und bedauernswerten Brüder vom weiten Osten, als sie ihre Heimat, ihr Hab imb Gut durch die Invasion, durch den Einbruch der Russen in Galizien, gleich vom Anfänge des Krieges verloren haben. Sie gingen, alt und jung, Mann und Weib, Gesunde und Starke, Schwache und Kranke, bei Tag und bei Nacht, Tage und Wochen: Durst, Hunger, Kälte, Ermüdung^ Erschöpfung leidend, ertragend — und kamen so zu uns, zu ihren Westbrüdern. stlnd wie-gingen und wie kamen sie zu uns? Sie gingen und kamen immer und stets nur zusammen. Trotz der vielen Entbehrung, strotz der vielen Mängel, die die unglücklichen FUchtlmge auf ihren weiten Reisen mitmachen und ertragen mußten, gingen und käinen sie zusammen. Der Vater mit seinem Sohne, die Mutter mit ihrer Tochter,- kein Sohn siel — auf dieser großen und weiten Reise, auf dieser langen und unendlichen Wanderung — vom Glauben seines Vaters, feine Tochter fiel vom Glauben ihrer Mutter ab.'Und hier-im Westen? Auch hier mußten sie vieles, sehr vieles ertragen, erdulden und miterleben. Zwischen fremden Nationen, zwischen fremden Sprachen, zwischen fremden Sitten und Gebrauchen wurden sie in vielen Ortschaften, Dörfern und sogar in manchen Städten, auf öffentlicher Straße ausgelacht. verhöhnt,, verspottet, verfolgt, angegriffen, gelyncht und insultiert — ein Bild des mittelalterlichen Zeitalters —, zur Schmach und zur Schande der europäischen Kultur, zur Schmach und zur Schande der europäischen Gesittung. Die Unglücklichen aber ertrugen und erduldeten, wie immer und wie zu allen Zeiten, im Vertrauen und im Hoffen zu Gott alles. So blieben sie bei uns längere Zeit, brachten aber ein sehr teures und kostbares Opfer, ein Opfer, welches viel größer war als das des Isak, ein Opfer, welches nicht einmal unser Erzvater Abraham brachte. Denn Abraham sollte und wollte nur seinen Sohn zum Opfer bringen, die armen Flüchtlinge aber brachten wirklich und nicht einen, sondern hunderte und tausende ihrer Söhne zuM Opfer. Die großen Friedhöfe in Gaya, Pohrlitz, Nikolsburg und-Deutschbrod, wo die Unglücklichen in größeren Massen . konzentriert waren, zeigen und beweisen, wie Hunderte und tausende jEltern ihre Kinder, ihre Söhne und Töchter, die Kinder wstederum, die Söhne und Töchter, ihre Eltern, verloren haben und dort zum Opfer brachten,-zum Opfer für ihren Glauben, für ihre Religion, Tradition, Geschichte, mit einem Worte für alles, wofür ihre Ahnen, ihre Ureltern, ihre Vorfahren, das ganze jüdische Volk Jahrhunderte und Jahrtausende gelitten, gestritten, gekämpft, geblutet und gerungen hat. . .