Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 38 (27.9.1918)
- Date
- 1918-09-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette #10 &r. Blsch's Wochenschrift Är. 8ä / - Kure Erzetzenz! Mmerzett zeichnete sich, Wien durch Gemütlichkeit und -(Saft? freunVschast aus. Seinerzeit — lerapi passati! Heute hat sich, di» seelisch« Physiognomie -er schönen Donaustadt nicht lzu ihrem Vorteil verändert. Unglückliche Fremdlinge, jedoch treue Untertanen des Kaisers, gute Staatsbürger, welche die "Härten (des- Krieges' aufs tiefste empfunden haben, werden nun in /dem einst gastfreundlichen Wien wie Parias -behandelt. Man hetzt-gegen sie, wie gegen wildes Getier, und die Quelle, dieser Hetze sist das Rathaus, die, Hochburg der christlichsozialen Partei. Nun frage ich: -Ist dies christli^, ist dies sozial? Eure Erzellenz wollen die zwangsweise Entfernung der iGali- Aaner durchsetzen. Die. Ministerien werden darum bestürmt. -Grundlos kann man die Leute aber nicht ausweisen. Man sucht also/ und findet: Die WohnungAiot und der Lebensmittelmangel, «sie werden aufs Kerbhotz der Unglücklichen eingezeichnet. Erzellentz verzeihen, wenn ich diese Hetzie als eine empörende Gefühllosigkeit bezeichne. Nur die durch den Krieg hervorgerufene iVerrohung kann sie erklären, jedoch nie entschuldigen. Länger als ein Jahr sitzt schon ein -Agent des magistratischen' Bezirksamtes in Lemberg. Seinen Namen und seine Geschästsgebarung kann ich jederzeit,zur Kenntnis der -Oeffentlichkeit bringen. Dieser Herr hat Mehh Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Futterrüben' Honig usw. en i:.ass,- fflr Wien angekauft und weiterbefördert. Zählt man zu diesen Waggons noch diejenigen dazu, die . Wien offiziell erhalten hat und jetzt wieder erhalten soll, so kann man ruhig behaupten, daß.'Galizien 40 Prozent zur offiziellen Ernährung der Donaustadt beigetragen hat. Eure' Erzellenz! Ist das iVorgehen Wiens gegen die gallischen Flüchtlinge der Dank 'dafür? . . .. Zu den gegen die Flüchtlinge erhobenen Anklagen übergehend, mutz ich dieselben als gänzlich unbegründet zurückweisen. > Die Wohnungsnot hat einzig und allein ihre Ursache in den durch den Krieg geschaffenen Verhältnissen. Was den/Wohnungswucher anbelangt/ so prüssen die Behörden dafür verantwortlich, gemacht -werden. Dasselbe betrifft auch den Lebensmittelmängel. Nein, Herr -Bürgermeister, nicht die armen Nüchtlinge, sondern Bureaukratismus und unvertilgbarer Amtsschimmel tragen an allem die Schuld! -, Die lästigen Galtzianer sind ^zwangsweise abzuschieben. Sehrschön. Jedoch wohin? Die Herren beim Magistrat 'sollten sich einmal Ostgalizien ansehen. be würden dann sicher Zeinen anderen Ton anschlagen. Ich habe die verwüsteten Gegenden wochenlang bereift. An der Grenze Galtziens, in der-Ukraine, liegt die Stadt Husiatyn. Oder nein: sie lag dort einmal, l Heute ist der einst reiche und blühende Ort ein. großer Schutt- -und Trümmerhaufen. Auf den Ruinen eleganter Billen und aus dem Schutt großer Häuser sprießt Heute GraS und lüikraut, Modergeruch schlägt uns' überall entgegen. Man hat einen Teil der Bewohner dieses Ortest, zur Heimkehr gezwungen; nun wohnen diese Unglücklichen -unter freiem Himmel oder in zerfallenen Kellern und-werden von Flecktyphus und von der Ruhr dezimiert. KeinIArzt, kein Spital ist. da. Der Pfarrer erzählte nur. datz die -Sterblichkeit der Heimge^. kehrten in dieser Totenstadt -geradezu erschreckend sei.. Oberstabsarzt Eckerts, Kommandant des Reservespitals Nr. 118, besuchte Husiatyn amtlich. „Die Bilder des Elends, die-ich hier gesehen", erzÄhlte er mir, „spotten jeder Beschreibung.. In -einem halboffenen Keller, zwischen Schutt und Unrat, fand ich issine Frau mit drei Kindern. Alle waren an Flecktyphus erkrankt. Seit zwei - Tagen hatten sie weder Nahrung noch Wasser! Und -sie waren nicht die, Einzigen. In anderen Erdlöchern.und Kellerräumen fand.ich ähnliche grauenhafte Szenen vor. Ist denn das -menschlich, Leute nach solchen Orten zu repatriieren?!" Und solche Husiatyns .gibt esi . in Ostgalizien gar viele. Nach solchen Stätten wollen also Exzellenz bei, anbrechendeM Winter die. Flüchtlinge zwangsweise , abschieben lassen?! Das hieße ja einfach diese Menschen.morden! Nehmen Sie, bitte, diesen Appell an Ihr-Menschlichkeits- und GerechtigkeitsgefühlÄve ira et s-uckro entgegen und seien "Sie über-, zeugt, daß ich stets mit Hochachtung verbleibe als Eurer Erzellenz ergebener ' . Graf Wandali« Mniszsch, - Hemberg, Sykstusgasse. „Has Opfer Isaks nnd das der Von Rabbiner Dr. Leo Berti sch, Deutschbrod, derzeit'k. .und I. Feldrabbiner in Pardubitz, Res.-Spital Nr. 2.*) Die Offensive, welche unsere braven unb tapferen Soldaten im Frühling des Jahres 1917 gegen Rußland ergriffen haben, Lefteite den .restlichen Teil voll Ostgalizien und fast die ganze Bukowina. Bald darauf wurden von der hohen Regierung mehrere Bezirke in Ostgalizien zur Rückkehr freigegeben und die Flüchtlinge, unsere bedauernswerten und unglücklichen Brüder, zugleich ausgefordert, bald nach diesen heimMehren. . . Nach dem Friedensschlutz mit Rutzland wiederum räuylte man in den ersten Monaten des Jahres 1918 die noch besetzten Städte Galiziens utzd der Bukowina, wie Tarnopol, Brody, Vojan und viele andere,- die gleichfalls von der hohen Regierung gleich zur Rückkehr freigegeben wurden: die restlichen Flüchtlinge — diese nicht beneidenswerten und „lebendigen" Kriegsopfer — wurden wiederum aufgefordert, in ihre Heimat zurüchukehren. So lasen wir voriges Jahr, einige.Wochen vor dem- Rosch-Haschono, wie auch Heuer zur selben Zeit — da in beiden Jahren die Rückkehrder Flüchtlinge, dieser „waffenlosen Soldaten", knapp vor beim jüdischen Neujahr stattfand — in der täglichen. Presse viele Danksagungen, in welchen dieselben ihren Westbrüdern für all ihre Güte, Milde, Barmherzigkeit, Munifizenz und chariiative Unterstützung, wie auch für vieles andere, was ihnen im Laufe ihres ganzen 'Aufenthaltes erwiesen und zuteil .wurde,. ihren.„besten,, wärmsten und innigsten Dank Lussprachen. ' £ Der Zufall wollte es, datz die Rückkehr, sowohl im Jahre 1917 als auch im Jahre 1918,. knapp vor dem .jüdischen Neujahrsfeste stattfand und wir die Danksagungen gleichfalls vor dem „Roschchaschono" in der täglichen Presse lasen. Diese Heimkehr und diese veröffentlichten ^Danksagungen der jüdischen Flüchtlinge vor den hohen Feiertagen haben uns an einen sehr wichtigen und bedeutungsvollen biblisch-historischen Fall erinnert, nämlich an die „Akeda", d. i. DJsaks Opfers die wir zur Erinnerung am zweiten Tage des -Neujahrsfestes als Abschnitt m der heiligen Thora in unseren Bethäusern vorlesen. So lesen wir im 1. Buche Mosis, Kap. 22, Satz 1 bis 3, wie folgt: „Und es geschah nach diesen Begebenheiten . . . und Er (Gott) sprach (zu Abraham): Nimm doch, deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst,, den Jfak, und gehe hin in das Land Morijah und bringe ihn dort zum Opfer. Und Abraham stand am Morgen früh auf und nahm seinen Sohn Jsak und ging an den ^Ort, den ihm! Gott angesagt hatte." ' -;Mit dieser Erzählung will uns die Heilige Schrift den Abraham als Beispiel des -Gehorsams, des Vertrauens zu Gott, der den Auftrag des Ewigen gleich vollzieht, hinstellen. Das.ist der Hauptinhalt dieser Geschichte oder dieser historischen Begebenheit. Auf die 'Frage, wie konnte der. Ewige den AbrahaM, einen Erdensohn, auf diese harte Art und Weise prüfen, nämlich datz ein Vater seinen Sohn und überhaupt, datz ein Mensch sein Kind zuM Opfer bringen sollte, ist bie Antwort die, datz der Ewige im vorhinein wutzte, datz es zu diesem 5Opfer nicht kommen werde, da er von Abrahams Vertrauen zu ihm, von seiner Frömmigkeit und seinem Gehorsam überzeugt war, datz er bereit sein -werde, sogar seinen Sohn zu opfern. Siehe zur Stelle: *) Wir dringen diesen aktuellen Artikel erst jetzt, da er uns zu spät eingelaugt ist. - Die Red.