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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-09-10 · 37 (10.9.1918) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
37 (10.9.1918)
Date
1918-09-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
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: Ar. 37 .Z,r. BloK's schen Geistesleben, an dem auch-die Frauenwelt und micht zuletzt die jüdische, bedeutenden Anteils haben sollte! Mit Feuereifer warfen sich, die Frauen auf Bildung, Studium und öffentliche'Betätigung, ihrem Ansturm mutzte selbst die Regierung weichen. Ueberall wurden höhere Mädchenschulen und Bildungsanstalten errichtet, denen bald - Tausende zuströmten. Nur das Freigeben des medtzinischen Studiums für die Frauen wixd hartnäckig verweigert, gerade dahin geht das heißeste Streben der weichlichen Fugend Rußlands jener Tage. Der Drang nach Missen, der Wunsch, als Lehrerin oder.Aerztin dem! Volke zu dienen und setzie fllot zu lindern,-beseelte sie. Endlich siegten die Frauen; int Jahre 1872 wurde ein medizinisches Fraueninstitut gegründet, das sich fast zehn Jahre (bis 1661) hielt, wo es der Reaktion zum Opfer fiel. Das Institut ist mehr als tausend Frauen eine Bildungsstätte gewesen und hat mehr als MO Merztinnen; darunter 169 Jüdinnen, iys Land hinaus geschickt. Aus -alten Schichten füllten die Frauen die Schulen und Hochschulen >und nachdem ihnen die freie Bahn der Betätigung genommen gourde, bildeten sie die Kampfreihen der revolutionären Bewegung. Nachdem die Frauenhochschulen geschlossen worden waren, bezogen die Frauen, bald einzeln, bald in Scharen, darunter zahlreiche Jüdinnen, »die ausländischen Universitäten, insbesondere die der Schwetz. In dieser Zeit und noch später bis in die Neunzigerjahre shmein, war ,d)e „Russin" in gewissen Kreisen Westeuropas Mode und manche Männer radikaler Richtung in der Schweiz, Frankreich sowie >in Deutschland und Oesterreich haben sie zur Lebensgefährtin erwählt. Als in den Achtziger- und Reunzigerjahren durch die:verstärkte Re- - attion unddie mit ihr' Hand in Hand «gehenden Rechtsbeschränkungen der,Juden Tausende von Russen genötigt waren, ausländische Hochschulen zu beziehen, und sich in vielen Städten der Schweiz, Deutschlands und Oesterreichs große Kolonien russischer Studierender ansammelren, flößten namentlich die Russinnen durch ihren zwanglosen Verkehr mit ihren männlichen Kollegen selbst in gebildeten Kreisen vielfach Befremden ein, '' > Es ist nur zu natürlich;, daß die Russinnen .sich am Politischen Leben und später an der revolutionären Bewegung so -ungewöhn-. siich lebhaft beteiligten, da das Soziale in viel /tieferem Sinne al£ bei anderen Nationen bei den Russen überhaupt ein Stück ihrer. Persönlichkeit bedeutet. Viele hochbegabte Frauen, die später wegen revolutionärer Tätigkeit zum Tode oder zu den schwersten Strafen verurteilt wurden haben ihre Laufbahn mit friedlicher Kulturarbeit begonnen und sind erst durch die Erfahrungen, die sie zur Verzweiflung und Verbitterung trieben, in die Kampfreihen geführt worden. Schon nach dem Sewastopoler Ausstand 1630 waren 375 Frauen zum Tode verurteilt worden. Tausende von -Frauen sind den Leidensweg gegangen! Die Sorge für die «leidenden Genossen zeitigte 1881 die später weit ausgebaute «schöpfung > ,Das revolutionäre Rote Kreuz", das die Aufgabe hat, den verhafteten, und verbannten Revolutionären Hilfe jeglicher Art angedeihen zu; fassen und Tausenden von Unglücklichen schon Hilfe geleistet hat, Melcher der Frauen aüs der endlosen Reihe der Märtyrerinnen stür ihre Aebe^eugung wir uns, auch zuwenden — «bei den krassesten Unterschieden der Erziehung, des ursprünglichen Milieus, der intimen Charaktereigenschaftender engeren Nationalität — das allgemeine Bild bleibt dasselbe. Die Jüdin des westlichen 'Ansiedlungsrayons dessen frühesten Vertreterinnen: . Eetzja Helfmann und den in der Schlüsselburg umgekommenen Sophia Einzburg» und Olga Nathansohn Hunderte anderer gefolgt' waren; die »Ar-, menierin und Georgierin des Kaukasus, die Tochter des'rechtgläubigen Sektierers in Sibirien; die südliche Kleinrussin — in jeder begegnen wir denselben typischen Zügen, die uns in.einer Wercr Sassulitsch, Sophie Permwski und Mera Figner entgegentreten. Diex selbe romantisch-idealistische Einstellung zur Mell, übertragen in die tägliche Wirklichkeit dasselbe Streben nach bewußter Geistigkeit, Prinzipientreue- bis zur Selbstaufgabe,; schrankenloses Ausharren bis zum verhängnisvollen Ende. Jedes einzelne Leben ein erschütterndes Drama. Eines der erschütterndsten ist das Geßja Helfmanns. Ein kleines heißblütiges, jüdisches Mädchen aus der dunkelsten westlichen Provinz, läuft sie mit siebzehn Jahren von zu Hause fort, weil die Ettern sie mit einem Kaufmann ihres Städtchens verheiraten -wollen, während ihr eigenes Streben nach Bildung und Selbständigkeit geht. Sie kommt nach Petersburg und gerät in revolutionäre Kreise. Ohne Kamps- oder. Kraftnatur' zu sein, steht sie bald im «heißesten Kampf drin. Sie wird später die — natürlich «illegitime — Frau eines der bekannten Mitglieder des Aktionskomitees. Man liebt sie für ihre unendliche Güte, man. schätzt ihre heiße Ergebenheit für die Sache. Doch bleibt sie — entsprechend ihrem Mesen r— mehr Familienangehörige als aktive Kämpferin. Einige Wochen vor der Katastrophe vom 8, März 1881 wird ihr Mann verhaftet, nach dem 1. März folgen «die Verhaftungen der vielen ihr Nahestehenden. Ihre Wohnung ist erfüllt «von schwer kompromittierenden Dingen, die aber gerade deswegen dort be- ■ halten werden, weil man ihre Wohnung für vollständig -sicher hält. Doch auch sie wird das Opfer eines teilweise» .Verrates eines durch Leiden schwach Gewordenen. Wie dieses Unvorhergesehene ahnend verabschiedet sich Geßja .'eines Abends, kurz nach den vielen Verhaftungen. von ihren Freunden mit den Worten: „Lebt wohl. Mer-weiß, ob wir uns noch sehen werden." Nächsten Morgen kommt eine Hausdurchsuchung und man findet Bomben bei ihr. WoMenjlhrist , Sette 6o4 Der Tod ist ihr zugesprochen, aber die Vollstreckung wird abgesetzt, da Geßja Mutter werden soll. Sie wird «in eine Zelle? gebracht, und zwei Mächler bleiben Tag und Nacht 'in demselben,' Raum. Unter diesen Umshänden gibt sie ihrem Kinde das Lehen, Doch die Rache der Starken begnügt sich nicht -mit der Person des Betreffenden allein: sie wird auch auf die Nachkommen -übertragen. Trotzdem mehrere, sowohl aus den revolutionären Kreisen wie aus der Gesellschaft, an die betreffenden Behörden das Ersuchen stellten» das Kind Geßjas ihnen zur Erziehung zu überlassen» (entschieden, die Beamten anders: .eines Tages erschienen zwei Gendarmen sin der Zelle der shillenden Mutter und trugen das Kind fort» ohne der Mutter zu sagen, was mit dem Kinde geschehen werde. Das ertrug die Gequälte nicht mehr» und — man kann nicht umhin, die biblische Redeweise zu Hilfe zu nehmen — sitz legte sich hin tinbt starb. Durch das Krnd wurde ihr jüdisches Bkut sin seiner tiefsten Quelle getroffen. Geßja Helsmann starb in buchstäblichem Sinne des Wortes an der Seelenqual. Das Kind soll »ohne Stamm dem . Findelhaus übergeben -worden sein; nie erfuhr man» trotz (aller Nachforschungen, irgend etwas über das Schicksal dieses Kindes. Aus der Menge tauchen unzählige Einzelgestalten auf. die; durch ihr tragisches Geschick, Gefängnis, Verbannung, Tod, die Sinne faszinieren. > Sieben den Frauen, die wegen ihrer direktm Beteiligung am politischen Leben gelitten haben und leiden» darf auch.jener Frauen nicht vergessen werden, deren Leiden vielleicht noch größer» weil trostäriner, sind: der Mütter. Nicht nur dex, die passiv leiden» wie -immer und überall Mütter leiden — dort nur altzuhäufig» allzu grausam, allzu ungerecht, sondern speziell derer, die -die Hoffnungen und die Ideale ihrer Kinder teilen und zdie am Anglück' ihrer Kinder doppelt beteiligt sind: als Mütter und stls Angehörige, ihres unglücklichen Landes. Es ist nicht möglich, sich »etwas Tragischeres auszudenken, als den Seelchizustand solcher Mütter, wenn sie vor den Gräbern ihrer Kinder stehen!. Aeußerlich -triumphierte die Reaktion^ jedes freie Wort war vollständig erstickt, «die Bildungsmöglichkeiten sind aufs äußerste erschwert und eingeschränkt» die Frauenhochschulen weggefegt, und für das hungernde Volk wurden Judenpogrome erfunden. Die politische Ignoranz kommt auf ihre Rechnung, die anderen leben in dumpfem Protest dahin, iw dauern- .dem Zustand geistiger und seelischer passiver Resistenz. Attiv bleibt nur die Jugend; sie allein ist Md bleibt «die Trägerin der alten Traditionen der Intelligenz. \ Als nach den ersten Judenpogromen anfangs der Achtzigerjahre -die jüdische Jugend in Rußland, bestü^t und betäubt, sich verzwei--. fett umsah und fragte: WpS nun? wie diesem lEntsetzlichen entgegentreten? erscholl aus denselben Reihen zum erstenmal der »Nutz ,sHoch Palästtna!" Das war Erlösung. Mehr Märchen als.Wirklichkeit, nebelhaft unreal, war die Idee der Auswanderung -nach Palästtna nur ein wacher Traum, in dem sich, 'der roh verletzte menschliche Stotz, das mißhandelte Selbstgefühl rettete: And es» blieb nicht bei dem Wort: Tautznde junger Leute, Männer und Frauen, die bisher studiert und sorgenlos gelebt hatten, verließen« den — eigentlich geliebten und heimatlichen — Boden Rußlands; und zogen nach Palästtna, um sich gleich ihren »Ahnen zur Zeit Davids und Salomos dem Weinbau zu widmen. Die ^bekannten Weinbaukolonien Rischonbe—Zion, Pessach—Tikwa sind Schöpfungen jener Zeit, und bie-meijten der Kolonisten -sind selbst noch oder sind Kinder der einstigen russischen StudqÄen und russische« Mädchen. Die Palästtnaidee gewann bald festen Boden unter der «jüdischen Intelligenz in Rußland. Sie fand auch später Echo und Unterstützung in der westeuropäischen Judenschast und in Theodor Herzl einen feinfühligen und begeisterten Führer. Doch waren es stets, wie viele der westeuropäischen Zionisten oft betonten, die Russen die der Bewegung die tiefste Leidenschaft und -die uns bekannte heilige Inbrunst gaben. Als bei einem der Baseler Zionistenkongresse Herzl selbst, (der bei aller Begeisterungsfähigkeit doch auch Realpolitiker in allen Dingen blieb), in Anbettacht der Schwie- »rigkeiten mtt der Palästinabesiedlung den Plan einer Siedlung in einem anderen zugänglicheren Orte zu atzepttzren empfahl, .brachen die anwesenden Russinnen, meist Studentinnen der Schweizer Universitäten» in verzweifeltes Schlüßen aus, einige wurden ohnmächttg, als hätten sie mit dem.Paläfttnatraum» an (den sie sich mit ihrer Romantik geklammert hatten, die Heimat ihrer Ahnen zum zweitenmal verloren. - ' Die Jugend war es, die allein bei der «allgemeinen Stille sich nicht in den Schlaf wi«MN ließ und als «Trägerin der Zuttmft auf dem Posten blieb. Als der Kapitalismus in «Rußland Macht gewann, studierte die Russin in Deutschland nicht nur Medtzin» sondern Staatswissenschasten, lauschte in sozialdemottatijchen Versammlungen den Rednern und bald sahen wir in »der Folge Hunderte junger Mädchen organisatorisch und agitatorisch als Lehrermnen von Arbeitern und Arbeiterinnen. Tapsende von Frauen , durch ihre Energie zur Aufklärung des Proletariats pnrken. Daß die fteihettlWe. Bewegung nach der ^Revolution von 1905 einen Rückschlag erfuhr war tragisch; das Interesse für Politik erlosch. Die 'Russin Hatz jedoch eine zu starke politische Tradition, um nicht allen ihr drohen-« den -Gefahren zu trotzen, und so sehen wir »sie schon vor dem Schied» kensjahr 1914 wieder an der politischen Arbeit.

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