Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 37 (10.9.1918)
- Date
- 1918-09-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Augen mit lebhaftem Blick, eine gebogene Ngse, sharte Lippen, einen blonden .Spitzbart in der Art des van Dyck, einen Ansatz zu einer frühen Glatze, die ihm' nicht schlecht shand, eine sanfte Sprechart, elegante Manieren, seine, weiche Hände, die einem, förmlich in der Hand zerflossen. Er beobachtete Mts die grötzte Höflichkeiteine überfeine Ritterlichkeit, selbstz denen gegenüber, die er nicht leiden konnte," (II, 138.) Der assimilierteshe des ganzen Kreises,: durch und durch .Pariser, Franzose. Innerlich aber war .er doch den anderen jüdischen Literaten ziemlich gleich, „Ehrishof gegenüber ^vertrat Levy-Eoeur den Geish der Ironie und der Zersetzung, der sich leise, höflich schleichend an alles Grotze^in d-er absherbenden alten Gesellschaft macht: die Familie, die Ehe, die Religion, das Vaterlands in der Kunfh an alles Männliche, Reine,'Gesunde, Volkstümliche,' der jeden Glauben an eine Idee, an Gefühle, an grotze Männer, an den Menschen benagt. Im Grunde dieses ganzen Denkens satz weiter nichts als ^in mechanisches Vergnügen an der Zersetzung, der Zersetzung bis zunr Aeutzershen. . . Und neben diesem .Ideal eines geifhigenNagetieres die Sinnlichkeit einer D i.rne, ab er einer s chriftshellernden Dirne: denn bei ihm war und wurde alles Literatur. Alles, war bei ihm literarischer Stoff: fein Glück bei Frauen, seine Lasher und die Laster seiner Freunde. Er hatte Romane und Stücke geschrieben, in denen er mit piek Talent das Privatleben seiner Eltern ausbreitete, die intrmfhen Angelegenheiten ihres Lebens, die Abenteuer seiner Freunde und seine eigenen erzählte, und von seinen Liebschaften, darunter einer, die e.r mit der Hiau seines bestzen Freundes gehabt hatte . . . Dabei, war 'er kern schlechterer Sohnkein schlechterer Mebhaber als der Durchschnittsmensch. In denselben Zapiteln, in denen er seinen Vater, seine Mutter, und seine Geliebte frech entblößte, shanden.Seiten, auf denen er von ihnen mit Zärtlichkeit und poetischer Anmut sprach. Er hatte auch wirklich einen ausgeprägten Familiensinn. . .. . . Solche Gesellscha.ftsmenschen sind am Wenigsten fähig, das H eldentum und vor allem die Reinheit zu begreifen. Beinahe halten sie beides für eine Lüge oder ^ine. gölshige Schwäche.-JmAbrigenfind sie selbshv er.st.ändlich. üb erzeugt, d atz s i e d i e G r oßen d er Kunstbesser als' irgend jemand v ershehem und urteilen über sie Mit gönnerhafter Vertraulichkeit. Lucien Levy-Eoeur verstand sich trefflich mit der verdorbenen Jugend der reichen, nichtstuerischen Bprgerkreise. Er war für sie ein Gefährte, eine Art verderbter Kammerzofe, nur .freier-und aufgeklärter; sie lietzen sich von Um bilden und beneideten ihn." (II, 139 f.) Als Ehrishof einmal in eine Gesellschaft van sozialistischen Schriftshellern und Politikern kam, traf er auch da. Levy- Eoeur. Der v.ershand .es, sich überall beliebt zu machen. Salb sh mit antiliberalen Persönlichkeiten der Politik und Kunst, wutzte er sich anzufreunden, ja sogar mit Antisemiten. Peinlich berührt/ den ihm so unsympathischen Menschen im Hause eines sozialishischen Abgeordneten zu sehen, frug Krafst seinen Wirt: „Wie können Sie solche Menschen um sich behalten?" Roussin, der Abgeordnete, erwiderte darauf: „Er ish so. talentvoll! Und dann arbeitet er für unser re itzt die alte Welt ni ed e x.4i „Ich sehe wohl, datz er niederreitzt", sagte Christof, „er reißt so gut. nieder? daß ich nicht weitz, womit Sie wieder aufbauen wollen. Sind Sie sicher, datz Ihnen noch genug Bauholz für Ihr neues Heim bleibt?. Ig, sind Sie sicher, datz die Würmer sich nicht schon auf, Ihrem Zimmerplatz niedergelassen haben?" (II, 157 f.) Roussin machte Ehristzoss - Ershaunen Spatz. War es! denn nicht der. dekadente Pariser Geist, den Leute vom Schlage Levy-Eoeurs in sich ausnahmen, um .ihn dann kraft ihres Vershandes und ihrer Intelligenz weiter zu verbreiten? Der Boden, .auf dem Levy-Eoeur groß, wurde, war „eine verkommene Arishokr.a.tie, die, vom Klub- und Sportleben abgestumpft, sich, an Amerikaner und Juden verwirft", und ein apathisches, greinendes, unwissendes Bürgertum', das nur eine Leidenschaft kennt : schlafen, schlafend auf dem- Geldsach verfaulen. Als Aegn Ehrishof um Colette Stevens Freundschaft sich bewarb, shi.etz er da aus Levy- Eoeurs Nebenbuhlerschaft, und da er Colette vor die W.a.hl shellte: . er oder Levy-Eo.eurzog sie diesen vor und ließ Ehrishof fällen. Levy-E.oeur war. amüsanter und geistvoller als der Hartschädelige/ immer nur ernste und moralische Krafft. Jean Chrishofs Antipathie gegen Levy-Eoeur steigerte.sich, jetzt bis zum Hatz. Solche Anlässe machen einen Dutzendchristzen regelmätzig zum ausgesprochenen Antisemiten; Ehrishof war es trotz alledem nicht geworden, wenigstens nicht im gewöhnlichen Sinne des Wortes. ,>Er verachtete allerdings, die kosmopolitische Gesellschaft, deren einziges Ziel,, deren Kredo das .Vergnügen war", „die kosmopolitischen Kleinbürger, die.die Ueberlieferungen des' Landen fröhlich, mit , Füßen traten." Er hatte auch, eine recht sha.rke Dosis Vorurteil mit der MuttermM eingesogen. „Er liebte die Juden nicht; aber die Antisemiten liebte er noch weniger. Diese Massenfeigheit, .die gegen eine mächtige Minderheit aufshand, nicht weil sie schlecht, sondern weil sie machtig war, diese Herausforderung aller nied e renZ nfhinkte d er Eifers uchtünddesHas - - s esWetz ihn ab." (II/ 172j Ihm waren diese Antisemiten zuwider, „die alle Kraft ihres Wesens in einem wütenden und ohnmächtigen Hatz gegen alle .mit Glücksgutern.Gesegneten verausgabten: denn sie hatzten all^Iuden und nannten alle, die sie hatzten, Juden." (II, 155.) „So hielten ihn. schließlich die Juden für einen Antisemiten, die Antisemiten für einen Juden." (II, 172.) Seme gesunde, kernige Art wutzte recht gut, gerade in diesem Punkt, vor jedem Ertrem ihn zu behüten. Er leugnete nicht die guten-Seiten der Juden, Mochte er auch nranchmal ihre Mängel zu energisch hervorheben; Rassenmensch selbsh, schätzte er vor allem jene Juden, die die Eigenart ihres! Stammes hewutzt Hochshielten unb pflegten. Md noch eines hielt Ehrishof ab, Antisemit zu werden: seine schwärmerische Verehrung des Alten Teshaments, dieses alten Büches, voll .Kraft und Ursprünglichkeit. " " . _-iV< . .. , (Fortsetzung folgt.) - r Weratnr. „Die Russin", von Nadja Strasser. Mit 24 Abbildungen. Verlag von S. Fischer, Berlin. Die Verfasserin.führt uns' an den Hof Katharinas II. und schildert uns die Entwicklung der russischen Frau bis auf unfern Tage, die wir mjt um' so lebhafteres Anteilnahme begleiten, alsl auch der Entwicklung der Jüdinnen' gedacht wird. Man wird das treffliche Buch, von dessen reichem kulturhistorischen Inhalt wir leider nur Andeutungen geben können, nicht ohne tieft Ergriffenheit aus der Hand legen; wir empfehlen es insbesondere als ein Frauenbuch bester Güte und sind des wärmsten Dankes des geschätzten Leserkreises dieses teuren Blattes sicher. Mit der «Bauernbefreiung 1861 vollzog sich ein ungeahnter Auffchlwüng im' vruffi^