Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 36 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 580 Dt'. Bloches k. k. Schulrates' Ferdinand K i n d e. r m ann' v o ii Schul stein auf dem' jüdischen Ratiiause zu Prag tagende Kommission die Errichtung der Schule.. Am 2. Mai 1782 fand bereits die Einweihung des an der Moldau, den Weinbergen gegenüber gelegenen Schulhauses, das fünf hehrzimmer und einen schönen Prüfung sSaal faßte, statt. Wiener schildert die .Eröffnungsfeierlichkeiten, die frühmorgens mit einem Gottesdienste in der Synagoge einsetzten, worauf sich die Festteilnehimer zu einem1 Festzuge gruppierten, in freudig bewegten Worten und fügt hinzu: „Es läßt sich! nicht beschreiben, welch eine Menge Volks1 von den Dächern, , aus1 den Fenstern, auf den Plätzen und Gassen diesem ‘Zuge nachfölgten, noch weniger aüsdrücken, was Menschen, die zu denken fähig sind, beyim Anblicke dieser ungewöhnlichen Szene gefühlt haben. Hier stand ein gerührter Vater und sah mit Entzücken, wie der erste Rabbi und der Vorsteher der Gemeinde seinen Sohin einem' Orte zuführen, wo er den Grund zu seinem Glücke legen sollte! Dort drängte sich eine zärtliche Mutter durch die Menge des Volks und benetzte den Weg, worauf ihr Kind zu dem Heiligtume der Tugeud und Weisheit hinschritt, mit Tränen der Freude, und nie empfundener Wonne! Da gieng ein Kinderfreund, übersah die Reihe der Kleinen mit patriotischen Blicken, verglich ihren gegenwärtigen Zustand mit dem Vergangenen und nahm an dem günstigen Schicksale der Jugend, ah den besseren Aussichten der bürgerlichen Gesellschaft den wärmsten Antheil.“ Von der Verfügung des erwähnten Hofkanzlei - dekrets:2) „Die Juden -sollen obneweiters da, wo sie schon einige Schulen haben, geschickte Leute ihres Glaubens in .die christlichen Normalliauptschulen zu denen Bildung als Lehrer und Schulmeister absdhicken“, Scheinen die Juden keinen Gebrauch gemacht zu haben; denn treuherzig berichtet Wiener (S. 25): „Die Pädagogen Lengen heynahe zu gleicher Zeit an, mit den Schülern zu lernen, ohne daß .die Letzteren mit Grunde sägen könnten, sie hätten ihre Rechnung nicht dabey gefunden.“ , Eine große Schwierigkeit bot die Frage, welche Lehrbücher an der jüdischen Hauptschule in Verwendung gelangen könnten, da ja die vorhandenen Schulbücher nach dem Bedürfnis1 der -christlichen Schulen zugeschnitten waren. „Der weise Landes1-, ’fürst,“ berichtet Wiener, „hat in dieser Frage nach den Grundsätzen der Toleranz' entschieden - . Da das Lesebuch und Sittenlehren vieles enthält, welches auf das Judentum nicht anwendbar ist, so mußten solche bloß nach der philosophischen Moral eingerichtet werden. Ein Umstand, der die freywillige Annahme der Lehrbücher von Seiten der Hebräer umso mehr bewirkte, -da ihnen nicht das! mindeste, was! mit ihrem Gottesdienste nicht übereinkäme, aufgedriingen wurde . <. Der Herr Probst v. * S c hu 1 - stein besorgte die Abänderungen etc. . . . [BeymAbdrucke wurde eia Korrektor bestellt, der jeden Bogen dem hiesigen Oherrabhiner vorlas. und vor der Auflage ‘zur Unterfertigung überreichte.“ Lassen wir unseren Blick über den ersten Lehrkörper der jungen Anstalt gleiten, so gewahren wir Simon Ganz (Wiener nennt ihn Günzenhausen) als Vertreter des Rechnens und Lesens1. Eine Frucht seiner hier gesammelten Lehrerfahrungen ist sein Buch : „Praktische Bemerkungen und Vorschläge zur Verbesserung des Lesefaches für angehende Haus- und Schullehrer, vorzüglich’ jene der jüdischen Jugend, 2) Pribram A. F., Urkunden und Akten zur. Geschichte der . Juden in Wien. Wien 1908. L 51B. Wochenschrift ' ' Nr. 36 nebst einem Gespräche über die Numeration, als ein Beispiel der Sokratischen ■Lehrär-t.“ Prag 1792. (Sulamith II., 1, 354, mid Fürst, Bibi. Jud. I., 347.) Koppelmann Liehen in seiner tahellarisehen Zusammenstellung der auf dem ersten Woiscbaher Friedhof ruhenden hervorragenden Persönlichkeiten bezeichnet ihn als1 einen fruchtbaren Schriftsteller im Rechnungswesen '(8. 20). Als sein. Todesjahr wird das Jahr 1824 angegeben. Neben ihm gewahren wir Piukäs (Plnlipp) K p 1 j n, der „S!ifttenlehre,; Weltgeschichte (un,'d die Kalrte Böhmens“ -lehrte, und Moses Goldschmied, den Lehrer des Schönsöhreibens und Lesens. Moses Wiener, der bereits erwähnte Historiograph der Anstalt, bezeichnet Schönschreiben, Diktando, Orthographie und deutsche Aufsätze als" seine Domäne. Diesen Lehrern war Wolf Kassel als" Schulgehilfe („Familias“) beigegeben, der neben dem Lehrauftrag für Buchstabieren, Lesen,' Nummerieren, Addieren und Subtrahieren über die Schulzucht zu wachen hatte. - Schön am 5. September. 1782 fand die erste, am 27. Mär-z 1783 die zweite öffentliche- Prüfung an der Anstalt statt und von da ab wohl regelmäßig am Ende eines' jeden Semesters1. Mit dem1 Beschluß vorn 5. Oktober 1785, an des'sen Herbeiführung neben dem bereits genannten k. k. Schulrate die Schulaufseher Gabriel F r ankel und Lazar Grünhuth verdienstlichen Anteil hatten „an der hiesigen deutschen Hauptschulesowohl in Literarischen als industrialischem Kennjnisseu die Mädchen z(u unterrichten“, tritt di© Mädchens chljule ins Dasein und legt' bereits v aln 9. März 1785 in der ersten öffentlichen Prüfung eine Probe ihrer Leistungen ah. Als Lehrgegenstände dieser Mädchenschule werden vorerst Lesen, Schreiben, Rechnen und die Moral, dann (Stricken, Nähen und Spinnen genannt. . Unter Moral oder natürlicher Moral wird die Sittenlehre verstanden. Daß aber bald auch de? eigentliche Religionsunterricht zu seinem Rechte kam, geht aus W anni cz eks1 Notiz hervor, der von Lazar Grünbuth, dem zweiten Schülinspektor, berichtet': „Er bewies die Möglichkeit, mit-, fielst de? Normallehrmethode die hebräische Sprache Sowohl als die mosaische Religionslehre in der Schule vorzutragen, um die öffentliche Schule mit der Synagoge zu. vereinigen und die Schuljugend zur Aus- Übung eines angemessenen Religi,onskültus regelmäßig zu verhalten.“ - - Eine wesentliche Förderung dürfte die .Frequenz der neuen Schule, durch die kaiserliche Anordnung vom 15. April 1786 erfahren haben, derzufolge „künftig keinem Juden die Heiratsbewilligung'verliehen werden sollte, der. sich nicht mit dem erhaltenen Normalschulunterricht gehörig ausgewiesen haben würde* Dennoch gestaltete sich alsbald das Schicksal der Schule nicht sehr glücklich. Im Jahre 1799 mußte sie sogar (Wanniczek, S. 32) „aus nichtigen Gründen“ auf unbestimmte Zeit geschlossen-werden. Man wird nicht fehlgehen, wenn inan in diesem Schulschicksal einen Niederschlag der inzwischen entfach- / teil Kulturkämpfe vermuten würde. Erst im Jahre 1809 wird dem hebräischen Unterricht der öffentliche Charakter zuerkannt; wenngleich der Lehrer dieser Sprache, der als fruchtbarer Schriftsteller'bestbekannte modern gebildete Wolf Mayer, nur als externer Lehrer der Hauptschule bezeichnet erscheint. Von Mayers pädagogischen Schriften haben Seine Hebräischlehrmittel: Reschith limmudim, Hebräischer Lese- und Sprachunterricht für die zarte Jugend, nebst moralischen Erzählungen und Fabeln, ferner Leschon limmudim, Fabeln und Erzählungen