Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 36 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Leite 579 Sftti 36 Notenschrift ligionsunterrjchtes', fühlbar. Wohl hat die. altjüdische Pädagogik, die, biblische wie. die. talmudische, sich nicht über Vernachlässigung zu beklagen. Sie ist mehrfach beschrieben .und nicht zu seiten nachgeschrieben. Doch gerade der Umstand, daß fast jeder Geschichtsschreiber dieses Faches womöglich bei Adam anfangen zu müssen meinte, verschuldete es, daß von der nachmendelsSOhnischen Ep.oohe — in welcher erst von .einem pädagogischen Betrieb des jüdischen Religionsunterrichtes gesprochen werden kann — nur wenige Spezialschriften lokaler Schulgeschichte .oder der Geschichte einzelner Schulkategorien vorliegen, aber noch kein zusammenfassendes Bild des Wesens, Werdens und Wachsens des jüdischen Unterrichtes entworfen ist. Und doch ist der Nachteil, der darin liegt, daß dje gewonnenen Erkenntnisse und Einsichten nicht festgehalten sind und dem Lehramtskandidaten übermittelt werden können, nicht zu unterschätzen. I'st doch das Material, an welchem der Neuling erst herumexperimentieren soll, zu kostbar. „Aerzte, Notare und Lehrer*4, sagt ein Wahrwort unserer Alten, „können.nie wieder gut machen, was: sie, verdorben haben.“ Unter den verschiedenartigen Materialien für eine solche künftige Geschichte des jüdischen Unterrichtes scheinen mir Schul- und Prüfungszeugnisse einiger Beachtung nicht unwert. Diese Erwägung stieg mir auf, als ich durch die Güte, des Herrn Bibliothekars Dr. Bernhard Wach s t ein auf zwei alte Zeugnisse aus seinem Besitze aufmerksam' gemacht wurde. Die Zeugnisse, stammen aus den Jahren 1819 und 1828 und galten der späteren Mutter des berühmten Entdeckers und Sozialethrkers' Josef P.opper-Linken s, der sie von der Prager israelitischen Hauptschule, bzw. von Herz Ho mb erg ausgestellt' wurden* So mögen uns denn , diese Zeugnisse, deren Text hier folgen soll, die Handhabe bieten, die Schülerin, , die Schule, die. Lehrgegenstände, die Lehrer und sonstigen Unterzeichner in der Erinnerung zu beleben und an uns, vorüberziehen zu lassen. Das eine Zeugnis', .offenbar im Anschlüsse an eine öffentliche Schulprüfung ausgestellt, lautet: Von Seite der pirager Israeliten-Hauptschule wird bezeuget, daß Katharina Kohn, Schülerinn der dritten Klasse sich in den Sitten sehr gut verhalten, unc" die . für den SommerkurS vorgeschriebenen Gegen stände folgendermaßen erlernt hat: Das' Bne Zion gut. Die Moral jrut. Das Lesen sehr gut. Das Schönschreiben sehr gut. Das Rechnen sehr gut. ' Das Recht- und Diktandoschfeiben gut. Die deutsche Sprachlehre gut. Die Aussprache gut. Die Industrie \ gut. Diese Schülerinn verdienet; daher in die Vorzugs Klasse gesetzt zu werden. Prag, den 14. 7 her 1819. Z Antöii Raa z, Direktor der isr. Hauptschule. . Pieter Beer. Job. Wanniczek. ' . : Abr. Lejwit. Elisabeth Makowsk) (Siegel.). Das zweite Zeugnis,, wie aus dem, Wortlaut und den Unterschriften hervorgeht, wohl zum Zwecke der Erlangung der Ehebewilligung . erworben, hat die Fassung:; '; ZejUi8.nl ss. Auf Anstichen dgr Katharina Kohn von hier wird bezeugt, daß in der mit ihr vorgenommenen Prüfung üb^r die in dem von St. K. K.. Majestät für die israelitische Nation vorgeschriebenen religiös-moralischen Lehrbuche Bne.-Zion enthaltenen Pflichten des Menschen und des Untertfrans dieselbe gut bestanden ist, welches mit meiner Unterschrift und dem! beyge,- druckten Siegel hiermit bekräftigt wird. Prag, den 2. Mai 1828. : ■ Herz Homberg, k. k. Schulrath, Außerord. Leh. der relig. Moral f. J., Verf. des Marcus Schlesinger, Bne-Zion. Oberjurist. L. S,;;; t . Coram mo ä -,. > . Jos. Schütz, Studienrath^ (?)_ Die S'chülerin (und (im zweiten Zeugnisse) Braut Katharina Kohn lernen wir in der Selbstbiographie ihres großen Sohnes (Leipzig 1917) kennen. Josef Popper [erzählt, daß sie insbesondere für ihren Bruder Selig Kohn, den unter dem Namen Friedrich Nork1) bekannten Schriftsteller, große Verehrung empfand. Die literarische Tätigkeit seines Onkels erregte in Poppers früher Jugend einiges1 Aufsehen. Zü d,ejn originellsten Schriften Norks zahlt wohl dessen „Brammen und Rabbinen“ oder „Indien, das Stammland der Hebräer und ihrer Fabeln. Eine Parallele, allen unbefangenen Gesiehichts- und. Bibelforschern zur Prüfung vorgelegt“ (Meißen 1836.) Er entwickelt in diesem Buche seine sonderbare These von der Herkunft der Juden aus Indien auf folgen-, dem Wege: Die Israeliten waren ein ägyptischer S'tamm, di,ej Aegypiter aber waren Aethiopier. Diese wieder kommen aus Indien. Diese Schrift fand trotzdem oder vielleicht weil ihr Autor den väterlichen Glauben verlassen hatte, in der zeitgenössischen jüdischen Zeitschriftenliteratur große Beachtung und eine ■weitläufige Widerlegung. Katharina Kohn war also Zögling der „prager Israelitischen Hauptschule“. Wir sjnd über diese Schule, eines, der historisch bedeutsamsten Kulturinstitute, durch zwei Bearbeitungen ihrer Geschichte und gelegentliche Berichte unterrichtet. Vermutlich im Jahre 1785. veröffentlicht Moses Wiener, öffentlicher Lehrer an eben dieser Schule,, eine „Nachricht von dem1 Ursprünge und Fortgange der deutschen jüdischen Hauptschule zu Prag“ und im Jahre 1832 zur Erinnerung des 50 jährigen Jubelfestes derselben der "seinerzeitige Direktor Johann Wanniczek eine „Geschichte der prager Haupt- Trivial- und Mädchenschule der Israeliten, deren Verfassung und merkwürdigen Vorfälle von ihrer Gründung bis auf gegenwärtige Zeiten“. Diesen Quellen zufolge, verdankt diese Schule ihr Entstehen dem Hofkanzleidekret vom 19. Oktober 1781. Vorher schon wollte Maria Theresia auch hei den Juden das Normalschulwesen eingeführt wissen. Doch die Gemeindeältesten und Rabbinen Prags verhielten sich diesem Wunsche gegenüber ablehnend und erklärten 1776, die jüdischen Kinder brauchten den ganzen Tag zur Erlernung des Hebräischen, zu den Gebeten und zum Religionsunterricht. Erst nachdem Josef II. die Dotation der Hauptschule (3000 fl.) sichergestellt hatte, beschließt die unter dem Vorsitze des Probates und *) Dieses Pseudonym, unter welchem Selig Kohn mehrere Studien zur Mythologie veröffentlichte, wurde von manchen Bibliographen irrtümlich in Korn aufgelöst.