Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 35 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Seit» 569 Nr, 35 Tr. Blüch's Wochenschrift „Also war es nicht überraschend, wenn dieser Emigrant die nationalen Rrchmestakey anschwärzte." Und dieser empörten, in ihrem nationalen und lokalen Selbstbewußt-., sein ti'es beleidigten und gekränkten Stadt wollte Krafst seine Musik ansdrängen. Selbstverständlich war die Kritik im voraus schon vernichtend. Dazu kam, bah er sich mit der Sängerin Überwurf, die seine Lieder singen sollte: eine'berühmte deutsche Diva. Christof zwang sie die Lieder so jq\i singen, wie es seine Intuition verlangte.- Sie gab bei den. Proben nach, war 'jedoch fest entschlossen es. im Ködert, nach' ihrem Kops, zu machen. Der Abend kam. Mit eisiger Kälte nahm das Publikum Christofs Musi? aus.' Schon das machte ihn nbrvös. Kehr Applaus, kein Zeichen auch nur der leisesten Zustimmung. Jetzt Fam. der 'Gesang. Tie Diva erschien und wurde mit ostentativem Jubel empfangen. Dadurch in ihrem Eigensinn bestärkt, sang sie die Arien nach ihrem Geschmack, nicht nach Kraffts Weisung.. Der an sich schon aufgelegte Dirigent schrie die. Sängerin mÄk-'.n' im Gesang an: „Genug, von vorn anfangen!" Dwü und Publikum fassungslos, - mit einem Skandal und jämmerlichem Fiasko endet das Konzert. Christof 'war empört. Er fügt sich nicht, sondern schwor, die Reform des deutschen Musiklebens durchzuführen, mag es auch sein Leben kosten. In dieser Gemütsverfassmkg traf er zun; erstenmal mit den jungen Literaturjuden seiner Stadt zusammen. Es waren ihrer vier, die, wie das gewöhnlich ist, unter arischer Flagge eine Zeitschrift gegründet hatten, die sich zur Aufgabe machte den Geschmack des Publikums den neuen Zeitideen, zugänglich zu -machen. Die Väter dieser vier jungen Juden „gehörten zur alten Generation arbeitsamer, zäher Juden, die dem Geist ihrer Rasse treu waren, mit zäher Energie-ihr Bernrögen geschaffen hatten und ihr Machtbewußtfein mehv als ihr Geld genossen. Die Söhne schienen dazu da, um zu zerstören, was die .Väter aufgebaut hatten: sie verspotteten die Familienvorurteile und den. Hang zu sparsamer, wühlender Ameisenarbeit; sie spielten die Künstler, taten pts ob sie das Vermögen verachteten und es aus dem Fenster würfen. In Wirklichkeit aber verlor sich kau nt etwas «davon zwischen ihren Fingern:' sie konnten noch soviel Tollheiten begehen: sie trieben es nicht so weit sich den Maren Blick trüben zu lassen und ihren praktischen Sinn Zu verleugnen." ,/Sie gaben sich sehr gern den Anschein von Wrchterlichen Säbelspaltern und waren doch! gute Jnngens, die höchstens ein paar harmlose Leute spalteten oder solche, die sie außerstande glaubten ihne^r jemals schaden zu könnten. Sie hüteten sich sehr' mit einer Gesellschaft zu brechen, in die sie eines Tages, wie sie ganz gienau wußten, zurückkehren würden, um in ihr ungestört das Lehen aller Welt zu leben und' sich innig 'mit allen, jetzt von'ihttf.n bekärnpften Vorurteilen zu vernrählen. Und wenn sie es einmal tvagten einen Ausfall zu mächen, Reklam^elärm zu schlagen, geräuschvoll 'gegen euren Tagesgötzen zu Felde zu ziehen — der bereits zu wanden aüfing —, trugen sie Sorge, ihre Schiffe nicht hinter sich! zrr verbrennen: war Gefahr in Sicht, schifften sie sich wieder ein." (I, 530, 532.) Die Zeitung, die sie herausgablen, hieß? „Dionysos". Ms Herausgeber zeichnete der Dichter Adalbert von Waldhaus, einer der sogenannten Modernen, reich; und unabhängig. „Er hatte sich in den Kopf gefetzt den großen Herrn zu spielen, dier über die Vorurteile seiner Kaste erhaben ist. Dabei war er mehr als irgendeiner von ihnen besoffen. Er gestand es sich nur. nicht ein. Er fand Vergnügen daran sich? in der Zeitschrift, die er leitete, ausschließlich mit Juden zu umgeben, um die sehr antisemitischen Seinigen zn entfetien und sich selbst seine! geistige Freiheit zu beweisen ... Im Grunde aber empfand er für sie tim ruhige und grenzenlose Berach!- tung. Er wußte ganz genau, wie gut es ihnen paßte seinen Namen und sein Geld auszunützen; und er ließ sie gewähren — des süßen Gefühls wegen, sie verachten zu können. Und auch fte verachteten ihn, weit er sie.machen lyeßj, was sie wollten: denn.sie wußten sehr wohl, daß er seinen Vorteil dabei fand. Waldhaus stellte ihnen, ind^em er gckb und gab, wohl seinen Namen und sein Vermögen zur Verfügung; sie trugen ihm dafür ihr Talents ihpen Geschäftsgeist rmd eine Leserschaft zu. Sie warben bedeutend intelligenter als er. Nicht etwa, daß sie stärkere Persönlichkeiten gewesen wären.*) . Ab e r sie waren in der kleinen Stadt, wie immer und überall, allein durch die Tatsache ihrer Rafs?enverschiedenheit, die sie seit Jahrhilnderten isoliert und ihren spöttischen Bpobachtnngsg eist geschärft hatte, die vorg-eschrittensten Geister, wurmstichigen Einrichtungen und abgelebten Gedanken gegenüber die Empfindlichsten. Da jedoch ihr Charakter weniger ausgeprägt als ihr Verstand war, suchten sie bei allem Spott aus diesen Institutionen und Gedanken vftel eher Vorteil heran sznschka gen, als sie zn reformieren." (I, 531 f.) In diesen Kreis wurde Christof durch den intelligentesten der vier eingeführt: Fritz Mannheim. Kurz nach seinem so schweren Fiasko saß Christof.an einem Tisch des Theaierrestaurants im Kreise von Orchestermitgkiedern und ließ sich in wütende Kritik aus gegen die anerkanntesten Meister deutscher Musik. An einem benachbarten Tisch hörte dem Gespräch Fritz Mänrcheim zu und „bog' sich dabei vor Lachen". Ms Christof das Lokal verließ, stellte sich ihm Mannheim vor und forderte ihn auf seine musikalischen 'Ideen im . „Dionysos" zu veröffentlichen. Nach einigem sträuben willigte Krafst ein und wird. Mitarbeiter der Zeitung. Nach näherer Bekanntschaft ladet ihn Mannheim zn einem Diner in seinem Wernhause ein. „Es war das erstemal, daß er in ein israelitisches Hans kam." Ms Ehtistof seiner Mutter davon Mitteilung machte, stchlte sie sich bedrückt. „Sie dachte, man müsse ja nicht alles glauben, was man von den Inden Böses redete — man sagte von alter Welt Böses — und es gäbe ja überall gute Menschen, aber es wäre trotzdem bessert und richtiger, wenn jeder für sich bliebch Hw Juden aus ihrer, die Christen auf der anderen.Seite." „Christof kannte keines dieser Vorurteile.**) Mit seiner Gesinnung, die in beständigem Widerspruch zn seiner Umgebung stand, wurde er von dieser anderen >Rasse eher angezogen. Aber er kannte sie kaum. Er hatte nur wenige Beziehungen zu den gewöhnlichsten Elementen der jüdischen Bevölkerung gehübt: kleinen Kausleuten, dem Pöbel, der in gewissen Straßen zwischen Rhein und Dom tvimmelte und mit dem Mgemein Menschlichen Herdeninstinkt, immer weiter eine Art von kleinem Ghetto bildete. Es' kam ziemlich oft vor, daß er in diesem Stadtteil hernmschlenderte und mit neugierigem Blick gewisse Frauentypen beim Vorübergehen erspähte; sie gefielen ihm ganz gut mit ihren mageren Wangen, - ihren vorspringenden Lippen und Backenknochen, dem leonardischen, ein wenig niedrigen Lächeln: wenn nur ihre gewöhnliche Sprache und ihr springendes Lachen die Harmonie des unbewegten Gesichtes nicht inrmer gleich zerstört hafte. Doch selbst in der Hefe des Volkes, unter diesen dickschädeligen, untersetzten und platt- *) Alle mir besonders charattenstisch erscheinenden Sätze RoDrnds laste ich gesperrt drucken. **) Was Rolland seinen Helden Christof später über Hudenr sagen läßt, ist allerdings alles andere eher ais frei von Vorurteil.