Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-09-06 · 35 (6.9.1918) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
35 (6.9.1918)
Date
1918-09-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3022300-3022336--27147-3052547
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr- SS Dir. Bloch'Z Wochenschrift Seite S5K den,^indem ein großer: Staat sotzstal-pö.rgebWeter Wtarfteitpr in jedem Fall die /Pflegschaft übernimmt und weitersührt. Die Arveitsschule soll weiter ausgebaut werden, um Kriegerwitwen und Kriegerwaisen ErwerbsmöglWeiten zu bieten; die Angliedervng einer Aachschule für DekorationsAnst ist geplant. .Auch das! Stiefkind unserer sozialen Fürsorge wurde nicht vergessen. .Es sollen Mittelstandsiausspeijungen und Mime für dis Kinder des Mittelstand es! . errichtet w erden. Und last not least wird auch an eine Erweiterung der Suppen- und Teeanstalt gedacht. W ist selbstverständlich daß alle diese Däne nicht in einem Jahre verwirklicht werden Annen.' Um sie überhauptperwirklichen zu 'können, - braucht man Tausende^ Kerzen, die mitfühlen, und Tausende Künde, die mitbauen. Mr als Juden empfinden es als Freude und Stolz, daß Mische Frauen dieses große Werk der . sozialen M Fürsorge geschaffen, durch vier Jahre weitergeführt.und'^ mit ihm einen Grundstein zur Reform und höheren/ Ausgestaltung der sozialen Fürsorge gelegt haben. Wohl lesen wir die N.am'en jüdischer Frauen in allen. Komitees, in den Vorständen aller Vereine, aber nur allzu selten bekennen sich, die jüdischen Frauen selbstbewußt und treu zu ihrem Judentum, das ja doch die Wurzel ihrer Kraft ist, und nur allzu selten schließen sie sich zusammen, um bewußt gerade für jüdische Arme auch in der Oeffentlichkeit. zu' wirken und für sie . einzutreten. Und doch ist diese Hilfe des Juden für den Juden, die d.em nationalen Mitgefühl und dem Bewußtsein der Volkszusämmengehörigkeit entspringt, die einzige, die den jüdischen Armen stützt, ohme ihn zu drücken, die ihm hilft, ohne Mn zu demütigen-; Der Kreis der jüdischen Frauen um Frau Anitta Müller hat Großes, geleistet. Da. istTue-uUermMiche Frau iCmmY Klinger, Frauerf und" Fräulein Münz, die. energischen und zielbewußten Leiterinnen der Arbeitsschule, Frau Selmg Kl,ar, die treue Beschützerin und Fürsprecherin für alle Bedürftigen und viele, die nicht alle namentlich angeführt werden Annen. Auch die treuen Beamtinnen der Institutionen haben wesentlich zum Erfolg beigetragen. Diese Frauen haben .ihr nationales Empfinden bewiesen, und' es . ist wohl anzunchmen, daß sie auch später, wenn die Institutionen unter der Flagge der „Sozialen Hilfsgemeinschast Anitta Müller" arbeiten werden, ihr jü disches Volkslgesühl und jüdisches Herz bewahren werden. Es ist? aber eine banale, jedoch nur allzu wahre Tatsache, daß man mit dem Herzen allein keine Fürsorgeeinrichtungen schaffen und führen kann. Dazu gehört ein festes finanzielles! Fundament, auf dem man Wohlfahrtseinrichtungen aufrichten kann und darf. Wir haben in letzter-Zeit mehrfach gelesen, daß die Gemeinde- Wien beabsichtigt, die Wohlfahrtsinsti- ' tutionen zu finanzieren oder in eigene Verwaltung zu übernehmen. Beim.Lesen dieser Meldung mußten wir uns denn doch fragen: „Warum sorgen nicht jüdische Wo.hltät.er und vor allem die Kultusgemeinde dafür, .daß diese Jnstitutio - neu vor allem für die arme jüdische Bevölkerung erhalt en,bl eiben?" Manchmal schien es auch in letzter Zeit, als wäre Frau AnittaM.ülI tx abgeschweift von dem Wege, den sie sich selbst gewählt und der für sie der einzig richtige ist. Aber wenn man den Rechenschaftsbericht durchliest, und sieht, daß alle Institutionen, welche einen monatlichen Aufwand von. 45.000 K. benötigen, nur durch freiwillige Spenden von Tag zu Lag weiterfristen müssen, so versteht man auch welche materiellen Sorgen Frau Anittq ^"""er während dieser drei Jahre durchzukämpfen hatte, und begreift es fast, daß der schwere Druck dieser" Sorgen selbst eine , starke, und energische Natur von ihrem Wege äbdrängen Annte. * Jüdische Frauen find bereit, jüdisches Elend zu lindern; sie werden sicher nicht vereinzelt! arbeiten, sondern ihr Streben wird Widerhall in allen jüdischen Herzen finden!.. ' Da. E- §, Wiener jüdische* Grganisationsk»mi1ee. Dias Wiener jüdische Orgattisationskomitee, in dessen Verlag demnächst die zweite Auflage der Tschiaßnyschen Denkschrift „Jüdische Kultus- und Erziehungsfragen" erscheint, hatte die "Güte, uns in Form von Aushängebogen das folgende Kapitel der jScßrift zur Verfügung Zu stellen: "' . Die Stellung der Rabbiner. I Ter berufenste Faktor einer ethischen Regeneration der Juden ist der Rabbiner. Ein kurzer Blick auf die Geschichte des jüdischen Volkes läßt den hervorragenden Einfluß erkennen, den der Rabbin erstand in allen Perioden nicht nur auf die Erhaltung und den Fortbestand, sondern auch ans die geistige und sittliche Entwicklung des jüdischen Volkes ausgeübt hat. Ein weiterer Blick auf diese Geschichte zeigt, daß sich dieser Stand jederzeit bis in die Tage der unmittelbar vorausigegangenen Generafion eines beispiellosen' undunbestrittenen Ansehens erfreute; und ha die ehemals allgemein verbreitete Kenntnis' des jüdischen Schrifttums im Laufe der Zeiten allmählich aps den weitesten Kreisen dchi jüdischen Voltes geschwunden ist, so ist der Rabbiner — wenigstens soweit die abendländischen Juden in Betracht kommen — cfls alleiniger Träger der jüdischen Wissenschaft vor allen anderen zur geistigen und sittlichen Führung des Volkes berufen. Um so schmerz sicher ist es, daß gerape dieser Stand gegenwärtig von diesem heilsamen Einflüsse fast ganz ausgeschaltet ist. Was ist die Ursache dieser betrübenden Erscheinung;?» Es kann sicherlich nicht an dem Studiengang des modernen Rabbiners liegen; denn dieser ist heutzutage» im allgemeinen geistig hochstehend und vielseitig gebildet. Weitgehendes hebräisches und talmudisches Wissen,, vereint mit klassischer Bildung, gehört nebst rhetorischer Begabung -zum Rüstzeuge des modernen Rabbiners. Aber seinem so sehr wünschenswerten, sittlich veredeLwden und erziehlichen Wirken steht derzeit eine ganze Reihe hindernder Umstände entgegen, die nicht zuletzt in dem Mangel au Ansehen. des Rabbiners gipfeln. Angesichts der historischen Tatsache, daß im Judentum Wissenschaft und Lehre jederzeit das Höchste und An-> gesehenste waren, ist diese befremdende Erscheinung hauptsächlich auf Gründe zurückzuführen, die in der beklagenswerten statutarisch festgelegten Unfreiheit des Rabbiners ihren Ursprung haßen. Diese ist die Folge der Omnipotenz des Vorstandes!, welche 'die Stellung des Rabbiners in Wien wie in den ProvinzgemLinden zu einer rechtlosen macht und dem Rabbiner das moralische Rückgrat bricht — zum Schapen der Mischen Gesamtheit und zur Degvnerierung des Rabbinerstandes selbst, um so mehr als nach dem Statut der Vorstand in Diszipsinaraugelegenheiten zugleich die anklagende, untersuchende, das Urteil fällende, und obendrein noch inappellable Behörde ist. Dazu kommt, daß der Rabbis ner in Wien wegen seines ungenügenden Gehaltes, ber dem im Gegensatz zu den Bezügen aller anderen amten eine automatische Steigerung ausgeschlossen ist, zur Ermöglichung einer sorgenfreien Haushaltzmg hau? fig auf dgs WoMwollen des! Vorstandes angewiesen ist. Das Bestreben, jeden Anstoß zu vermeiden, die Angst,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.