Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 30 (2.8.1918)
- Date
- 1918-08-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 00 Dir. Bloch's Wschenschrift Seit« 475 allgemein zugänglichen Versammlung im Rathause der Stadt Wien den Pogrom als Heilmittel für den .Staat zu protlamieren, und die dort Anwesenden sich bereits als jo verhetzt erwiesen, daß-sie auf seinen Aufruf Mit. den Worten: „Fühle uns!" reagierten, da. ümcht unsere Selbstachtung, unsere Selbsterhaltung es' uns zur Pflicht, unser mahnendes und warnendes Wort zu erheben und gegen die Duldung dieser verwerflichen Agitationen Verwahrung einzulegen. Verwahrung und nicht Verteidigung will die Resolution sein, die ich .Ihnen zur Wjtimmung vorlegen werde, und die bis! heute schon von nahezu ZOO Kultusgemeinden*) Oesterreichs zustimmend angenommen wurde. Sollten wir es wirtlich am Ende des vierten Kriegsjahres no,ch nottvöndig haben, -gegen die. Verleumoung, daß die Juden nicht ihren reichen Anteil an den Kriegsopfern an Gut und Blut hätten, uns zu verteidigen? Wer von uns hat nicht in feinem engeren oder weiteren Familienkreise schmerzliche Verluste durch den Krieg zu veklagen? So findet auf die jüdischen Familien in Oesterreich das! Bibelwort: en bajis ascher en schon: mes — es gibt kein Haus, das keinen Toten härte—, in seiner wahrsten, traurigen Bedeutung volle Anwendung. .. Jch> bin überzeugt davon, daß die zu fassende Resolution jedem einzelnen Juden aus dem Herzen spricht, mtD ich will trotz der trüben Erfahrungen der letzten Vergangenheit. nicht die Hosfnung^lassen, dast . Besonnerrheit und Gerechtigkeit doch^ wieder zu ihrem Rechte kommen und wenigstens die ärgsten Auswüchse beseitigen werden, die eine von Unverantwortlichen, gewissenlosen Menschen ins Aiaßlose gesteigerte Hetze hervorgebracht hat. Wir werden aber, sollte sich diese unsere "-HIMüNg Ols ^trügerisch ' "erweisen,." auf der unnmehr beschritteneu Bahn weitergehen und Mittel und Wege suchen und finden, um unsere Menschenrechte zu wahren und zu verteidigen. In solchem Falle würde ich mich bemüßigt .finden, im Herbst eine große jüdische Volksversammlung einzuberufen, her es dann Vorbehalten bliebe, über weiter erforderliche Maßregeln zu unserem Selbstschutze Beschlüsse zu fassen. (Langanhaltender, lebhafter Beifall.) Die Resolution hat folgenden Wortlaut: „Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde legt namens der von ihm vertretenen Judenschaft auf das entschiedenste seier- ' liche Verwahrung dagegen ein, daß neuerdings seit einer Reihe von Monaten in Wien und ganz Oesterreich unter Duldung der Behörden eine systematische Wühlarbeit Platz, gegriffen hat, die den offenkundigen Zweck verfolgt, die christliche Bevölkerung Oesterreichs gegen die Juden zu verhetzen und zu 'Ausschreitungen gegen dieselben auszureizen. Diese antisemitische Organisation hat in Westösterreich in'pen sogenannten Deutschen Volkstagen ihren Höhepunkt erreicht, in deren Verlaufe die in.Massen anwesende Bevölkerung. zu direkten Pogromen gegen die Juden aufgefordert wurde, ein Beginnen, das angesichts des in der Bevölkerung angehäuften Zündstoffes fast zu unmittelbarem Erfolge geführt hätte.' Gegenüber den in den antisemitischen Versammlungen und in der antisemitischen Presse wider die Juden im allgemeinen vorgebrachien unwahren, erdichteten und' entstellten Anwürfen sieht sich die österreichische. Judenschaft veranlaßt, nachdrücklichst festzustellen :. ( 1. Die österreichische. Judenschaft in ihrer Gesamtheit hat in diesem Kriege bisher gleich allen anderen Vaterlands- und kaisertreuen Bürgern dieses Staates bedingungslos und uneingeschränkt Gut und Blut geopfert; für Kriegsfütsorgezwecke und für.die Bedürfnisse des Staates zur Kriegführung leistet sie weit über jedes .. Verhältnis. .. .. ‘ ' 2. Sie hat in ihrer Masse durch, die 'kriegerischen Verhältnisse materiell .ungleich mehr gelitten ' als andere Bevölkerungskreise; aber auch 7 ihre seelischen Leiden waren unverhältnismäßig größer, nicht nur, weil .die' Bevölkerung aller Schichten in maßloser Weise gegen die Juden verhetzt ist,, sondern auch deshalb, weil gewissenlose antisemitische Parteiführerdes Hinterlandes nicht ohne Erfolg bemüht'waren, den Jüdenhaß in die Armee zu verpflanzen, selbst bis in die vorderste Feuerlinir zu tragen, wo die *) Seither sind ca 400 Znstlmmnngskundgebnngen eingelangt. kJuden trotz ihrer Zurücksetzung Leben und Gesundheit für das Vaterland aufs Spiel setzen und opfern. ' 0. Kriegsgewinne wurden von Richtenden in höherem Maße erzielt als von Juden; anderseits erreicht die brumme 'aller Verfehlungen, deren einzelne Juden sich schuldig gemacht haben, nicht im entferntesten im Verhältnis die Summe jener Verfehlungen, deren Nichtjuden überführt wurden, ohne daß daraus für die gesamte Konfession, oder Station der Schuldigen jene verallgemeinernden Schlüsse gezogen worden wären,, wie dies gegenüber den Juden geschieht. 4. Die Judenschaft Oesterreichs hat es stets in tiefwurzeinder Liebe und Treue zum Vaterlande als ihre heiligste Pflicht ange-' sehen, alles zu unterlassen, was die RÜhe und jden Frieden im Innern des Reiches zu stören geeignet wäre; niemals har auch nur der Cedance an einen Hochoercat, an ein Einverständnis mü dein Feinde in ihren Reihen Eingang und VeroreituNg ge,unden. Tie Juden waren und sind ein staatserhalrendes Element von unbedingter TEeue und haben einen Rechtsanspruch darau,, als solches behandelt zu werden. 5. Die Judenschaft hält es unter ihrer Würde, sich gegen die bewußt lügnerischen Anschuldigungen zur Wehre zu setzen, welche die Juden m einem. Zusammenhang mit den unsinnigen, widerwärtigen Gerüchten der letzten Zerr vcingen walten. Sce erblickt eine scywece Gefahr für den ^taar oarin, vag oucch gewissenlose Hetzer in öffentlichen Versaminlungen gleichzeitig mir Loyalitätsrundge- Dungen au> reizende Kundgeoungen gegen die Juden veranpatcet werden, daß hiedurch vor einer irregeleiteten Bevölkerung Nayerireue und Judenhaß identifiziert und die dynastischen Gefühle auf das schutähtlchfte profaniert werden. ■ b. Die österreichische Judenschaft hält es für ihre patriotische Pflicht, in. dieser schweren, für die Zukunft der,Staaren entscheidenden Zeit "den Lenkern unseres Slaatswesens die Lehren per Geschichte in Erinnerung zu ru,en, daß'überall, in siedem Lande, die hemmungslose Duldung von Au,reizenden zunr Hasse gegen eine bestimme Rationalitül oder Konfession in ihrer äußersten Kon sequenz sich immer an dem Staatsganzen gerächt har. Die von unverantwortlichen Demagogen verfuchre und nicht nachdrücklich genug betämpsre Hinüberleclung garender Volksleidenschaften in eine Judenhetze ist ein für die allgemeine Staatsordnung t, ochst gefährliches Mittel, dessen vielleicht möglicher .momentaner Effekt in celne.a Verhältnisse steht zu seinen weiten unabsehbaren Folgen. i. Die Judenschaft Oesterreichs lehnt jede Verantwortung für die' bei weiterer Duldung dieser Verhetzungen gegen die Juden unausbleiblichen Folgen ao und wird sich letzten Endes gezwungen sehen, sich zum Schutze ihrer eigenen Existenz, zur Abwehr der ihr drohenden Gefahr, zu organisieren." Diese Resolution, die soeben, oecleseu wuror, soll uuumehr zur Abstimmuug georacht werden, und bitte ich vor allem die Herren des Kultusvorstandes, darüber abzustimmen. (Wird einstimmig angenommen.) (Die Resolution .wird sodann von allen Anwese,wen einstimmig genehmigt.) . Ich werde veranlassen, daß diese Resolution zur Kenntnis! des Ministerpräsidenten, des Ministers des Innern, des .Justizministers) des. Kultusministers, des Kriegsministers, des Mirristers für Landesverteidigung, des' Statthalters und des Polizeipräsidenten gebracht wird." (Leibhafte Zustimmung.) . . Der Vorsitzende schloß hierauf diese denkwürdige Sitzung. Zue Losung dre Iudrnfrugr in Kuwouiru. (Eine Unterredung mit Herrn Marghrlo- Man vom 3. Juni 1918.) Herr MarghiPoman äußerte: Die Lösung der Zudeufrage ist nicht ohne Schwierigkeiten, ohne Zugeständnisse vor sich gegangerr. Wir glaubten, daß Sie mit der gefundenen Lösung sehr zufrieden sein werden, da wir nicht bei denen, die an der Front waren, Hält gemacht, sondern alle ausgenommen haben, die von der Mobilisierung betroffen wurden, gleichgültig, bei welcher Einteilung. Sie haben in den O e st e r r e hch, e r n die wärmsten Verteidiger gehabt; Sie konnten keine wärmeren Befürworter haben. Außenseiter gibt es überall; auch, in Deutschland gibt es, sogar dort geborene, Heimatlose. Anderseits können Sie sich kaum vorstellen, welche ungeheure Schwierigkeiten die Lösung einer solchen Frage und der M-