Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 29 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 29 Tir. Blo-ch's Wochenschrift Sette 459 und Mitarbeiter oder gleich strebend mit einer , großen Anzahl von WohlL?äti,gteitsvereinen jüdischer Männer. Ä!ie Grundlagen dieser Männlichen und weiblichen Wohltätigkeitsvereine ist das' soziale Erbarmendas Mitleid, eine allgemeine menschliche Tugend, die auch im mosaischen Gesetze vielfachen beredten Ausdruck gefunden und darauf basiert werden kann. Dann gibt es Vereine und Organisationen in Wien, welche der Bildung und Erziehung dienen. Es erübrigt sich, das Gute und- Wertvolle dieser Gemeinschaften hervorzuheben. Nun sind zu verzeichnen die „Israelitische Allianz" und die politischen und nationalen Vereine. Die „Allianz" bezweckt ' die VoWerziehung bei den Israeliten durch Errichtung oder Unterstützung von Schulen und durch andere geeignete /Mittel zu fördern, dann dort, wo Israeliten als solche noch zu leiden haben, ihnen eine wirksame Stütze zu bieten, und drittens soll sie nach Umständen statistische und Historische Leistungen desJudentuinis fördern. Man weiß^wie groß die Verdienste der „Allianz" um die gesamte Juden heit, wohlgemerkt Judenheit, sind. Sie war.und ist Schutz und Schirm der Bedrückten, Gequälten und Verfolgten und-hat hiemit sich einen ewigen Dank erworben. Das sindeminente Wohltätigkeitsakte. Auch durch, die Errichtung von Schulen und 'Unterstützung von. Bildungsanstalten hat die „Allianz" Großes der Judenheit geleistet. Sie hat auftlärendkulturell hebend gewirkt. Eine Förderung des Judentums, dessen, was das Judentum als Religion -und Gemeinschaft ansmachs, geschah durch die „Allianz" schon darum nicht, weil sie über, den Parteien in der jüdischen Welt -stehen wollte und mußte. Zu beklagen ist der exklusive Standpunkt ihres Vorstandes^, der sich eigentlich, stets selbst ergänzt und für diese Ergänzung sind meist Plutokratische Erwägungen Maßgebend. Ein demokratischer Grirudzug täte der „Allianz", sehr -wohl, das will sagen, eine Aufnahme von Vorstgudsmitgliedern, die auch ohne großes Vermögen durch/Intelligenz, Tatkraft und Wissen hervorrggen. Das sind Eigenschaften, die auch! einen Stammbgum ersetzen. Die „jüdisch-nationalen" Vereine-und Verbindungen sind eigentlich .nur Entsprechungen der sogen, völkischen Vereine anderer Volksteile und Nationen. Sie sind Abwehr- und Verteidigungsgemeinschaft rein.politischer Art, aber, hier auch! beschränkt durch das! Zionsideal. Dies, könnte die Quelle religiöser Erhebung und cha,- raktervoller Läuterung sein, wenn mit dem politischen Ideale-.sich, die -Erkenntnis verbinden würde, daß „Zion" auch > der ethische;- Begriff.für .die Macht des!, religiösen Gedankens ist. Mer liegt auch die Verbindung der nur nationalen, und. der gläubigen Judenschaft. -Endlich, verzeichnenwir die „Oesterreichischr-Jsraelitische, Union". Sie ist ein politischer Verein und hat. die Aufgabe, den Sinn für die Angelegenheiten des Judentums!.-unter den österreichischen Juden zu heben, die über das Judentum verbreiteten Jrrtümer und Vorurteile aufzuklären und zu beseitigen, endlich die auf Verschiärfung der 'konfessionellen und Rassengegensätze gerichteten Bestrebungen zu bekämpfen. Auch gegen die „Union" ist die'.Dankesschuld der Wiener und österreichischen Juden groß?, tief uttd berechtigt. Was das Rechtsschutzbureau der „Union" geleistet, muß stets in dankbarster Erinnerung, bewahrt, werden. Aber die „Union" ist eben nur ein Abwehrverein geworden. Die mannhafte. Aufklärung, das! Vorantragen des hohen Menschheitsgetzalhes des Judentums, der leuchtenden sittlichen, Kraft des Mosaismns und des Pro-pH et entums fehlen, fehlen ganz. Die Aufklärungsarbeit der „Union" war stets eine /kleinliche, praktische, in Einzelfällen belehrende. Uns Wiener Juden fehlt eine stramme Organisation, die den vollen, großen, bedeutenden Wert des Judentums verkündet, die politische und sozial, religiös und aufklärend wirkt, eine Vereinigung Wiener jüdischer Bürger im Sinne des Wortes, daß.die. Angehörigen der jüdischen Gemeinschaft von priesterlicher Reinheit, Vollkommenheit und Würde sein müssen,. Diese erziehende und das Judentum repräsentierende Gemeinschaft wollen wir schaffen! Ans der Woche. GR. Josef Stein M Eideshelfer des! Herrn Kunschak. Herr Kunschak wandert von Versammlung zu Versammlung und hält Pogromreden gegen die Juden, die als Blitzjableiter dienen sollen für alle Sünden arischer Volksbetrüger, agrarischer Wucherer und Ausbeuter. Seine demagogischen Hetzreden sind von solcher Maßlosigkeit, daß die gegen die Ehristlichsozialen sonst Nachsichtige Zensur oft sich gezwungen sieht, ganze Partien dieser Redeergüsse zu unterdrücken. Daß die bei solchen politischen Versammlungen anwesenden Regierungsvertreter derlei gefährliche Redeausschreitungen ruhig gewähren: darüber haben Abgeordneter Reizes und Genossen in den letzten Sitzungen des Abgeordnetenhauses in einer I n t e r p e l l a t i o n an den. Ministerpräsidenten und Minister des Innern ernstlich Beschwerde geführt. Demgegenüber ist es interessant, daß der samvse ,,jüdische" Gemeinderat Joses Stein Herrn Kunschak helfend beizuspringen sich gedrängt gefühlt hat. Nach dem „Amtsblatt der k. k. Reichshaupt- und ^Residenzstadt Wien", Nr. 54, har Herr Gemeinderat Josef Stein in der öffentlichen Gemeinderatssitzung vom 20. Juni'erklärt: „Nun hat aber gerade Herr Kollege Kunschak in dankenswerter Weise erklärt, daß es ihm vollkommen ferne gelegen fei. eine antisemitische Rede zu halten, und daß er sich nur gegen.das Verhalten gewisser Flüchtlinge aus Ostgalizien ausgesprochen und über die Schwierigkeit gesprochen habe, die der Repatriierung dieser Flüchtlinge entgegenstehen. Ich.mutz sagen, daß bei einer solchen Darstellung des Sachverhaltes die Rede des Herrn Gemeinderates Kunschak nicht alsantisetniti sche Hetzrede bezeichnet werden kann und datz wir selbst schon seit Jahr undfTag in diesem Saale darauf hingewiesen haben, datz die Bevölkerung dem Treiben gewisser ostgalizischer Flüchtlinge unsympathisch 'gegenühersteht und datz diese Haltung der Flüchtlinge einen berechtigten Unwillen in der Bevölkerung heroorrust. Dcr ist es nun ganz gleichgültig, ob der Gemeinderat Kunschak dagegen ist und der Gemeinderat Melcher pro, es ist auch ganz gleichgültig, ob ich pro bin oder dagegen, denn» es handelt sich darum, auf die Stimme der Bevölkerung zu lauschen, und es ist im Interesse der von uns vertretenen Wählerschaft gelegen, wenn wir auf die Stimme der gesamten Bevölkerung achten und den Wünschen derselben zu entsprechen. suchen. Ich habe schon vor einem Jahre gesagt, datz es nicht notwendig war. datz die galizischen Flüchtlinge ihrer Mehrzahl nach gerade in Wien ihre Zuflucht genommen haben. Sie sind doch zumeist nicht von grötzeren Städten gekommen und man hätte sie deshalb ganz gut auf kleinere Orte verteilen können. . . Nachdem aber die Preistreibereien in gewissen Artikeln begonnen haben und auch die den ostgalizischen Flüchtlingen anhaftenden Gewohnheiten von den Wienern und darunter auch von der jüdischen, ortsansätzigen Bevölkerung nicht goutiert werden können, so kann man sich nicht wundern, wenn dagegen Stellung genommen wird, und darf' eS nicht als einen Ausbruch des Antisemitismus -bezeichnen. wenn man sich darüber beschwert. Schon im vorigen Jahre hat die ,.Oe ste rre ichische Wochenschrift" des Dr. Bloch, das Organ eines Teiles, der Kultusgemeinde. mich an den Pranger gestellt und «mich vor der Judenschast als einen-Verräter ihrer Interessen hingestellt. (Gemeinderat Eigner: ,Das gibt es nicht!) Diese gewissen Presfeangriffe, die von einer gewissen Seite zu erklären sind, weitz ich mit Würde zu ertragen." t Demgegenüber wollen wir konstatieren, daß die „Oesterreichische Wochenschrift" kein Organ der Kultusgemeinde noch auch nur irgendeiner Fraktion derselben bildet. Mein darin sind alle Parteien und Fraktionen des Wiener Judentums vollständig eines Sinnes,