Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 28 (19.7.1918)
- Date
- 1918-07-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Kl. 28 Dr. BLoH's Wochenschrift Seih 455 Lhristen, äer za infolge seiner Kirchengemeinschaft ein Glied des mystischen Leibes Christi ist. Dieser Geheimlehre läge die unklare Ahnung der christlichen Wahrheit zugrunde, daß: Christi Blut u n s^den Himmel erschlossen hat und daß wir n u-r durch Vermittlung des Blutes Christi der -Seligkeit teilhaftig werden können.« (S. 826—829). So die wörtliche Aeußerung einer sehr einflußreichen und angesehenen •katholischen Zeitschrift, die somit klarlegt, daß, wenn ein Jude Ritualmord beginge,, er im Grunde von christlichen Religionsvorstellungen und Reminiszenzen aus dem Neuen Testament ausgehen muß und so. zu seiner Verirrung gelangen kann. Nur in einem Gedankenkreis, in welchem der Glaube an die Sühne durch das Blut Christi geläufig ist, konnte man zu dem Glauben gelangen, daß dem Blute eines Christen ebenfalls Sühnekraft innewohnt. . ' Bekannt ist die Tatsache, daß die ältesten Anklage-Akten gegen die Juden den angeblichen Moid der Christenkinder in den Zeitpunkt der christlichen Ostern verlegen und nicht .etwa in den Zeitpunkt des jüdischen Osterfestes. Im Jahre 1236 hat, nach den Marbacher Annalen, Kaiser Friedlich II. einer durch ihn berufenen wissenschaftlichen Kommission die Frage vorgelegt, ob, wie e i n e a 11 g e m e i n v e r b r e i t e t e Annahm e lautete, die Juden am Karfreitag Christenblut nötig hätten? Die Kommission war ehrlich genug, mit Hinweis aufdie Religionsvorschriften von Bibel und Talmud eine verneinende Antwort zu erteilen. Auch die angebliche Ermordung des 3 y, jährigen Simon) welcher Ansehuldigimg; 'die gesamte Judengemeinde von Trient zum. Öpfer 'fiel, wurde in die Nacht zum Karfreitag 1475 verlegt. Das alles h t christliche .Religionsvorstellungen zur Voraussetzung. Wie man christliche Vorstellungen in die Gedankenwelt der Juden zu übertragen pflegte, zeigte sich auch darin, daß in der Legende das heiß umstrittene katholische Dogma von der schmerzlosen Geburt Mariä Auch einer Jüdin, die der Entbindung entgegensieht, untergeschoben wird.; Als im Jahre 1066 Erzbischof Eberhard von Trier plötzlich während der Osterfeier starb, hieß es, die Juden hätten ein von einem abtrünnigen Priester geweihtes Wachsbild, das den Prälaten vorstellte, .während des Festgottesdienstes angezündet und durch dessen Dahinschmelzen den Tod des Erzbischofs bewirkt. (Brower, Antiquitäten Trevir, lib. XI, pag. 539.) " Gisbertus V. o e t i u s versichert, man habe Beispiele dafür, daß, wenn ein sterbender Jude in den letzten Zügen läge, „ein Tüclilein mit solchem Christen-Blute eines unschuldigen Kindes benetzet, dem Sterbenden über das Gesicht gestrecket, mit diesen Worten, die sie ihm ins Ohr gesprochen: Wenn Jesus der wahre Messias ist, so soll das Blut dieses unschuldigen Christen, der auft seinen Heiland gestorben ist, dir gefleyen zum ewigen Leben“. Der Protestant Hosmann bekräftigt dies ' durch die Ergänzung, daß Prediger L o c h n e r in Fürth öfters bemerkt habe, daß Rabbiner und andere Personen sterbenden Juden etwas ins Ohr geraunt haben, ohne daß er verstanden habe, was man da sagte. ' (Sigismund Hosmann: »Das schwer zu bekehrende Juden- Hertz.« Zelle 1699. Seite 275/276.) Daher kommt es, daß die' Türken, die spanischen Araber, die Perser und die Berber niemals gegen irgendwen den Verdacht eines Ritualmordes hegten und selbst bei den zeitweiligen Ausbrüchen ihres Judenhasses solcher oder ähnlicher Vorwände sich niemals bedienten, während christliche Länder die ausschließliche Heimat des Blutmärchens bilden, und je bunter, absurder und phantastischer es ausgeschmiickt war, um so glaubwürdiger, wahrscheinlicher erschien es, auf um so größeren Erfolg durften^die interessierten Ulkeber und Verbreiter rechnen.^ Ritualmordwahn entsteht auf christlichem Untergrund, quillt. ,aus seinen Tiefen, und Christen sind entweder Ankläger oder Beschuldigte. Es ist mißverstandenes, verzerrtes Christentum. (Fortsetzung folgt.) gittvatttr. Markus Gottfried: 1. „Srmratja", lyrisch: Gedichte) 2. „3imratja", 2. Heft," Naturschilderungen; 8. „Chesjonot". philosophische Betrachtungen; 4. „Bet-Hamidrasch", psychologische Schilderungen. .Markus Gottfried ist ein hebräischer Dichter von . ganz zweifellosem Talent und hoher Sprachbegabung. Er handhabt dsts Hebräische mit einer Leichtigkeit und Grazie, datz er die tiefsten Probleme und die zartesten Empfindungen in ihr leicht^ und anmutig zum Ausdruck bringt. Seine hebräischen Gedichte, „Simratja", sind bis nun leider nrchr genügend beachtet worden.. _ Ein Sohn des Ostens, aus einem chasgidischen kreise, wenn auch wahrscheinlich derzeit demselben - bereits entwachsen, bringt hier seine Stimmungen und Gedanken zum Ausdruck. Auf. den Wegen einer leichten, natürlichen, ursprünglichem Ausdrucksweise ziehen die offenbar ohne Mühe „aus sich'- entstandenen Verfe. -dahin, zumeist in die Fernen des nächtlichen Himmels mit seinen funkelnden Sternen und demblassen, so geheimnisvollen Monde oder in das merkwürdige, unbegreifliche Weben der zauberhaften Natur mit ihrer Freiheit' von jedem Zwange, jeder Fessel. Der asketische Goya des Bet-Hamidrafch, der engen Gasse im Getto, sehnt sich und strebt nach den hohen -Gipfeln des Schönen und Guten und Freien, wo die ooM Erdendrnck befreiten Geister im seligen Anschauen des Vollkommenen. ewig Wahren ungestört schwelgen. 1 Was die Armut dieser kleinen, aber auSerwählten Äemütsäußerungen erhöht und wesentlich ansmacht. in eine gewisse eigentümliche Zartheit in der Wahl des Ausdruckes.^ eine keusche Zurückhaltung in der mitunter mehr andeutenden denn offenbarenden Bezeichnung des Bewußtseinsinhaltes. Dabei fällt auch der Umstand angenehm ins Gewicht, dag seine Gedanken nicht durch daL Medium einer 'sremi.en Sprache und Kultur den hebräischen Sprachboden betreten. Die hevraische Syntar ist daher eigen, nicht fremjd, nicht fremdartig. Dieselben Vorzüge, welche oben als den Gedichten Gottfrieds eigen zur Darstellung gelangt sind, haften auch der Prosaschrist des Verfassers über seine Zugendeindrücke aus dem „Bet-Hamidrasch" an. . Was sonst Menschen nur im reifen Alter beim Eintritt des Lebensabends zu*tun pflegen, daß, sie zur Feder greifen, einzelne Eindrücke ihres wechselvollen Lebens .festzuhalten und zu einem Ganzen zu vereinen, suchen, Gottfrieds empfindet bereits jetzt das Bedürfnis, einen Rückblick über seine Zugend zu geben. Es ist augenscheinlich das Bewußtsein, daß. jene Epoche des Vek-Hamidrafch bei ihm gewesen ist. der Vergangenheit angehörte. ' Für viele, nicht zuletzt gegenwärtig im Kriege Heranwachsende Jünglinge, selbst in Galizien, ist der Bet-Hamidrasch überhaupt lediglich ein Ding der Vergangenheit, eines anderen, älteren Geschlechtes: Für bi^fe ist die gefühlvoll, warm geschriebene Schilderung eine kulturhistorisch bedeutsame Darstellung einer zum Teil für gewisse Kreise gewesenen Lebens- und Erzish-ungsweise. Di? Schreibweise ist auch hier urhebräisch, M einemvon fremden Sprach- und Kulturmächten unbeeinflußten Stil leicht dahinflietzend. „Chesjonot" zeichnen zunächst Jugendeindrücke aus der Umgebung des „Zaddik". Ter Rabbi wird mit feinen Strichen kebendist vorgeführt. Sein äußeres Erscheinen, der Ausdruck seines Gesichtes, die Art seines Redens, seine angenehme Sprache «und die gesamte Einwirkung, welche von der Persönlichkeit cHrsgeht. Diese iZeichnung ist von echt dichterischer Gewalt. Ferner-enthält das Heft- Naiürscyrlderungen, die - dem Leser -zur Bewunderung des Kosmos auregen. Markus Gottfried ist - zweifellos ein poetisches Talent von höher Begabung. ' ‘ Die Schriften sind in .dem Jüdischen Buch- und Kunstverlag Mar Hickl, Brünn-Wien, erschienen. c ..Tie Neuzett." Eine jüdische ' Monatsschrift. Herausgeber' Samuel Meiseis. Juli, 1918. - 2, Jahr. - 2. Heft. V-rlsg. Wien, 7. Bezirk. Neubaugasse 84. Inhalt: Samuel Meise 1 s: Galizien. 7- Dr. Hermann Kadi s ch: Zum -Deutschen Volkstage. > Dr. Moritz G o ld stein: Der Geist des jüdischen Volkes. — Earmen Sylva über das Judentum. — Artur Silbergleit: Judsnlieder. — Marek Scher l ag: Der Tempelbrand. S. Ben Jehuda: Latentes Hebräisch in der deutschen Sprache. - Notizen. - Literatur. - Büchere'mlaus. — Antworten.