Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 28 (19.7.1918)
- Date
- 1918-07-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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454 ' 7 Dt. BIM'S eiiieii g.ülieiideu Ofen geworfen lind darauf seien ans demselben 2 Engel und 2 Tauben herausgeflogen uiid es sei einfurchtbarer Sturmwind entstanden. (Yon Aretin, »Gesch. d. J. in Baiern«. Landshut 1803, 8. 38 f.) Am 19. Juli 1510 wurden in Berlin 38 Juden lebendig verbrannt, nachdem mau . ihnen einenmonstruösen Prozeß gemacht weil sie angeblich eine aus der Kirche des Dörfchens Knoblauch an der Havel entwendete Hostie mit Messern gehauen, bis reichlich Blut von ihr floß, dann dieselbe Hostie nach Braunschweig schickten, woselbst an ihr die nämliche Schändung vorgenommen würde. Das Vermögen der Verbrannten wurde konfisziert. Alle Juden "wurden aus der Mark - Brandenburg vertrieben und der Bitterschaft sowie den Bürgern "alles, was sie den Juden schuldeten, erlassen. (Holtze, »Das Strafverfahren gegen die märkischen Juden im . Jahre 1510.« »Schriften des Vereines für die Geschichte Berlins«, 21);.. Ackermann, in der »Zeitschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums« (1905). Im fahre 1873 allerdings schrieb der Hofrat L. Schneider,- Vorleser Kaiser Wilhelms I. (»Schriften des Ver eines zur Geschichte der Stadt Berlin«, 8) Über den Prozeß von 1510: »Man kann sich des. Schauderns nicht erwehren, wenn man die Beschreibung dieser Prozedur in den schlichten Werten des alten Chronisten Angelus liest: Dieser fürchterliche Hohn weitläufiger Formalitäten den unglücklichen; von der Folter zur Verzweiflung getriebenen Juden gegenüber, diese . fanatische Gier nach dem Blute Andersgläubiger, Andersdenker, denen man die unglaublichsten, abenteuerlichsten Dinge aufbürdet und sich dazu berechtigt glaubte, nur weil sie keine Christen waren. Gott sei Dank,. diese 'Zeiten sind vorüber, und wahrlich, nicht ebenso vieler. Jahre wird es bedürfen, um auch die .Schlacken ungerechter - Vorurteile abzustreifen. Wie urteilen wir über .das, was die Juden vor 363 Jahren an körperlichen Qualen erdulden mußten, und wie werden unsere Nachkommen über das urteilen, was sie in späterer Zeit an Vorwürfen, Zurücksetzungen und Anschuldigungen geistig ertrugen? Aber, sie haben auch Worte des Trostes, der Hoffnung und des guten Willens gehört, und diese Worte sind, zur Ehre wahrhaft christlicher -Gesinnung, Wahrheit geworden«. . Im Verlauf der Jahrhunderte hatte sieh für die Hostienschändungsprozesse ein bestimmtes Schema heraus- . gebildet : Beschaffung geweihter Hostien, Marterung des Sakramentes, Blu'tsch witzen, Wunder, Reue und Angst der Juden, Entdeckung der Missetat, meist wieder durch ein Wunder, dann Folterung, Geständnis, Flammentod der Juden. Nun aber die psychologischen Voraussetzungen dieser Art Verbrechens! Wer ein solches Verbrechen begeht, aus Christenhaß die Hostie mißhandelt, steht unbedingt auf dem Boden jener dogmatischen Auflassung der Kirche von dem Wesen und von der. Bedeutung einer durch den Priester geweihten Hostie. Solches mutete man ohne weiteres den Juden zu. Ein ähnlicher, ganz verwandter Denkprozeß vollzieht* sich auf dem Hintergründe des Blutmärchens, welches nur in einem Gedankenkreise ansreifen konnte, in welchem der Glaube und die Vorstellung heimisch war, -daß die ob der Sünden der Menschen erzürnte Gottheit sich - durch ein Blutopferversöhnen lasse; äufgebaüt auf der Grundlage der paulinischen Sühnopferlehre, daß der tatsächliche sittliche Zustand des Menschen eine schwere Schuld enthalte, einen Abfall von Gott; daß der Mensch unfähig sei, diese Verschuldung und forterbende sittliche Verderbnis ans eigenen Kräften zu beseitigen; Gott deswegen in unendlichem Erbarmen, sich; entschlossen habe, das stellvertretende Opfer seines eigenen eingeborenen Sohnes änzunehmen, der hiezu in die Welt kommen und den schmerzlichen und schimpflichen Tod eines Missetäters erdulden mußte. ' Das trübe Bewußtsein des Gefallenseins, der'Verschuldung, der Entfernung von Gott, sowie der Notwendigkeit des Opfers und der Versöhnung ist eine WochensHrtst 6 lerne n t a r e V o r a u s s e t z u n g des k i r c h- 1 i cli e n D o g m as. Die hebräischen Propheten haben, niit der ganzen hinreißenden Gewalt ihrer flammenden Beredsamkeit gegen die Idee des Bl u t’o p f er s. gekämpft, um sie aus dem H e r z e.n des Volkes zu t i 1 g e n. P a u l us hingegen hat die Idee an" sich u na n g.e tastet gelassen und gerade auf dem Böden dieses Gedankens die.Hehre' von dem freiwilligen" O p f er t o d des Gott 68"so 11 n es, gleichsam eiiier einmaligen S c li uld t i 1 g u n g zur Versöhnung Gottes mit den Menschen, aufgerichtet. Dem Juden freilich ist das Wort des uralten i Propheten Micha tief ins Herz geschrieben: ' . „Hat der Herr Wohlgefallen an Opfern oder soll gar meinen E r s t g e b o r e.n e n i c h für meine Sünden geben, meines Leibes Frucht für meiner Seele Schuld?y Verkündet ist Dir, o Mensch, was gut ist und was der Herr von Dir fordert, das ist: recht .tun, Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Gotte/' (Kap. 6, Vers. 7 und 8.) Innerhalb des kirchlichen'"Gedankenkreises, konnte indes die, sagen wir, phantastische Idee Raum gewinnen, daß der Jude, da ihm die Gnadenmittel der Kirche, vor allem die aus dem Blute des Gottessohnes strömende Sülmkraft versagt bleiben, . durch andere Blutopfer, etwa durch Abschlachtung eines Christenkindes, Gott zu versöhnen sucht. Vom kirchlichen Abendmahl ausgeschlossen, genießen die Juden nicht den Leib, trinken sie nicht das Blut Christi; vermutlich behelfen sie sich damit, daß sie Christenblut den Ostermazzen beimengen. An Stelle des Blutes Christi tritt die^ Sühne „durch das B 1-u t e i n e s C li r i s t e n. Katholische Intellektuelle, im Glauben an . Ritualrnorde erzogen, bemühen sich, für die. naiven Gedänkengänge der Leute aus dem Volke logische Begründungen herbeizus'chaffen, um sie zu rechtfertigen. Die „Historise^ipolitischen Blätter für das katholische Deutschland, li.er- 1 .ausgegeben von Edmund J örg und Franz B inde r/ (Eigentum der Familie Gör res.) 125. Band. ,1. Heft. München, 1900“, enthält eine Studie „Zur Frage des jüdischen Ritualmordes“. Der Verfasser glaubt an einen jüdischen Ritualmord und versucht ihn zu begreifen und zu erklären: »Im neuen Bunde haben, wir das täglich erneuerte unblutige Opfer der hl. Messe. Es. gibt nun meines Erachtens Juden, die in den religiösen Wahn verstrickt sind, daß der Genuß von Christenblut förderlich sei zur Erlangung des ewigen Lebens im Jenseits, und dürfteJ diespr Glaube bewußt oder unbewußt auf der christlichen Lehre vom Abendmahl beruhen, wie solche am deutlichsten im Johannes Evangelium 6, 52'ff., zum Ausdruck kommt.« ■ Der Verfasser erinnert an die Anklagen der Heiden gegen die Christen und sagt: »Dieses Geheimnis der Eucharistie und Kommunion — den Juden ein Aergernis, den Heiden eine Torheit — gab auch in den ersten christlichen Jahrhunderten den Heiden Veranlassung, die Christen wegen Kindermordes anzuklagen, da das unblutige Opfer mißverstanden und geglaubt wurde, es werde bei der Feier der Mysterien ein Kind getötet, geopfert und das Blut den Gläubigen als Kommunion gereicht/ Ich halte es nun für äußerst na hel.ie.gend, daß einige unter den Juden, welche-diese auffallende Lehre Christi mitangehört, sich entweder Aufzeichnungengemacht oder davon "anderen mitteilten und diese wieder anderen usf.« ' ' .1 ' »Die Erinnerung an Christi Lehre - von der Eucharistie konnte sich sehr wdhl in mündlicher jüdischer Ueberlieferung fortpflanzen und überdies können auch später Juden, durch Studium des Neuen Testamentes selbständig auf die Idee gekommen sein, ob nicht doch Christus der Messias war und sonach das ewige Leben abhängig sei, daß eine Kommunion mit dessen Fleisch und Blut stattfinde: Wie "die Kommunion ^bewerkstelligen, ohne" übertreten zu müssen? Unter Mißkennung des Wesens des unblutigen Opfers mag "nun durch! mystische Ideen, deren Entstehungsursache später, wieder mehr, oder weniger verwischt wurde, eine Geheimlehre entstanden sein,, welche bezweckt, -die christliche Kommunion zu ersetzen durch den Genuß des „Blutes eines*