Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 28 (19.7.1918)
- Date
- 1918-07-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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- Skalat 1× ep/1047761
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alles wird schon in Ordnung sein. Sie können mit Ihrer Familie, ganz ruhig hier bleiben", worauf der Gene-ral (die sofortige Abberufung des Kominaädanten und seiner Helfershelfer verfügte. Rabbiner Weidenfeld blieb, nicht ahnend das Uebermaß der Prüfungen, deren seiner harren. Inmitten.seiner kriegsfürforglichen Tätigkeit, schritt mit ehernem Schritte das Verhängnis heran. So wurden nach Evakuierung Ottimas 400 jüdische Bewohner heimatlos, sie pilgerten näch Grzymalow zum Rabbiner, bekannt durch seine großzügigen Wohltätigkeitsaktionen; er bewirkte bei EM Bewohnern die Beherbergung je eines Flüchtlings, er sorgte, für die hungernden Kleinen in Grzym'alow-, das -gerühmt wurde> ein Asyl für alle Heimatlosen zu sein ... >Da rauschten die Schwingen des Verhängnisses in der Person eines.jungen Menschen, der sich „Benzion Weiß, vulgo Me in gast"' nannte; 'er erschien beim Rabbiner, bezeichnete sich als österreichischen Offizier ,und heischte sich, >auf eine initgebrachte Empfehlung des Rabbiners von Skalat berufend, eine Unterstützung. Der ^Rabbiner igewann in kurzer Unterredung die Ueberzeügung des geringen 'Bildungsgrades, und daß die Angabe. Offtzier zu isein, falsch 'sei. Aus Vorsichtsgründen wies er den verdächtigen Unterstützungsbewerber ab; dieser entfernte sich, ohne das Empfehlungsschreiben übergeben zu haben. Später erwies es sich, der jfamose angebliche Benzion Weiß-Weingast sei ein der russischen Gefangenschaft entwichenes österreichischer Soldat, der betreten wurde im .Augenblicke, >da er von feindlichen Schanzenwerken Zeichnungen fertigte, aus btefemr gefährlichen Tun ein Avancement oder klingenden Sold erhoffend. Er wurde als Spion verhaftet; die bei ihm Vorgefundenen Zeilen an den Rabbiner von Grzymalow gerichtet, waren iWevheugq der schweren Verdächtigung gegen den letzteren und «als vollkommene Rachewerkzeuge , mißbraucht. Man erhob die laute schwer^ Anschuldigung, Rabbiner Weidenfeld leiste gegen Entlohnung Spionendienste für Oesterreich gegen die feindliche. Macht. Er sei ein Komplice des Inhaftierten, dem- .die Zeichnungen abgenommen wurden, ferner drtüch ein an seine Schwester postreif gehaltenes Schreiben des Inhaltes: „Die österreichische Armee stehe 8 Kilometer weit von Tarnopol, und wenn der.Plan des Briefjlchreibers glückt, werde er von aller Welt beneidet -werden." Hierauf wurde Rabbiner W e i d e n f e l d mit strengster Order des 9. Armeestabs verhaftet, in die Kerkerzelle von Dunajowce, später in die zu Kamienecz-Podolsky geschleppt. Der Leidensweg zu seinen Strafzellen war eine Kette von argen.Mißhandlungen, Stock- und Eewiehrkolbenschlägen, die Straszelke — welche der Rabbiner mit seinem jugendlichen Sohn sieben Wochen lang teilte — der Schauplatz unsäglicher Prüfungen, des Ianimers und Entsetzens. Der Sohn ward aus der Hast entlassen, der Rabbiner -blieb unter der erdrückenden Last des falschen, lebensbedrohenden Verdachtes, allein in seiner Iammerzelle Tröstj suchend im Gebet! [ Die Verhandlungen leitete ein Schreckensmann, ein Söldling der Qchrana namens P r och o r o w, dessen Nennung Schrecken Und Entsetzen .auslüste. Dieser ließ den sogenannten .Komplicen' Weiß-Weingast bestechen, und sicherte ihm Unsummen zu 'für! weitere Aufschlüsse und Angaben. Geständnisse wurden durch torturartige Mißhandlungen deM 'Weiß erpreßt, jedes seiner Worte, jeder harmlose Schreibebrief ward zum Motiv der Mißhandlung des Rabbiners und die famosen Protokolle wurden dem Prokuratorium des 9. russischen Armeestabs unterbreitet. Dann wurde Rabbiner Weidenfeld einem anderen Richter namens Lazevich überantwortet, dieser apostrophierte den unglückseligen Häftling also: „Sic werden beschuldigt, sich genau informiert zu haben über den Stand unserer Truppen und ihre Positionen, über die Anzahl der Gewehre, und haben alles nach^Wien berichtet und dadurch den Fortgang unseres Aufm'arsches gestört" . . . Dann schloß sich für weitere 19 Wochen die Kerkerpforte.hinter den bejammernswerten Rabbi. Um seine Qualen zu verschärfen, wurden neben den Fensterlucken seiner Kerkerzelle Todesurteile vollstreckt, .die -Widerstandskraft drohte zu versiegen, das Maß seiner.Leiden schien völlig zu fein. Doch der G.ott, an den er glaubte, hatte Erbarmen, er sandte den ersten Lichtstrahl in das Kerkerdüster . . . Graf Biarky-Zukowsky. Hofstallmeister, ein Verwandter des damaligen Zaren, nahm Anteil am.furchtbaren Schicksal des iM Gefängnis dem Untergang geweihten Rabbi, er erwirkte ein Moralitätszeugnis von auch russischerseits kompetenten Stellen, die bezeugten: . .. „Rabbiner Weidenfeld habe sich niemals mit kriegspolitischen Dingen befaßt", und dieses Zeugnis vom 'Feinde war für den Vielgeprüften von lebensrettender Bedeutung. Im heldenhaften Wagemut erschien bittlich die Frau des Rabbiners Seim Machthaber der russischen Prokuratur, dann schlug nach acht Monaten dem arggehetzen, vielversolgten Seelsorger die Stunde der Erlösung. — Gealtert und gebeugt verließ Rabbiner W e i d e n f e l d nach Erlag einer Kaution von 2000 Rubeln den Schauplatz seiner Leiden! -,>Jch will nicht murren" — sprach seufzend der Erzähler — und eine Träne rann über die bleichen iMangen herab' ... Feier Rosegger und das Judentum. Von Clotiide Benedikt. Geheimrat Professor Doktor Ludwig Geiger hat vor wenigen Monaten mit dem' furcht-- kosen Absehen, - das! ihm Name, Alter, Stellung und Leistung gibt, gegen den nunmehr Heimgegangenen Dichter Front gemacht, weil er in feinem „Heimgarten" so häßlich zur FlüchtlingAfrage Stellung nahm. Erst nach längerer Zeit erfolgte in der Sterbewoche des' Dichters die Entgegnung seines Sohnes Dr. Hans, der mutig den Artikel auf sichnimmt, dessen Antwort, wenn er auch den Vorwurf des Antisemitismus von sich weist, aber keinen objektiven Menschen befriedigen kann. Der Dichter der Waldheimat selbst hat sich <in echt österreichischer Weise in der Judensrage sowie in. Re-- ligionsfragen überhaupt ganz windfahnenmäßfg gedreht, wobei wir.^hm aber nicht etwa Gesinnungslosigkeit, sondern innere Haltlosigkeit, allzu leichten dichterischen Impression alismus gegen die Umwelt znbilligen müssen, wie ihm dochl im'm'er das Fundament einer .organischen Bildung gefehlt hat, und er als Ehrendoktor von Heidelberg nochl immer die Spuren des Waldbauern und Schneiderl ehrlings anftvies. Nach einem mit Rosegger verplauderten Nachmittage bemerkte meine Mutter, eine Konvertitin, sehr sein, sie erkenne wieder einmal den Vorzug der jüdischen Rasse vor der germanischen, indem wir so viele Juden kannten — sie nannte Adolf von S o n n e n t h a l, David Heinrich von M ü l l e r- Deham, Hofrat Eduard Lang, Professor Johann Schnitzler —, die sich ganz aus dem Volke zu den größten Gentlemen und an Haltung und Manieren ebenbürtigen ^Freunden von Aristokraten emporgearbeitet hatten, während 'R o f e gg e r im- Innersten der Waldbauernbnb blieb. Obwohl sich Rosegger damals noch sehr philosemitisch gab, vielleicht aus Geschäflsrücksichten der von ihm so geschmähten „Judenpreffe" zuliebe, schien ihm doch der Gedanke, daß ein junges! Mädchen — wie seinerzeit meine Mutter — wegen ihrer Ehe§ schließnng zum Judentum Wertrete, als etwas Ungeheuerliches', Unerhörtes Und Unglaubliches. Rosegger darf wenigstens nicht der Undankbarkeit geziehen werden, denn ich glaube nicht, daß Inden in die; Lage -kamen, seine Ausbildung zu fördern, obwohl später gerade jüdische Leser und die „Judenpresse" seine Schriften gelesen und gepriesen haben, er auch mit dem Präsidenten der „Concordia" Ferdinand Groß befreundet war. Durchaus objektiv und freundlich hat sich Rosegger in einer Skizze ans der Zesit Ferdinands II. züm Judentum gestellt: „Der Judenbaum", im der ein judenfeindlicher Richter sich vor Wölfen auf dieselbe Rotkiefer flüchtet wie ein Jude, den er mit Hunden gehetzt hat, und er von diesem nur Gutes und Liebes in der grausigen Nacht erfahrt, daher von seinem Judenhaß geheilt wird. .Je später Roseggers Zusammentreffen mit jüdischen Problemen, desto weniger objektiv wird er, der freilich unter seinen geschworenen Feinden, Holzhändlern und Holzprodnzenten, manchen Juden gesehtzn haben wird. Der ganze Haß, den Rosegger gegen Industrielle, G eschästsmenschen, vollständige Freidenker und Journalisten hatte — er war ja selbst Journalist, wenn auch nicht immer ein glänzender —, mußte sich aus das schuldige Haupt des. Judentums entladen. Gerade der mannhaft offene Brief, den er Ende der sechziger Jahre einer Wiener antisemitischen Burschenschaft schrieb, um sich gegen den Vorwurf des Philosemitismns tzn verteidigen, in dem er den Antisemitismus verketzert und sein reines Menschentum hervorhebt, gerade dieser Brief zeigt, daß er antisemitische Vorurteile genug hatte, namentlich gegen obgenannte Kasten, und zeigt.