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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-07-05 · 26 (5.7.1918) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
26 (5.7.1918)
Date
1918-07-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ll h Pi’i- I -1*r MY n \V.« IC 00 V A V « c « N W D Ai W Seit» 412 Dr. BloH'S KMenWrift «r. 2ß M « « Jntzüsion geschützt. Den galizischeu Juden wäre gewiß liMr gewesen, wenn. das. GHchick es gefugt Hätte, daß sie. kerne Gastfreundschaft anderivärts zu üeanspruchen brauchten und. lieber Anderen Gastfreundschaft gÄvjähren .konnten. Später ist ' denn ' auch in Ungarn die Besinnung gekommen und eine merkliche Ajenderung zum Besseren eingetreten. Es fanden sich wohltätige Menschen, die sich der Unglücklichen angenommen, was dankbar anerkannt werden soll; es' kamen Spettden — allein das alles war kalte, seelenlose Pflichterfüllung ohne Liebe, ohne Herzlichkeit, ohne brüderliche Teilnahme. Und welche Reden müßten' sie oft tii den Budapester Gemeind eratssitzuitg'en aus dem Munde ihrer jüdischen. Brüder vernehmen — gegen die „GaliMner"..' ' - Demgegenüber möchte ich hervorheben, mit welcher Herzlichkeit und vornehmer Liebe sich z. B. die holländische Regierung und! das holländische Judentunr der galizischen Kriegsflüchtlinge angenommen haben, die zu vielen.Hunderten mftFamilien ganz mittellos dahin gebimmen 'sind. Es wurden für.sie Hauser gemietet und eingerichtet, man hat ihnen Wäsche und Kleider ge-> bracht, die Armen und! Notleidenden erhielten- 2.40 Fl. (gleich: 10 K.) pro Kopf und Woche an Unterstützung, Mnder unter zehn Jahren 1.10 Fl. (K. 4i!30). Biele wurden mit Schiffskarten uird Reisegeld nach Amerika versehen. Kranke'erhielten 3—5 Fl. für Milch und Eier. Mich' die Regierung hat im Wege des Flüchtlings'-; komitees eine großeMeng e von neuen Kleidern und Wäsche zur Verfügung gestellt, .die.'Armen 'bekamen für je sechs:- - Monate einen Anzug, zw ei Oberhemden, Zwei Unterhemden, zwei Paar Beinkleider, neue Schuhe, zwei Paar Strümpfe, sechs. Taschentücher, zwei Bettücher und Zwei Handtücher, für den Winter auch einen Ueberzieher. Fernen wurde für die Armen eine eigene FlüchUitt'gsküche unter Aufsicht des Rabbinats eingerichtet, wo sie eine .gute,' kräftige -Mahlzeit für wenige Cents erhielten. Die holländische Nährüngsmittelzentrale lieferte den Bedarf der Küche zu ganz ermäßigten Preisen. In.Holland ist das Gas wegen Kohlenmangels den glanzen Tag gesperrt und wird bloß für die Wendstunden frei gemacht. Der jüdischen Fluchtlirrgsküche wird aber eine Gasflamme von Freitag abend bis Samstag mittag freigelassen — für den Scholetofen. Mit welcher unendlichen Liebe und. Hingebung haben sich die vornehmsten Männer des holländischen Judentums, wie die Herren A- Hi Ed ersheim, E. v. de Ho r st oder Prof. Oppe n he i Inder galizischen Kriegsflüchtlinge angenommen! Mrd auch, in Holland haben sehr viele der Kriegs-/ ' fluchÜinge es verstanden, sich geschäftliche zu betätigen, und manchen glückte es, zu Wohlstand und Vermögen zu Mangen. Durch acht Wochen wellte ich in letzter Zeit in Holland, besuchte die verschiedensten Städte, verkehrte in allen.Misch en Gesellschaftskr eisen, habe aber nirgends auch nur ein einziges Wort der Mißbilligung, des Tadels darüber vernommen, daß Flüchtlinge sich . geschäftlich betätigen. Und man begegnete ihnen in. Amsterdam und Rotterdam, . iw Haag und Scheveningen fast in.jedem Gewerbe. Einmal brachte ich selber darauf. die Sprache, da antwortete mir ein Amsterdamer ,/Jude: „Bei uns! in Holland darf jeder Fremdländer ein Geschäft betreiben und ein Gewerbe aüsüben, warum nicht auch ein Kriegsflnchlling? Hat das' Inglück ihn minderwertig gemacht?" In Ungarn dagegen war der KrieMlAchtling förmlich geächtet,.' und' da m>an ihn eit ein legitimes Gewerbe strengstens untersagt, mußte ein .Teil von ihnen, der nicht die Widerstandskraft besaß und auch nicht die. Mittel zum Weben hatte, auf Weg e .geratcki, 'dw 'der Kriegszustand uüd die -Kriegsjustiz -als' lll^itim' bezeichnen. >: ' / / . ' Nun soll gar der galizische Kriegsflüchtling' an der in Ungarn hereingebrochenen „antisemitischen Hitzwell^" der Schuld tragende sein! Wer war denn der Schuldtragende an. dem Geschehnis von Tisza-Eßlar? - Ein schwerer Irrtum,, eine verhängnisvolle Selbsttäuschung ist es, sich 'einzubilden,, daß der Jude in- Kifftan und- Pejesl den vornehmsten Erreger und Verbreiter des antisemitischen Bazillus., bildet. Wer die' allerersten Altfange dieser Z'eitkranMit miterlebt und verfolgt hat, der erinnert sich, daß sie zu /allererst nicht etwa in Galizien, Polen oder Unterüngaru, sondern in Deutschland, speziell in Berlin, zum Ausbruch gelangt ist, dessen jüdische Bewohver innationaler Beziehung vollständig assimlliert waren. Und ln Wien bildete jahveläng den ersten und einzigen Krankheitsherd nicht etwa der Sträßenwinkel der Trödler und Haustet er, sondern die Aula der Universität. Bertold Auerbach, der seinen Kinderillkeinen jüdischlen Religionsünterrtcht geben ließ, ist aus Herzeleid, über antisemitische Exzesse gestorben. Ein kluger Mcytn sagte mir. einmal: „Hoftat Prof. Dr. Z uck er ka n b*e X hat dadurch, daß.er der größte österreichische Anatom ist und das trefflichste Lehrbuch der Anatomie verfaßt hat, welches.kein deutschnationaler Student entbehren kann, inehr Antisemitismus erzeugt, als irgendeiu jüdischer Wucherer. Ans diesen kann man ja mit Verachtung heräbblicken und den arischen Hochmut befriedigen. Dagegen einpfand man den verewigten Hofrat Zuckerknn.del Mit seiner vornehmen Natur gls eine Demütigung, die das Bedürfnis nach' einer Genugtuung auslöste." Es erfÄlt v ermntlich auch, d en Ungarn nicht mit freudigein Stolz, daß sein erster Nationaldichter, sein erster Nationalhistoriker, sein erster Philosoph, sein erster Pädagoge, sein Meister her Sprachwissenschaft imwer wieder der Jude ist. Man erträgt es mit - stillem Unbehagen; tun! so weniger ist' man veranlagt und geneigt, dem Inden wirtschaftliche Erfolge zu verzeihen. Hier sann Klage und Anklage: sich Luft Machen. Es ist ein bekanntes Wort: Man'haßt die Juden nicht, 'weil sie es auch verdienen, sondern weil sie auch verdienen. Nun haben auch ungarische Juden neben Agrariern und anderen Privilegierten mitverdient, und der nationale Ungar erachtet es als einen unerträglichen Zustand, daß der „Fremde" — als welchen er den Juden änsieht—mft ihm aus der gleich en Schüssel löffelt. Ihr nennt euch Magyaren und hasset pflichtgemäß die „Galizianer" — für den Ungar seid ihr alle Fremde", geradesowie der Galizianer. IRabba bar. Chana, der oft zur See gereist, erzählt 'im Talmud von seinen abenteuerlichen Erlebnissen allerlei' Schnurren und. Münchhausiadeii. Manchmal' gelingt es, den Gedankengehält seiner Erzählungen ihrer buntschillernden, abenteuerlichen Gewandung zu entkleiden. Unter anderem erzählt er:. „Eines Tag es begegneten wir auf der Fahrt einem Seenngeheuer, auf dessen Rücken lag eine hohe Sa.ndschicht und' Binsen . waren daraus gewachsen; wir glaubten eine Insel zu. sehen, landeten und richteten uns auf dem neu entdeckten Boden häuslich/ein. Ms wir aber' unsere Mählzeit bereiteten, ist das' Feuer aüf unserem H erde d^em. Ungeheuer lästig geworden.. Der Fisch wandte sich, und hätten wir uns nicht schleunigst mit knapper Not auf unser Schiff noch flüchten können, wir wären' elend zugrunde gegangen." . . - > - . Diese Erzählung zeichnet' das wiederholte Geschick des jüdischen Volkes! .in -.den verschiedensten Epochen und auch Unserer Zeitgeschichte. Emanzipation, Rezeption,, Verfassung schien uns. eine Insel,-das ersehnte Festlandnmere Stellung gegen..jede Erschütterung nunmehr gesichert. Wir dachten nicht daran, daß. hinter all dem im tiefsten Grunde ein Ungeheuer schlummert, und daß

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