Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 21 (31.5.1918)
- Date
- 1918-05-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seit» 326 Dr. Mochl's WoMnsHrist Nr. 21 mysteriös von „einem kleinen Juden" in Mariahils und von „galizischen Juden" bei Zlabings! die Rede ist und mit denen dann die Phantasie der verführten Leser machen nröge, was ihr beliebt. Wie.Weht esj Mn in Wirklichkeit mit dem FalljO st e rsetzier? Schpn am 26. Mai kommt die ),Reichspost" in die für sie unangenehme Zwangslage, die folgende Richtigstellung abzudrucken: Djie da aml Staate Kehren,, Wir erhalten vom Herrn Bezirksrat Löderer folgende Zuschrift : Unter .vorstehender Aufschrift brachte die „Rebhspost" am 24. d. M. sine MitteilunZ über dp Mslitärfirma Ostersetzer ch Eie., Ich kenne die Tatsachen zufällig genau und erlaube mir, hierüber Ihnen folgende Äuftlärung porMlegen. Der, roie es heißt, frühere Spediteur Ostersetzer Ms Brody ist der Mftchrf der seit mehr als 40 Jahren bestehenden ^Speditionsfirma .Goldlust & Co. in Brody, Podroolocziska und Nowossietica. Bei Ausbruch des Weltkrieges Wurden obige Städte von den Russen besetzt und Ostersetzer kant stach Wien, wo er in Atzgersdorf dp Firma Hermann Ostersetzer <L Cie., gemeinsam mit Jonas gründete. Diese Firma erhptt im Ossertwege i n Mai. 1915 dir Ar-, beiten für Montur- und Pehreinrgung vom k. u. k. Kriegsministerium und" investierte über 200,000 Kronen in Maschinen usw. in diesem Unternehmen. Die järarischr- Waschanlage in Brunn am Gebirge wurde erst im- Dezember 191^, also ll/2 Jahre danach, errichtet. Die Fftma Hermann Ostersetzer L Cie. arbeitete in diesen drei Jahren ausschlhetzlich für das Militärärar, fand mit chren Arbeiten dir Anerlkennung der ivorgesetzten Militär-Aüft sichtsbH-örde und hat im Kaufe dieser Zeit Hunderttausende von Montur- und Pehstücken rbieder gebrauchsfähig ^gemacht, was ja bei dem großen Mangel am Tuch- und Tertilerzeugniss^n vor; teilhaft war. Cs kann daher nach meiner unmaßgeblichen wceinung die Tätigkeit dieser seriös grbeiy;nden Firma, in welcher ja auch bereits bei der Gründung bedeutende Kapitalien investiert wurden, wohl schwer in dieselbe Kategori: mit den anderen angeführten und mit Recht charakterisierten Kriegsgewinner-Beifpielen gestellt werden. .B-iliams Esel von Her' „ReichDLost", der auszog, um arf fe Hand einer nWertröchtigen Lüge auf dem. .Rücken des O st e r s e tz e r uns! Brody dem ganzen Judentum eine Tüchtige herunterzuhaMN, ist also gezwunge n, gegen,seinen Wlllen diesem selben Ostersetzer das größte Lob zu spenden Und festzustellen, daß diesem „Juden aus dem Osten" eher der Dank gebühre, als «Schimpf und Verfolgung. Wir stimmen mit dem Herrn Bezirksrät Lüderer darin überein,°daß dem Ostersetzer ein .Unrecht geschehen ist. Wer auch Herr Bezirksrar Lüderer kann den Antisemiten nicht verleugnen, indem er meint, Haß der Fall Ostersetzer nicht ,M dieselbe Kategorie mit den anderen angeführten und mit Recht charakterisierten Kriegsgewinnerbeispielen gestellt werden könne". Mit welchem Recht nimmt Herr Bezirksrat Lüderer die anderen Fälle,'die ohne N,ameüsnennnng hinansgeschleudert wurden, für wahr an, während er doch feD?st sich veranlaßt gesehen hat, der einen Verleumdung mit Nam eWnennung in so energischer und wahrheilsliebender Weise den Garaus zu machen? Nicht gern.beschäftigen wir uns mit solchen Dingen. Wer wir haben es mit einem' unermüdlichen,, verbissenen FeindM tun, der wahllos in den Mitteln den Kriegszustand beharrlich! dazu ausnützt, um gegen die Inden eine Hftßjstimmnng zu züchten und die Bevölkerung in ihrem Bunne zu halten. Noch fehlt uns eine Organisation der Jndenschaft Oesterreichs, die mit ihrer ganzen Autorität sich diesem gefährlichen Treiben entgegenwersen könnte; noch ist nicht jene organisierte Abwehr geschaffen, die allein den organisierten Angriff unschädlich zu machen imstande wäre. Wir müssen daher diese Mfgcche selbst erfüllen, wenn es auch unmöglich erscheint, allen Verleumdungen der „Reichspost" und Ührer Abnehmer nachzuspüren und die Niedertracht auszudecken. Wer das eine ist sichjer, die ,,Reichspost" reagiert immer seltener und zaghafter ans den Ruf: „Namen nennen!" Zarismus «nd Antisemitismus^ (Ein g ehe im es diplo'm a t i sch e s Dök.nm e n t a n s d e m Ar ch i v ' d e r sr ü H e r e n r u f fisch e n Regierung.). .. H Ich Heft 6,der vom russischen Kommissariat sü.r auswärtige Angelegenheiten publizierten gehÄMen Diplomatischen Dokumente besindet sich eine „lieber die Anarchisten" nberschriebene Denkschrift des! damaligen Ministers des Aeußern Mas Lambsdorf an' den Zaren. Cs! ist höchst bezeichnend, daß im ganzen Schriftstück vom W.avchtsmus mit keinem Worte die Rede ist. 'Es handelt über! die revolutionäre Bewegung in Rußland und Europa, ''die als jüdisches Machwerk1 geschildeit' wird. Das Dokument ist vom 3. Januar .(alten Stils). .1906 datiert, es wurde alsü.dem Zaren zehn Wochen nach Erlaß des Oktob>ermanisestes überreicht, d. h. in einem Momente, wo der Zar die ans Drängen. von '.Gras Witte gemachten Konzessionen an die revolutionäre Bewegung bitter ber ente. Die reaktionäre Partei am Hose intrigierte gegen die „geschenkte" Konstitution und setzte alles in Bewegung, um die angekündigten Freiheiten zu chernichten. Sie suchte die Revolution nicht nur in den Augen des Volkes als jüdische .Verschwörung zu diskretieren, sondern bearbeitete auch den Zaren in diesem Geiste. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Gr.as Lambsdorf mit der in Rede stehenden Denkschrift nicht nur die auswärtige Politik „antisemitisch" zu b estimme n suchte, sondern daß er dabei den. kaum verhüllten Hintergedanken hatte, dem liberalen Kurs Wittes einen Todesstoß! zu versetzen. Die ganze revolutionäre Bewegung in Rußland und. Westeuropa wird in der Denkschrift als Verschwärung des „allweltlich organisierten antichristlichen und antimonarchistischen Judenrums'", desi ^internationalen jüdischen Kapitals" geschildert; die russische Revolution werbe von der Alliance Jsraelite, die über „kolossale Geldmittel" verfüge und von den Rothschilds! unterstützt werde, geleitet.. In hem Bilde der großen jüdischen Verschwärung, die vor den schreckhaften Augen des Zaren entrollt wird, fehlen selbst nichtdie unvermeidlichen Freimaurerlogen, die sich ganz in jüdischen Händen befänden, . und deren in „den 18. Grad" empvrgerückten jüdischen und nichMdischen Mitglieder durch diesen Akt selbst. Mitglieder der Alliance werden. Kurz, dem Zaren wurde aM ernster, aus.TatfMen gestützter Bericht eine .alte antisemitische Mär ausgetischt, um die innere und answärtige russische Politik in reaktionäre Bahnen znrückzulenken. Die reaktionäre Clique um den Thron, hat die Mentalität! des! Zaren richtig eingeschätzt, denn, der alleinherrschende Schwachköps ver- ' merkte auf dem Dokument eigenhändig: „Man' muh ohne'Verzug in die Verhandlungen treten; ich teile günz die hier geäußerten Meinungen." Damit.hat der Zar nicht nur die von La.mb's!d or s enrpsohlenen Verhandlungen Miü der deutschen Regierung und dem! .Papst wegen eines! gemeinsamem Kampfes - mit der „sozialrevolutionären. Partei", d. h. mit den Juden, sanktioniert, sondern zugleich auch! den könterrevolutionären antisemitischen Kurs, den die innere Politik'Mißländs wieder einMug.; " 7 V Lambsdorss Denkschrift an den Zaren und. die Ausnahme, die sie bei diesem, gefunden hat, enthüllen tatsächlich die Triebfedern der inneren .Politik Ruß- ' lands der letzten Periode vor dem Kriege. Sie Wersen aber, gleichzeitig amh ein Licht, aus Manche 'Vorkomm- nisse der internationalen Politik, die man bisher mehr als zufällige Erscheinung anzusehen geneigt7 war. Das Schriftstück ist in. jüdischer u.nd allgemein politischer Hinsicht ein. höchst interessantes Dokument.