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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-05-24 · 20 (24.5.1918) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
20 (24.5.1918)
Date
1918-05-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite BIS nt, 20 , . Dr. BlaH'S unter Josef II. in Wien ansässig. machte, in Utrecht das Doktorat und! praktizierte acht Jahre in Kopenhagen.^) KechHely. Dr. Mexander Büchler. Don Uoltaire;« Popper-Kynkeus. Genau 200 Jahre trennen uns von dem Zeitpunkte, daß der 24 fahrige Spötter, nachmalige große Dichter und Freidenker Voltaire in die Bastille, eines boshaften Pasquills , wegen, wandern mußte; etwas über 200 Jahre, daß einer der größten Denker und Mathematiker, Wilh. Freiherr to. Le ibn iz, der Gründer der Akademie der Wissenschaften in Berlin, begraben wurde, und zwar, wie ein Augenzeuge, ein schottischer Edelmann, bemerkt, so armselig, „eher wie ein Wegelagerer denn ein Mann, der die Zierde seines Vaterlandes gewesen" — es wag daher nicht wundernehmen, daß auch Popper^-Lynkeusl, dieser gewaltige Kämpfer für die Rechte des Individuums, einer Maßregelung verfiel, allerdings! einer schon weit sanfteren alsdie und so mancher^ seiner Vorgänger ivar; sein aufsehenerregendes Werk wurde konfisziert. Man war auch 1899 noch immer nicht so weit, vor den „Phantasien eines Realisten" sich jot beugen. Man zog es vor, ihnen den Einzug in unser wohlorganisiertes! und gut behütetes Vaterland zu verbieten. Kämpfte Voltaire unermüdlich? für die Rechte des! Einzelnen gegen Willkür und Zelotismus, was im Falle Calas (1765), sowie Lally- Tolendal (1776) eine so herrliche 'Krönung — die nachktväglichje Rehabilitierung von zwei unschuldig Hingerichteten — fand, so tritt Pop.per unausgesetzt für das Recht zu leben ein. Zweifellos auf diese Kongenialität, die auch in der ungeMeinen Fruchtbarkeit beider zum Ausdrucke gelangt, ist es zurückzuführen, daß unter den fünf Büchern, die Popper bis jetzt geschrieben, eines derselben (1905) diesen großen Polyhistor Voltaire betrifft, nachdem er ihm in dem bahnbrechenden Werke „Das Recht zu leben und die Pflicht zu.sterben" schon im Jahre 1878, dem hundertsten seines.Todes, ein Denkmal gesetzt. Umgekehrt danken wir eine Reihe ^nhalts-- reicher Biographien Poppers verschiedenen Autoren, darunter außer von ihm selbst eine besonders glänzend geschriebene von Paul Daussig, welche von der „Bereitschaft", Wien, 1. Bez., Annag. 18, herausgegeben ward. Da das entsetzliche Völkermorden zum Urgrund lediglich den rüdesten, engherzigsten Massenegoismüs hat, dieser aber, wenn auch innerhalb engerer Grenzen, durch den Antisemitismus nicht nur ständig wach erhalten, sondern direkt legitimiert wird, da ferner Popper am eigenen eLibe — in der berüchtigten Kvnkordäts-Aera — erfahren mußte, was konfessionelle Unduldsamkeit zu leisten imstande ist, so lag es nahe, daß auch her „Verein zur Ab,^- w ehr des AntiseM! itismus" die Bollendung des achtzigsten Lebensjahres zuM Anlasse nahm, den stillen, ganz dem Altruismus, hingegebenen Privatgelehrten, welchen weder Titel noch Bändchen schmückt, durch einen Vortrag am Vorabend des Festes^. 20. Februar 1918, zu feiern.. Der Vortragende, Dr. Bernhard Münz, führte aus: '! 1 Dem zu ftolut in Böhmen dm 21. Februar 1838 geborenen Jubilar, der wegen seiner Konfession die ersehnte akademische Karriere nicht einschlagen tonnte und auch als Erfinder die Mannigfachsten Hemmungen erfuhr, sind ftopf und Herz auf den, erhabensten Grundton der Sozialethik gestimmt. Er zielte stets auf . u) Ähkk, 1772, Nr. 5648: ut Ooetor Lledicivae ludaeus Lamusl Lernhardu» Oppenheim, qui gradum Doctoratus in Universitate Ultrajectana suscepit, qui idem medicationem cum approbatione omni in Civitate Danniae-Koppenhagen per Octe :- nium .exercuit, citra novum Tirnaviae subeundum examen ad praxim suam commodandam admiftatnr. lieber Dr. Oppenheim, Kaufmann, Freudenthal: Die Familie Gomperz, 384—85, Taglicht 34, 79. Machstein 11^. .234. WochenWrist ' das! Praktische, vergast aber niemals, ein ftulturproblem anzupacken, ohne sich UM bie begriffliche Klärung des Sittlichen bemüht zu haben. Wie tief fastte er die Beziehungen von Natur und Sittlichkeit und ihrer Spannungen und Konflikte! Das, was allen Erforschern der Tatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens auf der Seele brannte, ging auch ihm ganz persönlich nahe: Ist eine Ethisierung der Natur möglich? Mas ist es mit der Doppelseitigkeit der ftultur? Wie stehen Sitte und Recht zur Sittlichkeit? Die Triebfeder der tiefgründigen Wirksamkeit . des scharfen Denkers ist jene Achtung vor der ganz voraussetzungslos genommenen Jndividualeristenz, welche die wichtigste Grundlage aller Ethik im privaten wie im öffentlichen Leben bildet. In schlichten, aber ausdrucksvollen Worten legt Popper in dem Werke „Das Individuum und die Bewertung menschlicher Eristenzen", in dem neue grundlegende privat- und sozialethische .Marimen praktischer Art dargeboten werden, das Grundprinzip einer gesitteten Gesellschaftsordnung nieder. Sein ganzes Sinnen ist darauf gerichtet, das Gefühl der höchsten Wertschätzung eines jeden menschlichen Individuums ohne Unterschied zu wecken und sein Recht, zü leben, ökonomisch zu sichern und die starke „Allgemeine Nährpflicht^ * die in der allgemeinen Wehrpflicht ein durchgreifendes Analogon hat, ist der Giebel seines sozialreformatorischen Lebenswerkes: Allen Respekt vor dem Denker, dessen literarische Grosttaten von befor beflügelnden Gedanken getragen find, nicht ein einziges ^-Ebenbild Gottes" dürfe Man verkümmern lassen. Popper hebt sich glänzend ab von den Nationalökonomen, die die Menscheir in ftlassen teilen, das soziale Problem nicht als ein Menschen-, sondern als ein Standesproblem, speziell nur als Frage des Proletariats auffassen, immer nur Lohn und Arbeit vor sich sehen, die ungeheure Zahl des allen anderen Berufen angehörenden Ringes um das nackte Dasein aber nicht sehen oder nicht beachten, weil diese sich nicht so wie die Arbeiterbataillone laut genug melden. Er kennt nur eine einzige Teilung derf Gesellschaft in sozialökonomischer Beziehung, eine Teilung in solche, die in ökonomisch gesicherter Stellung sind, und in jene, die es! nicht sind und die erdrückende Majorität ausmachen. Er versteht unter der sozialen Frage die Frage nach einer Institution, die geeignet ist, jedem Menschen die notwendige ökonomische Lebenshaltung 311 sichern, ohne dast derselbe von dem Willen anderer Menschen abhängig gemacht wird. Er huldigt mithin dem Siaatssozialismus. Es muß hervorgehoben werden, dast die Institution der Konfumgenossenschaften das grandiose Programm unseres Jubilars vorbereitet. Denken wir uns einen solchen ftonsuMverein auf alle Staatsbürger ausgedehnt, alle seine. Artikel, wie dies teilweise schon jetzt in England und Schottland geschieht, von Vereinsmitgliedern produziert und den Bedarf an sie nicht verkauft, sondern direkt verteilt, so haben wir den grundlegenden Programmpunkt Poppers genau realisiert. Und durch den Weltkrieg ist die allgemeine Nährpflicht zu einem aktuellen Problem geworden. In seinem Danke an den Vortragenden bemerkte der Vorsitzende, Oberinspektor Engel, daß der so Vielgefeierte keineswegs ein Träumer und unpraktischer Theoretiker sei; so verdanke der recht nüchterne Maschinenbau ihm durch seine Kesseleinlagen und Kondensationsapparate, welche ans feiner Beschäftigung Mit der Wärmetheorie entsprangen, ganz wesentliche Verbesserungen. Ergänzend bemerkte Dr. Münz, daß es weiters von der Geistesschärfe und Vertiefung Poppers zeuge, daß er auch n. a. mit Dr. Robert M a y e r, dem Entdecker des „Wärmeäquivalentes", in regem Verkehr gestanden und dessen hoher Wertschätzung sich zu erfreuen hatte. Zum. Schlüsse wies der Vorsitzende auf die vom Standpunkte des Vereines besonders erfreuliche Tatsache hin, daß Popper eben auch jenem Stamme angehöre, dem die Welt so viel an Kultur- und Geistesarbeit verdanke. Wiewohl diese Erkenntnis sich noch lange nicht allgemein durchgernngen habe, so bilde es doch eine beachtenswerte und erfreuliche Tatsache, daß ^'ich derselben auch viele, keineswegs bedeutungslosen Männer, die sonst keine freundlichen Gefühle.dem Judentum entgegenbringen, verschlleßen können. So schrieb Martin Luther in seinen Vorträgen über den Deuteronomion (1483—1516): „Die Synagoge hat die Erstgeburt. Denn aus ihr ist Christus kommen, die Alpostel und das Wort, und nicht aus den Heiden. Denn das Heil ist aus den Inden. Johannes 4. Darum soll man heutiges Tages die Juden nicht verachten, dieweil aus ihnen und nicht aus uns, die Herrlichkeit, wie Paulus tut zu Römern am Fünften. Denn sie sind die ersten Christen gewesen, und ihnen sind versprochen und befohlen die Gespräch Gottes." F. R. E.

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