Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-05-10 · 18 (10.5.1918) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
18 (10.5.1918)
Date
1918-05-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3020846-3022300-3022319--26855-3052238
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

280 Dr. Vwch'S Girre neue Hypothese Aber die Grrtstetz««g des KoL U^re.) . ~ Geprüft von Samüel Pozuanski, Warschau. / T)ie> Kvl-Nidre-Forinel, die. beim Eintritt des Versöhnmigsiages, noch vor der eigentlichen Abendliturgie, in feierlicher und gehobener. Stimmung dreimal rezitiert wird/ hat eine tairge Leidensgeschichte und Hat auch bereits eine ganze Literatur hervorgerufen.^ Sie bietet auch Schwierigkeiten und Probleme allerlei Art. Ihr Inhalt basiert bekanntlich auf dem talmudischen Ausspruch!, Ned'arim 23 d: „Wer da will, daß seine Gelöbnisse das ganze'Jahr hindurchkeinen Bestand haben sollen, der sage am Neusahrstage: jedes Gelübde, das ich ablegen werde, soll nichtig sein," mrd doch, wird Kol-Nidre rezitiert nicht am Neujahrstag, sondern am Versöhnungssest. Me die Gründe aber, dix dafür gegeben werden?) . sind schwach und nicht haltbar. Eine weitere Schwierigkeit bietet die Verschiedenheü der Meinungen bei der Feststellung des Textes inbezug auf die Gelöbnisse selbst, d. h. ob es die Gelöbnisse des abgelaufenen Jahres find,'wie der ursprüngliche Text lautete, die gelöst werden, oder aber die des kommenden Jahres, ^wie es Rabbenu Tam festgesetzt hat. Die Schwierigkeiten, die Leiden Formulierungen anhaften, hat Bloch sehr gut dargelegr?) Dann entsteht die sehr berechtigte Frage, .wie kommt Kol-Nidre mit seinem trockenen, juristischen Inhalt zu der feierlichen und . erschütternden Melodie, durch die. eigentlich erst die Stimmung, welche Kol-Nidre hervorrust, erreicht wirdI Endlich wurde Kol-Nidre von jeher von Judenfeinden zu ihren Zwecken ausgebeutet, so daß. schon Jechiel von Paris , sich in dieser Hinsicht gegen die Angriffe Dvnins wehren mußte, weswegen viele moderne Gemeinden es abschafften und ein.anderes Gebet an seine Stelle setzten. . ' Dünkel ist auch die Entstehungszeit' und das Vaterland von Kol-Nidre. Der erste, der es erwähnt, ist der Gäon Na'tronai b. Hillai in Sura (fungierte 853 bis 856), der aber betont, daß es Kwar in manchen Ländern rezitiert werde, daß es aber in den beiden Akademien! (Sura und P»mLadita) ebensowenig wie an anderen Orten Sitte sei, Gelöbnisse, am Neujahrstag oder am Versöhnungsfest zu lösen?) Natronai gibt auch als erster die Formel im Wortlaut, die aber hebräisch ' *) Kol Ätidre und seine Entstehungsgeschichte. Von- Dr. Josef S. Bloch. Wu einem Vorwort von Dr. Alfred Stern, Präsident der. Wiener isr. KuUusgeineinde. Wien 1917. 28 S. 8°. Die wichtigste Ltterarur -ist in Jeiv. Ene., s. v. verzeichnet, wo aber die reichhaltige Abhandlung von Israel Lvvi (REt 89, 76—81) nicht angegeben ist. Hrnzugekommen ist jettdem noch Elbogen, Der , snd, Gottesdienst,, S. 158—154. . J -a) S. besonders- Schibbole Ha-Leket 293 u. Orchot Ehajim I. 106 b. 4) S. 13 —16. Seine Quelle ist hauptsächlich Schibbole Ya-Leket, 1. c. ^) S.. dessen Responsum in der Sammlung, Hälachot Pesukot, Nr. 122 <ed. I. Müller, S. 64). Da m diesem Responsum bereits Zeyudai Gaon zitiert wird, so kann es nur Natronai b. Hillai sein und'nicht etwa der älrere Natronai b. Nehemia, gen.Mar.Janka,' in Pumoadtta, der sein Gaonat 719 angetretcn hat. Dies ist Bloch'S. 24 entgangen, der die Zeit Natronais auf 710 ansetzt und dazu in Sura. Nun wird von Elieier b. Joel Ha-Lewi (s. Müller, N123 033831 S. 88, Nr. 24) und von Mordechaj zu Joma ein Responsum Pältofs (fungierte in Pumbadita 842 —858) angeführt, in dem es heißt: 1313 23D3 '113 bz 2*,il 3'"N.1V ^332 3'31 JV22ViT1 83,133 “'iDi aber hier fmö ohne Zweifel die Sorte ms 32 2noi zu streichen, da .sie sowohl den Angaben Natronais, als auch Amrams wrdersp-echen. Zn des letzteren Slddur (cd. Warschau, f. 47 a) heißt es: ,v'i ~«8. -pi •n-b jnnm pbsis© insb. ‘2222® V21 .rrasit&p 3,13ö Kns'nö pQD .rur Di"®*? "»rat rvbv isvv p?3 r-'pip nbsn bbznnb rn*D3D' pv.T3"nn® “]VO *paö. Von Kol Nidre ist also hier keine Rede. Dann einige "Zeilen weiter: 8i.i rnvv 3132«: n®npi «rc-non ii3V bi» p nw?*? 13=81 Oti3 ViJ nt Alit rwnpn srcnc wird aber Pumbadita bezeichnet, s. Jellinek, p'-'in oiL3ip Nr. 4: Vgl. auch Ginzverg. Geonica 1, 141,, Anmerk. 2. Wochenschrtfl «r. lß lautet?) 12112V D’öl’pi OW.12V1 2'QIM DniDNI CPT12 bj '■ ipi 12Dinnül 121OE1 Saadja hat ebenfalls eine hebräische Formel, mit Ausnahme der ersten. Worte, die aramäisch lauten.^) Die. aramäische Formel'wird von Zidkia b. Abraham.aus dem Siddur. Hais angeführt?) aber ihr Inhalt differiert im wesentlichen von. dem üblichen. Die hebräische Formel hat sich im römischen Machsor erhalten und damit-stimmt auch-überein, daß im Likkute Pardes die hebräische Formel int Namen des Jesaja di -Trani angeführt wird)- während Jakob b. Simson, der Lehrer Rabbenu Tams) die aramäische hat?) ' ' ' ' Kvl-Nidre ist also nachtalmudischen Ursprungs und ist außerhalb Babyloniens, entstanden.. Aber, wann und wo? Bei der Beantwortung dieser Frage fehlte es auch nicht an luftigen Hypothesen. So. soll Kol-Nidre von den Marannen verfaßt worden sein,, die aus solche Weise alle Gelöbnisse, die sie bei der Annahme des Scheinchristentums abgelegt haben, gelöst wissen wollten.. Doch wurde nicht beachtet, daß Kol-Nidre schon.im.9. .Jahrhundert angeführt wird?o) Den Grundgedanken nun, nämlich daß Kol-Nidre zur Beschwichtigung.'„des Gewissens der Sch.einchristen beim Herannahen des' heiligsten Tages im Jahre. rezitiert wurde,, vertritt auch .Bloch und. begründet, ihn .in äuß-erst geistreicher Weise, nur hält er für die Verfasser nicht die spanischen Marannen des 15. Jahrhunderts, vielmehr die Zwängschristen des. Westgotenreiches' .im 7. Jahrhundert. Diese mußten, was geschichtlich bezeugt ist, ein sogenanntes Placituni Juda«- onim leisten, wovon uns (was Bloch nicht angibt) eines aus der Regierungsizeit, Chiutitlas aus dem Jahre 63711) und eines aus der Regierungszeit Neceswinths aus dem Jahre 654 erhalten ist. Hier mußten sie u. a. beschwören, daß sie alle jüdischen Zeremonien und G.e- . brauche,.:.wie Sabbat, ^Beschneidung. ü.. .dgl-,^iverwerfen, mit'den früheren Gläübensgenosseu' keine Beziehungen pflegen werden, die Synagogen verachten -usm. Als nun. diese Scheittchristen sich im geheimen 'zur Feier des Verföhnungstages versammelten, da mußten sie zuerst alle erzwungenen Schwüre, die sie - das ganze Jahr ablegten, durch-eine ad lioe verfaßte Formel bereuen und sie als aufgelöst und nicht geschehen betrachten. „Für sie, die Anussim", so lauten die Worte Blochs (S. 18),' „enthielt der Text nicht. unwichtige...Worte,^^ eine leere Formel, sondern den Schrei einer zerrissenen Seele, die Tragik ihrer Lebenslüge, ihres schauerlichen Geschickes. Sprachen sie mit verängstigter Seele die trockenen Worte der Formel, so wurden vor ihrem Geiste Bilder lebendig, die. ünverwischbar in ihren Erinnerungen haften geblieben wären,-'Bilder voll Schauer und Schrecken." Daher , auch die ergreifende Melodie und daher auch,,, so kann man noch hinzufügen, das Rezitieren am Versöhnungstag und nicht am Neujahr. Bloch findet außerdem noch eiire Stütze'für seine Annahme in den Worten Saadjas,- der sich, auf Num. 15, 26, mit dem Kol-Nidre schließt, . berufend, behauptet, daß diese Formel zur An- ’■*) S. Jsak ibn Gajjath ed. Bamberger I, 60 u. Siddur R. Amram, 1. e., wo aber der Name Natronais-fehlt. ^) S.-Äschert, Joma VIII, Nr. 28. . b) Schibbole Hä-Leftt, S. 295. lieber den Siddur Hai 6 s. zuletzt Harkävy in d. Enzykl. Ozar Israel IV, 97 ä. : ") S. ed. Amsterdam, fol. 12 b, wv zu ergänzen ist: ~p ' "v [?3m "12 ,Ty»>] 8321 1p "20 {,13 3.1138 '38 Vgl. A. Epstein. MGWJ 44, 54; REJ 35, 244.? ) . 1U) Diese Ansicht wurde von L. Mandelstamm in s. Biblischen Studien vertreten, s. dazu Ya-Meliz' VIII (>868), '270, wo schon der Redakteur- Zederbaum durch Hinweis aus den Siddur R: Amram aus den Anachronismus aufmerksam macht. Später-. sprach diese Ansicht auch Alexander Weill aas, s. ha-Zefira 1885, 361. Vgl.'auch noch Thcvl. Literaturzeitung 1917, 454. "f'Mitgetcill in französischer Nebersetznng in REJ 2, 137—138.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.