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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-03-29 · 13 (29.3.1918) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
13 (29.3.1918)
Date
1918-03-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
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ftii lä Ln. Otqch'S entspraiigen, einen Vorwand brauchten. Und er, der so ganz .Jude war, daß er fühlte, es könne ihm ,keine Faser im Wesen dch' .Judentums verborgen sein, schürfte tief in der Seele -seines Volkes, denn er wollte ins Klare ljomMen, ob, seine Liebe, sein Vertrauen zu der Hoheit seines Stammes eine-Schimäre sei oder nicht. Er sah das-Judentum, wie es dereinst in Palästina gelebt hatte, mit all den Fehlern und Schwächen, die seinen Untergang herbeigesührt hatten. Dann sah er sein Volk auf der jahrLansendelangen, trostlosen Wanderung, eine Zielscheibe,. aller menschlichen Grausamkeit und Bosheit. Gehetzt, -gejagt, gefoltert, aber unerschütterlich in der Liebe zu. Gott. Erst aus diesem Leidenswege vollzog /sich der große Länterungsprozeß, der die Juden zu ihrer jetzigen sittlichen Höhe hob. Alles Schlechte, Angesanlte, alles, was nicht, mehr Mit reinem HeMN jüdisch empfinden und jüdisch dulden /konnte, war nach und nach abgefallen und fiel wohl auch weiterhin ab. Als köstlichste Essenz blieb ein Judentum /zurückwelches Geist und Herz besaß, Gort in sich trug und mit tiefemgereiftem Verstehen seine Brüder nnü Schwestern in Liebe umfing. Wohl hatte sich auch Fremdlingsblut mit dem ihrigen gemischt; die aber zu ihnen gekommen waren, die hatten nicht, wie die abgesallenen Inden, ans Schwäche, Feigheit .oder Eigennutz ihren früheren Glauben verlassen, Denn aus solchen Gründen gesellt sich niemand den Geächteten und Geknechteten. Nur die heilige Ueberzengung von der Schönheit der jüdischen Lehre, oder eine tiefe, Mann und Weib verbindende und veredelnde^ Liebe, also erhabene Beweggründe erhabener Menschen nur, brachten fremdes, aber edles Blut in ihre Reihen. Gawriel war in eine andächtige Ekstase geraten. Sein vorher so erregtes Gemüt hatte sich besänftigt, nur eine leise Wehmut klang noch in ihm, jene Wehmut, die eine stete-.'!Begleiterin ^edeD getreuen.. -Indem ist. Jeder von ihnen-trägt. sie untilgbar im Herzen und sie blickt ihm ans den Augen, den schonen, traurigen Judenaugen, die das Leid aller /Vorfahren widerspiegeln. Gawriel trat im Vorübergehen in einen Laden und kaufte eine Zeitung. Gleichgültig flog er anfangs die Seiten durch. Du traf sein Auge auf eine Nachricht, die ihn erbeben machte: Palästina sollte den Juden zurückgegeben werden, sie sollten — wenn auch unter englischer Oberhoheit — ihren eigenen Staatihre Heimat besitzen! - Wie im Rausche fühlte sich Gawriel.' Der Traumdie Sehnsucht seines Volkes sollten in Erfüllung gehen. Nicht mehr waren die Heimatlosen der Verachtung der Völker, der rohen Willkür des Pöbels preisgegeben, das Land ihrer Väter sollte ihnen.zurückgegeben werden — die Verheißung sollte sich erfüllen! Gawriel war von Himmelsseligkeit erfaßt. Er malte sich das Zusammenleben der Juden.in Palästina aus in heiterer Ruhe und Sicherheit und Frieden nach! überstandenem uralten Leid. Und er gab sich der schwärmerischen Hoffnung hin, daß Israel, schon in den dunklen, Zeiten des VielgöttertuMs mit seinem Glauben an den einig-einzigen Gott der Hort höchster Wahrheit und Tugend, daß dieses Israel, wenn es wieder auf seiner Vorfahren Scholle leben und frei, sein Wort führen dürfe, aufs neue die Hochburg der Erkenntnis und der Betätigung, höchster. Sittlichkeit sein werde, denn was es in den schweren Kämpfen seines Werdens an inneren Gütern gewonnen hat, das kann nicht mehr verlorengehen. Da Meb Gawriel stehen. Kanu, es nicht mehr verlorengehen? - Wenn eA. das Leid ist, welches das Judentum in seinem geschichtlichen Ansleseprozeß veredelt hat, werden die Juden die erklommene Höhe halten können, Wochenschrift Seit« Ätz«- wenn das Mittel zur Auslese, das Leid, nicht mehr. wirken, wenn das Märtyrertum zu Ende sein wird? - Das Band, das die gemeinsamen schweren Prüfungen . um a.le Kinder Israels geschlungen haben, wirv es nicht reißen, das Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Juden des gesamten Erdenrunoes^ welches auch das Land ihrer Geburt sei, zu Brüdern machh dieses wundersame Znsammengehörigkeiisgefühl, ans Qual und Schmach, aus Not und Tod geboren, wird es die Brüder seelisch, noch so einen, wenn Qual und Schmach zu. Ende sein werden? Nur ihre kraftvollen und erhabenen Eigenschaften, wie sie sich im Laufe der. vielen Jahrhunderte: entwickeln mußten, haben es den Juden ermöglicht, sich.! zu behaupten. Die Inden mußten geistig und sittlich besser sein als ihre Umgebung-, sonst! wären jie,: . von denen ohnehin Hnnderttansende ihr Judentum, mit dem Leben bezahlen mußten, alle dem Haß und dem. Mörderinstinkt ihrer bösartigen Nachbarn zum Opfer gefallen. Wenn sie nun ein Volk sein werden dürfen wie alle anderen; wenn ihnen niemand mehr an Leben-, und Freiheit gehen wird; wenn sie jene erhabenen Eigenschaften nicht mehr werden haben müssen, welche so oft-, den Schutz ihres Lebens bildeten, weit sie chnen immer / wieder Verteidiger unter den Andersgläubigen erstehen ließen: werden diese Eigenschaften, die sie nicht mehrbrauchen, nicht verkümmern? Diese Fragen legten sich aus Gawciels Herz wie Wolken vor die Sonne. Ja, brütete er, sie werden ein. freies, geachtetes Volk sein, aber werden sie auch das tiefe, edle Volk bleiben, das sie heute sind, ein auserlesenes Volk? Das anserwählte Volk? - . Das anserwählte Volk! Hat es Gott nicht sichtbarlich geführt durch die Jahrtausende, vom Auszug ans Mizralim angefangen bis zuM heutigen Tag? Gibt es ein größeres geschichtliches Wunder als' - dieses, daß es den Juden möglich war, sich nicht nur zu erhalten, sondern zu vermehren? Nicht nur eine bedeutende, wenn auch angefeindete Rolle auf . dem ganzen Erdeukreise zu spielen, sondern auch allüberall die höchsten Kulturträger zu sein? Und Gott, der Allmächtiges der dieses Volk der Verfemten durch alle Schrecken hin-- dnrchgeleitet, der es in seinem nnerforschlfthen Ratschlüsse oft gezüchtigt, niemals aber verlassen hat, er sollte seine väterliche Hand abziehen von jenem Augenblicke der höchsten Erfüllung an, in welchem er selbst ihm das Ziel seines heißesten Wünschens als herrlichste Gabe seiner Allmach,t und Gnade in den Schoß legt? Verlassen in dem Augenblicke, in welchem, er es belohnt für die niemals wankende Treue, die hundert Geschlechter ihm gehalten haben? Nein, dies zu denken ist Frevel, ist eine Entweihung des' göttlichen Namens. Niemals wanket Gottes jGu-te, nie erbleichet Israels.Stern! 'Es . war Abend geworden und Gawriel war nach - Hanse zurückgekehrt. Er hatte seine Wendandacht verrichtet, das Antlitz-, wie immer im Gebet, nach, jener Himmelsrichtung gewandt, in der Jerusalem liegt. Ist dieser Richtung suchte ja das Sehnen und 'Hoffen seiner Väter und Urvorväder seit schmerzvollen zwei Jahrtausenden die Erlösung vom Leid her Heimatlosigkeit. Wie oft auch" hatte Gawriel sich in das gelobte Land hin- / übergeträumt! Heute aber, da ihm die Kunde ward, daß das heilige alte Reich wieder erstehen solle, da bekam seine wesenlose Hoffnung Leben, seine Sehnsucht Flügel, und wie in einer Vision erschaute er Zion, um das von Jahrtausenden die Urväter gerungen, für das sie gelitten, das . sie mit zerrissenen Herzen verloren hatten und nach dem seit jener bitteren Stunde der Vertreibung Hie bange, schwere Sehnsucht unendlich vieler weher jüdischer' Herzen flog. Er erschaute, wie zum Greifen na^e, Zion, im zauberischen Goldglanze seiner südlichen Sonne unter

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