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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-03-29 · 13 (29.3.1918) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
13 (29.3.1918)
Date
1918-03-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 200 Dr. Bloch's nicht den Trotz und Stolz weltfremder Seelen, die himmelwärts den Blick gerichtet, im Schmutz des Alltags waten. Man starrt in dies Gewühl niedriger Hast nach Erwerb' und Geld und übersieht Träger höchster Men- ' schenwerie und so manche königliche Leele, vor der sich noch die Welt in Demut beugen wird. . . Alles' fließt und wiederholt sich. Einst haben die deutschen Juden den Drang zur allgemeinen Kultur gen Osten verpflanzt, jetzt kamen die östlichen Juden gen Westen, um das gut zu machen, was Mendelssohn und seine Jünger verdarben. Nur damals war es eine stolze Schar europatrunkener Kulturträger, — heute sind es arme, entwurzelte Flüchtlingsscharen, deren Mission mit Hochmut und Unverständnis kurzsichtiger Alltagsseelen vergeltet wird ... Zur Geschichte der SxanioLerr in Ungarn. Im Dezenwer vorigen Jahres befaßte sich Dr. Ludwig Szabvlcsi im „Egyenlöseg" in einem längeren Aufsatz mit dem geheimnisvollen Schicksal des Marannen Baron Diego d'Aguilar, eines Lieblings der Kaiserin. Maria Theresia, dem auch der Bau des Schönbrunner Schlosses' zugeschrieben wird. Szabolcsi gab damals der Ansicht Ausdruck, daß! von diesem berühmten Marannen, dessen jüdischer Familiennamen Mose Lopez Pereira war, auch in Ungarn Spuren vorhanden sein mußten, um so mehr, als er auch der Begründer der einst so angesehenen sephardischen Judengemeinde üt Temesvar gewesen ist. Hieraus gibt der gelehrte Oberrabbiner von Temesvar-Fabrik, Dr. Jakob Singer, die folgenden Daten zu diesem Thema bekannt: Alljährlich am Kol-Nidre-Abend taucht der Name des Don Diego Aguilar aus der Vergessenheit empor. Die dortigen spaniolischen Juden halten bloß am Jom-Kippur einen eigenen sephardischen Gottesdienst ab. Die Temesvarer sephardische Judengemeinöe, welche im 18. Jahrhundert in höchster Blüte stand, hat sozusagen zu bestehen ausgehört. Die größte sephardische Siedlung in Ungarn war die Temesvarer Kolonie. Ihre Gemeinde wurde dort schon im 17. Jahrhundert gegründet. im Jahre 1760, als sie unter Maria Theresia Men Tempel erbauten, hatten sie in der Temesvarer Judenschast das Uebergewicht. Im sogenannten. „Judenhof" in der inneren Stadt befarrd sich! das einstige geistige Zentrum der sephardischen Juden. An der Stelle ihres Tempels erhebt.sich heute das. Amtshaus der neologen Kultusgemeinde der inneren Stadt. Die spaniolischen Juden sind ausgestorben, ihre Synagoge wurde nwdergerissen und heute gibt es ihrer nur noch in der Fabriksstadt einige kleine Ueberreste. Auch hier halten sie — da sie selbst kein Minjan zusammenzubringen vermögen — ihren Gottesdienst gemeinsam mit den Aschkenasim. Am Vorabend des Jom-Kippur aber, da sie eine reine sephardische Betgemeinde zusammenzubringen in der Lage sind, schlagen sie ihr großes Memorbuch, das' Buch des Gedenkens und des Todes, aus. Es ist das Buch der Haskarah, wie die Sephardim ihre unserem Maskir ähnliche Totengediächtnisliturgie. nennen. Die Haskarah ist in Wirklichkeit etwas anderes als unser Maskir. Es besteht in der Rezitierung des Gebetes „Menuchah nechonah", welches bei uns am frischen Grabe wie auch als Abschluß, des Maskir gesagt wird. Man flicht auch! den Namen des Toten ein, für dessen Seelenruhe das Gebet verrichtet wird. Der gottesdienstliche Ritus der Sephardim schreibt für jeden Tag zum Minchagebet die Haskarah vor, so daß es bei Wochenschrift Wl- 13 ihnen ein eigentliches Maskir — wie es nach unserem. Rituale viermal.jährlich abgehalten wird — gar nicht gibt. Haskarah wird bei den Sephardim überdies auch jeden Samstag für die zur Thöra Gerufenen an Stelle des bei uns üblichen Mischeberach, gesprochen. Am Kol-Nidre-Abtznd ist bei den Sephardim die große Ha s!- karah, indem sie für die angesehensten, und verdienstvollsten verstorbenen Mitglieder ihper Gemeinde Gebete verrichten. Sie schlagen also ihr einstiges uraltes Haskarah b uch aus undgedenken darinnen der Seele des hohen Edelmannes Mose Lopez Pereira. Mose Lopez Pereira ist kein anderer denn Don Diego d'Aguilar, welcher nach der Legende erst Inquisitor in Madrid, später österreichischer Freiherr war, dann als politisch Verfolgter in London zugrunde ging. Die Vermutung war also richtig. Ein Temesvarer Sterbebuch hat sein Andenken auch, ans ungarischem Boden bewahrt. In dem sephardischen Tenipel gab es sogar zwei Thoraschmuckgarniturendie die Form! von Granatäpfeln (Rimon) hatte!:, welche mit den.Initialen seines Namens von ihm der Gemeinde gewidmet wurden. Diese wertvollen Thoraschmuckgegenstände'wurden, leider in den achtziger Jahren bei einem Einbrüche gestohlen. Es bestand aber auch noch eine andere Verbindung zwischen diesem Marannen und Ungarn, die von besonderem Interesse ist. In denk Haskarahbuche folgt unmittelbar auf feinen Namen der Name des Meir Am i go. Auch diesen Temesvarer sephardischen Juden hat die jüdische Geschichte verewigt. Amigo wurde von den sephardischen Juden in. Demesvar re chico, das heißt „kleiner König", genannt. Welchen Berufes Amigo war, läßt sich heute schon schwer feststellen. Sicher ist, daßi er ein außerordentlich! angesehener . Jude.gewesen. ist. Er warBertranensmann, des türkischen Sultans und ein intimer Freund bes Don Diego d'Aguilar. Als Maria Theresia im Jahre 1748 die Vertreibung der Juden aus. Böhmen anordnete, schrieb Baron Aguilar einen dringenden Brief an seinen Freund Amigo in Temesvar, damit er in dieser Angelegenheit "beim Sultan interveniere, da seine eigenen Schritte am Wiener. Hofe erfolglos blieben. Amigo reiste ungesäumt nach Konstantinopel, wurde sofort vom Padischah empfangen, welcher entrüstet die Nachricht von dem Vorgehen Maria Theresias gegen die Inden ausnahm. Der Sultan sandte durch einen Sonderkurier (auch dieser Kurier^ war ein Jude und hieß Keronel) ein Handschreiben an die Kaiserin Maria Theresia zugunsten der Juden in Böhmen. Die.Kaiserin gab dem Wunsche des Sultans Folge und widerrief ihren gegen die Inden gerichteten Austreibungsbefehl. Amigo starb im Jahre 1779. Aus seinem Grabstein gedenkt eine Dankesschrist seiner großjen Verdienste um bä§ Judentum. Ein Zeitgenosse Amigos und Aguilars war ein junger spaniolischer Rabbiner, der Chacham der Gemeinde: Juda Bar uch. Seinem Sohne Rüben Barnch ist es zu. danken, daß die geheimnisvolle dunkle Geschichte des Barons Diego d'Aguilar erhalten blieb. Rüben B a t u ch war, wie sein Väter, Chacham,' und zwar um die Mitte des! 19. Jahrhunderts, Chacham der Wiener türkischen Jnd engem einde. Er war es. nun, der. alles, was ihm sein Vater über das rätselhafte Schicksal Aguilars überliefert hatte, dem berühmten Dichter und Sekretär der. Wiener Knltusgemeinde Ludwig August Frankl weiter üb ermi'leite. Frankl war es auch, der im Jahre 1854 die Tragödie dieses Marannen zum erstenmal verarbeitete. Nach ihm beschäftigte - sich der deutsche jüdische Gelehrte Lehmann u ich endlich im Jahre 1901. der -spanische Gesandtein Wien Dr.

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