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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-03-29 · 13 (29.3.1918) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
13 (29.3.1918)
Date
1918-03-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 199 Dr. BloH's Wochenschrift 9ix. la Mir — Flüchtlinge. Von Z. F. Finkelsteiu, Wien. _ ' . Schon das vierte Jahr sitzen wir irtz der Fremde — und warten. Beitzweifelt, verträumt, weltschicksalsbang. Eltern bestürmen mit Briefen, Verwandte machen Vorwürfe, Bekannte beginnen zu staunen. Wie!? Sehnst du dich gar nicht nach deiner Heimat? Heimat? Wie schlaftrunken vernehmen wir diesen süßen Laut, aber ein wehmutsvoller Seufzer entringt sich unserer Brust. Heimat? Haben wir, junge Juden, irgendwo eine Heimat? Hatten wir je welche? Waren wir nicht die ersten, die ihres' elterlichen Heimes entsagten, als die Heimat, des ganzen Volkes uns in leuch- Lendem Glanz der Hoffnung aufstrahlte? Der Weckruf Hevzls hat uns einst plötzlich aus der engen Heimat herausgerissen und an die Schwelle einer neuen, echten Heimat gestellt. Nicht hereingeführt, sondern nur an. die Grenze gebracht- Und so stehen wir seit dieser Zeit an der Schwelle zweier Welten. Vor der Heimat und außerhalb jeden Heims. Wir sind hängen geblieben: fremd in der Heimat und heimisch in der Fremde, Dies Gefühl hangender und bangender Seelen hat uns vielleicht den Mut und die Kraft verliehen, die Brücken hinter uns abzubrechen, aber es verursachte auch den Schmerz ewiger Unstetigkeit und ewigen Bangens, der unsere junge Seelen vergällte. Freud- und haltlos lebten wir in der Heimat und in ewigen Wanderungen Heimatloser durchzogen wir die halbe Welt. Das alte Schicksal unseres heimlosen Volkes rächte sich 'vielleicht am blutigsten an uns, jungen Juden des Zwanzigsten Jahrhunderts. Wir haben nirgends ein Heim und sind, überall Zu Hause. Und >als der Krieg uns mit brutalem Ungestüm 'Mrstrezite, da -stürmten auf uns allerlei /zGöfüM" lin" und Witschten uns aufs schmerzlichste. Nur eines ging uns beinahe ab: das der-Fremde. Weltfremd sind wir doch auch in unserer früheren Heimat gewesen.' .Es war eine'fremde Welt unter fremden, feindlich gesinnten Völkern. Andere Flüchtlinge haben mit der Heimat ihr Allerheiligstes verloren, wir hingegen : haben unsere „Heimat" wie eine eiternde Wunde mit uns in die Fremde mitgeschleppt. Vielleicht ein sinniges Symbol für die Dichtkunst, aber ein schauriges, tieftrauriges Erlebnis, dasauf uns wie ein Alpdruck lastet. Was wißt Ihr davon, Ihr anderen,' die in uns nur Flüchtlinge sehet? Was wißt Ihr von dem unendlichen Leid. eines heimatlosen Geschlechtes?! Ihr dünkt uns glücklich, wenn unsere Heimat vom Feinde befreit wird, und 'staunt, daß wir mit der Rückkehr zagen. Meint ihr, daß wir eure Worte nicht verstehen, die unseren . Menschen stolz berühren, und daß wir eure Gefühle nicht spüren, wenn auch euer Mitleid euch enge Schranken Zieht? „In der Heimat, in der - Heimat, da gibts ein Wiedersehen. . .?" In der Heimat? Ein tiefes Weh ist uns die Fremde und eine erschütternde Tragik unser Heim. Das vierte Jahr sitzen wir in alle Winde verstreut., und warten. .In unserer Heimat ersteht ein neues, schaffendes Leben- — wir bleiben kühl und gleichg ültig und nichts zieht uns eigentlich dahin. Man verdrängt uns von hier, man haßt uns in der Heimat, und so sitzen wir-im donnernden Geröll der Weltgeschehnisse und warten... Vielleicht, vielleicht erreicht uns endlich hier in der Fremde die Kunde.von Unserer Heimat. Von unserer Heimat! Sollte von dort, von dort an uns ein Ruf ergehen, dann wird uns die reißende Sehnsuchtswelle von Jahrtausenden mit elementarer Gewalt Hinüberspülen. . . Dann giblls vielleicht ein Wiedersehen, das das tiefste Weh eines heimatlosen Geschlechtes heilt. . - * * * Ich habe sie gesehen und auf der wilden Flucht aus der Heimat begleitet. Ich betrachte sie schon.das vierte Jahr tagtäglich. Die Flüchtlinge! Allerlei Alters und Standes. und aus allerlei Völkern. In den Baracken, in den Flüchtlingsheimen, auf den Wiener Bahnhöfen und in den Gassen der Wienerstadt. Ein Teil ist stumM und apathisch, andere suchen in bewunderungswürdiger Anpassungsfähigkeit sich mit der fremden Masse Zu amalgamieren: ein Teil trägt das Schicksal ungebetener Gäste mit verbissenem Groll, andere Haschen, sich um die ganze Welt nicht kümmerndnach Millionen. Ein Haften und Drangen, ein Ungestüm und ein Stigma anormaler Luftmenschen überall. Flüchtlinge! Ein mit Tränen und Bitterkeit angeschwelltes Wort. Und vor allem ein Begriff der Heimatlosigkeit, der zu entgehen, jeder auf seine Weise sich bemüht. Die Polen sind nach der Befreiung Galiziens auch gar bald dorthin geeilt: der Ruthenen bemächtigte sich eine ungestüme Sehnsucht nachihren Dörfern und Fluren; die Südländer strömen in Scharen Zurück, wo nur die Rückkehr möglich. Nur wir jüdischen Flüchtlinge bewegen uns langsam, zögernd, schrittweise von der Stelle, als wüßten wir nicht, wohin wir uns zu tuenden hätten, als hätten wir keine Heimat, di? unser harrt, und keine Sehnsucht, die aus Heimweh strömt. Es ginge uns hier allzu gut — sagen die einen; wir seien Undankbare, die den Satz „nbi bene ibi patria“ stets verwirklichten — sagen die anderen. Aber daß der Bann der Wurzellosigkeit jüdischer Volksmassen der eigentliche Beweggrund ihrer Vergeßlichkeit ist — das ahnen die wenigsten... * * * * Wir haben einen neuen, frischen Hauch unter das Westjudentum gebracht. Mit urwüchsiger Kraft unverbrauchter Naturen und mit der Eigenart östlich-jüdischer Kultur brachen wir in ganzen Scharen in das jüdische Leben des Westens ein und streuten, so manche Samen, deren Früchte vielleicht in späteren Jahrzehnten aufblühen werden. Die geistige Beweglichkeit der Ostjuden, der sprühend? Witz!, das tiefverwurzelte Jüdische haben vielleicht dem Denken und den Gefühlen der westlichen Juden aus greifbarer Nähe Richtung und Inhalt verliehen. Jüdische Flüchtlinge haben aufgewühlt, was zu veröden drohte, sie haben zu neuem Leben erweckt, was durch europäische Kultur bereits erstickt war, und wurden so unwillkürlich in der Fremde zum sprudelnden Quell, der vom unverwüstlichen jüdischen Leben den Brüdern des Westens die Kunde überbrachte. Frisch, regsam, Mitunter rücksichtslos — so prägten wir ostjüdischen Flüchtlinge unsere Eigenart in der Fremde Land und Leuten auf. Ob es imMer von Vorteil war? Ob immer mit Recht und auf einwandfreie Art? Noch Liegt uns die Wirkung allzu nahe und noch spielen so manche Bedenken mit, ein fachliches Urteil abzugeben. Eines jedoch scheint zur bleibenden Erkenntnis zu werden: man verstand und versteht uns nicht. Man nimmt den Schein für den eigentlichen Inhalt und zieht aus dem Einzelnen falsche Schlüsse auf das Ganze. Sind doch Flüchtlinge auch Menschen, deren menschliche Fehler in einer fremden, aufgezwungenen Umgebung um so.deutlicher zum Vorschein kommen. Mau sieht di? Preistreiber und verkennt die Külturtreiber — man verabscheut den Schmutz abgehärmter, von jedweder Kultur einer Großstadt abgeschlossener Heimatlosem erblickt aber

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