Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 13 (29.3.1918)
- Date
- 1918-03-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3022300-3022314--26767-3052145- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 513 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 197 und ihre Gürtel sinh voll von Goldmünzen, die sie nun dem Tempel darbringen wollen. Danir gibvs plötzlich ertite Aufregung in der ganzerr Gasse; die Menge drängt sich hastig beiseite und vorüber zieht eine Familie aus Alexandrien. Sie sitzen auf ihrem großen Elefanten, der die Straßenbreite fast'völlig einnimmt. Hinter, ihnen folgen einige Juden von den Ufern des Euphrat; sie tragen den flatternden Turban und den geregelten Bart der Babylonier. Auf kleinen graziösen Pferden traben sie heran, denn die Pferdezucht ist ihr Haupterwerb, und nach den Festen werden sie zu Fuß heimkehren, wenn die römischen Truppen ihnen die Pferde abgetanst haben werden. Aber jetzt ist aller Sinn und alles Denken auf den Tempel gerichtet, und auf ihn wogt die bunte Masse. Drei Brücker: sind herabgelassen, sie verbinden die untere Stadt mit dem Tempel. Durch das' Haupttor drangen die vordersten und die, die noch nie das Heiligtum gesehen haben, bleiben geblendet einen Augenblick stehen. Vier Reihen, prachtvoller polychromer Marmorsäulen stützen hoch in den Lüften einen reich verzierten Zedernplafond. Und im Schatten dieses Marmorwaldes drängt und wogt eine unabsehbare Menschenmasse. Zur Linken spiegeln sich in: Sonnenschein die polierten Marmorplatten eines riesigen Hofes. Ueber ihn hin schreiten Scharen von Pilgern, um ins' Heiligtum zu treten, und ihre bunten Mäntel spiegeln sich auf den leuchtenden glatten Steinen, als ob sie über einen stillen See dahinglitten. Vorüber an den Ovferbrotverkäufern und den Taubenhändlern wogt der Menschenstrom. Auf erhöhten Plätzen stehen einige Priester: sie versteigern die Felle geschlachteter Lämmer, uttb ein widerlicher Geruch von Blut wogt um die Stätte. In dichten Scharen umd rängen die Wollhändler den Platz. Dazwischen schlendern die Wechsler einher; mit scharfen Blicken mustern sie die Vorübergehenden und rasseln leise mit ihrem Geldbeutel; hie und da bleibt ein Pilger stehen, um seine lateinischen Münzen gegen jüdische umzuwechseln, denn nur sie werden im Tempel als Spende errtgegengerwmMen. Einige römische Soldaten mit harten, unbewegten Mienen, mit kurzen, roten Mänteln gehen und kommen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Pilger weichen ihnen ängstlich in weitem Bogen aus, denn eine Berührung mit ihnen würde sie unrein machen, sie müßten ein Bad nehmen und würden erst am Abend wieder als rein gelten. Hinter dem Hofe beginnt eine Esplanade; eine Marmorinschrift verwehrt den Fremden den Zutritt bei Todesstrafe. Hier beginnt die Umwallung der-heiligen Bauten; die großen, aus roten und gelben Steinen „gefügten Mauern werden nur hin Und wieder durch enge, kleine, geheimnisvolle Türen durchbrochen. Aber auch hinter ihnen trennen noch drei Vorhöfe den Eintretenden von dem Allerheiligsten; der Hof der Frauen, der reinen Männer und der der Priester. Auch hier eine unabsehbare, andächtige Menge, ein Meer von Gebetriemen. Am Ende des Raumes, an der Treppe zum zweiten Vorhofe, steht eine Anzahl in weiße Gewänder gehüllter Leviten; sie singen Psalmen und als . ein gewaltiges Echo hallt ihnen die. Stimme der Menge entgegen, die den Gesang aufnimmt. Die Frauen dürfen über diesen Hof nicht hinaus. Aber für sie gibt es eine vergitterte Terrasse von der aus sie das Opfer mit ansehen dürfen. UM zu ihr zu gelangen, muß Man an dem Saal vorüber, der der Sekte der Naziräer eingeräumt ist. In grobes Sackleinen haben sie sich verhüllt, von dem langen Fasten magere und abgezehrte Gestalten stehen dort mnher und rasieren sich gegenseitig den Schädel; die Haare werden in einen rauchenden Kessel mit wohlriechenden Harzen geworfen und so der Gottheit geweiht. Ein peinlicher Geruch von verbranntem Haar mischt sich in den Dampf der Harze. Dahinter aber betritt man die Frauenterrasse. An dem goldenen Holzgitter Lehnen neugierig die Jungvierheirateten, die zum erstenmal dem Opfer beiwohnen dürfen. Sie blicken hinein in das Heiligtum, wo vor dem großen Opferaltar die Priester ihres Amtes walten. Eure gewaltige Flamme schlägt lohend empor; der Bo§en aber ist über und über mit warmem purpurroten Blute bedeckt, denn ohne Pause wird hier geschlachtet und geschlachtet. Die Lämmer kommen in Herden zu je vierundzwanzig, die Leviten ergreifen sie an den Ohren, der Kopf wird ihnen zurückgebogen und das Messer dringt in die Kehle. Unablässig rinnt so das Leben in warmem roten Strome in das Goldbecken. Weißgekleidete Priester reicher: die Schale von einem zum andern, sie sorglich schüttelnd', damit das Blut nicht gerinne, ehe es zum Feuer kommt. Andere Geistliche leeren Schalen mit Fett in die Flammen, und das Feuer verschlingt Blut und Fett mit einem dumpfen Zischen. Am Abend aber bringt der Familienvater den harrenden Angehörigen das - Lamm zurück, dessen Blut der Herr getrunken und dessen Fett er genommen hat. Herodes befahl einmal den Pilgern, von jedem geschlachteten Lamm die Leber beiseite zu legen, und mau zählte beim Pessachfeste nicht weniger als 600.000 Lebern. 600.000 Familien, die zu diesem Feste in der heiligen Stadt anwesend waren, Mann. Frau und Kinder, also wohl rund drei Millionen Menschen, die am Osterfeste in Jerusalem zusamtmen kamen. Ier Keist des weißen Waööi. Auf dem belebten Sachsenplatz neben dem monumentalen Barockbau, in dem noch vor kurzem der russische Generalstab domizilierte und der heute der deutschen Kommandantur als Wohnstätte dient, hält eine große Schar von durchziehenden Gefangenen kurze Rast. Sie sind von vielen Neugierigen umringt, die die müden Russen mit Zigaretten, Brot und Obst bewirten. Einige versuchen es, mit den Gefangenen eine Unterhaltung einzugehen. „Was geht nur mit euch, vor, Brüder?" fragt einer aus dem Publikums halb mitleidig, halb höhnisch, „warum schlägt Man euch denn so aus allen Schlachtfeldern?" Der Soldat, ein russischer Bauer mit braungebranntenr, stupidem Gesicht, kaut abwesend und ruhig sein Brot und antwortet dann'mit dem Fatalismus der gefangenen Russen, für die der Krieg abgetan ist: „Da ist nichts zu machen. Er, da oben, führt selbst gegen uns Krieg." „Ruse nicht den Namen Gottes umsonst an," fällt ihm ein Kamerad, wie es scheint, aus der gebildeten oppositionellen Jugend, ins Wort. „An alldem sind nur unsere Offiziere schuld, unsere korrupre Beamtenschaft. Wir gemeinen Soldaten werden vor die Schlünde der Kanonen getrieben, während sie selbst weit vom Schuß die großen Herrerr spielen und sich am Unglücke des Volkes bereichern." „Nein, es ist nicht das," ereiferte sich ein riesengroßer, vollbärtiger Soldat,- der typische Bauer vom Wolgauser. „Es liegt nicht daran, schuld. an alt unserem Mißgeschick ist ganz alleinder Geist „des „alten Juden mit dem langen weißen.Bart."