Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 12 (22.3.1918)
- Date
- 1918-03-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sk. 12 Eür. MM's WoHenfchrift Zeit« L7A zu Wer! Dezennien jüngeren Freund, gegen, um ein .Dichterwort zu brauchen, „unseres Volkes besten Toten", gegen Wilhelm Anninger. Was sie in mir, dem nicht gerade Weichmütigen, so stark hat werden, so tief hat greifen lassen, ist nicht Nur her Verlust des vortrefflichen Mannes, mit welchem mich- .eine gleiche Gesinnung -und eine vielfach gemeinsame Betätigung in. öffentlichen Angelegenheiten zu einer ehrlichen und herzlichen Freundschaft verbunden hat,, sondern und vielleicht. noch, viel mehr die herbe Zugabe %u dem mehr oder weniger immer zweifelhaften Geschenke eines hohen Alters, daß nämlich der damit Beschenkte notwendig seine Freunde, seine Mters-, Gesinnungs-, Kampfe und'— der Jude darf wohl sagen — Leidensgenossen überlebt,/es rings um ihn leer wird, daß er schließlich allein steht, .gleichsam ein. Fossil aus einer Zeit, welche für die Gegenwart schon längst Vergangenheit geworden ist. Und so knüpft auch der Tod dieses^ Mannes an den jener Reihe von Männern ay, denen ich mich seinerzeit vor mehr als 25 Jahren zu dem Kampfe gegen die antisemitische Bewegung angeschlossen und die fast alle zu betrauern mir beschieden ward. Ausruferk Möchte ich mit Grillparzer: „Fällen seh' ich Zweig auf Zweige, Kaum noch hält der' morsche . Stamm", und der Zweig, den wir aM Sonntag in die Erde gesenkt haben, war ein. vortrefflicher — Anninger war - aus seinem eigenen Besten , heraus zu einem wahren Edelreis geworden. .In dent -großen. Kreise, innerhalbwelchem er sozial und geschäftlich verkehrte, war es von Anfang an mit Interesse verfolgt worden, wie der junge Mann aus der kleinen -Provenienz einer böhmischen Judengemeinde, kaum daß er die bescheidene. Stellung eines Garnagenten erreicht hatte, von Erfolg zu Erfolg geschritten, wie jeder seiner Schritte einen Fortschritt auf seiner Laufbahn bedeutete, .wie mit iedem seiner finanziellen Erfolge auch seine Persönlichkeit gewachsen ist, bis er geworden, wie wir alle ihn gekannt haben: ein ganzer Mynn, ein voller Mensch und eine vornehme Persönlichkeit. Jawohl, an Anning er war nichts Halbes, Nichts Menschliches war ihm fremd, und feine Vornehmheit war keine äußerliche, keine bloß repräsentative, sie beruhte auf der denkbar besten Grundlage, auf einer wahrhaft vornehmen Den- Lungsweise. Annin ger war kein Büchermensch, die Literatur war ihm fremd; er schöpfte nicht vom bedruckten Papier, aber aus seinem Wesen heraus war er das geworden, was sonst nur der höchsten-Durchbildung zu erreichen gegönnt ist — er war ein durchaus i harmonischer Mensch, Kopf und Herz waren bei ihm immer in stetem Einklang. Fest ohne Härte, gut ohne Schwäche, traf er auf seinem Lebenswege immer die richtige Linie, in seiner privaten, wie auch auf. dem — wenn auch kleinen Gebiete seiner öffentlichen Tätigkeit, wie beispielsweise neben Franz Migerka.als Präsident, als VHepräsident und eigentlicher Leiter des größten aller Wiener, nämlichdes Kaufmännischen Vereines, den er durch Klugheit und Takt vor jeder antisemitischen Einströmung zu bewahren gewußt, hat. Latein war ihm - so fremd wie chinesisch!, aber instinktiv handelte er nach der besten Sorte von Männern, die je Latein i geschrieben haben: „in necesariis voluntas} in dnbiis! libertas, in omnibus charitas“, das will sagen, in entj scheidenden D-ingen festen Willens^ in noch nicht entschiedenen von liberalster Zugänglichkeit, geleitet stets von Menschenfreundlichkeit. Das alles ist wohl-auch mit anderen Worten an seinem Sarge oder an feinem Grabe ' "-gesagt worden, ich möchte darum aus meinem eigenen kargen Wort- und Gedankenschatze nur noch, eines hinzufügen: Mit seinem Vermögen,, -das er durch Fähigkeit, Tätigkeit und in me versagender, kaufmännischer Feinfühligkeit erworben, reichte er Wer die dnrchschnütliche Wohlhabenheit unserer Wiener Indem wech hinaus, reichte näher den Spitzen zu; aber in. seinem sozialen Gefühl, war er immer ein Mann des jÄffchen Mittelstandes geblieben, er strebte nie. in jene Höhen, in welchen so oft die. „Noblesse" den Mangel an vornehmer Gesinnung nicht verdeckt. . Das. von ihm geführte Prädikat kaiserlicher . Rat war ein solches.seines Amtes, als Laienrichter, auch, nicht das kleinste Titelchen sonst verkleinerte den selbst.errvorbev nen Ramen. Dieses fein Solidaritätsgesühl war auch der Grund seiner Anhänglichkeit an die,L)esterr.-Jsraelitifche Union", die als Kampforganisation gegen, den Antisemitis'mus naturgemäß eine Institution vorzugsweise der von. der antisemitischen Bewegung, besonders betroffenen jüdischen Mittelschichte sein muß. Er. war wiederholt baldihr' Präsident, bald ihr VHepräsident gewesen und hatte die Präsidentenstelle zuletzt schon leibend' wieder übernommen, als. der Schreiber dieses durch seine Blindheit sich veranlaßt sah, sie zurückzulegen, darum. wird auch in diesen Kreisen die Trauer über sein Hinscheiden eine so tiefe und aufrichtige sein; er war ein vermittelndes Element und ist gestorben lange, bevor er sein Leben voll ausgelebt hat. Diesem Schlage müssen wir uns fügen, sterben müssen wir alle: ... „Nach ew'gen, ehrnen, . . Großen Gesetzen . Müssen wir. alle .... Unseres Daseins Kreise vollenden." Und so wird" auch, eher früher als später, der Tag kommen, da an derselben Stelle des Blattes vielleicht eine andere Feder Worte sprechen wird, von denen der Schreiber von heute ebensowenig Kenntnis erlangen, wird, als mein verstorbener Freund Anninger von jenen erlangt, die ich chm heute von ganzer Seele widme. Und von unseres Daseins schnell verlöschter Spur wird nichts bleiben als die kurzlebige Erinnerung der Zeitgenossen an Männer, die zwischen Gebürt und Tod gelebt und gestrebt haben. Diesem, das Gefühl unstreitig bedrückenden Gesetze des ewigen Vergehens steht glücklicherweise ein anderes, der: Denkenden befreiendes gegenüber, jenes nämlich, daß der ewige Fortschritt — und er ist ein ewiger — nicht oder nur in geringem Maße von den einzelnen Personen abhängt, sondern von den Ideen, die erstanden, sich auch durchsetzen. Sind doch auch selbst die sogenannten'historischen Männer immer nur die Vollstrecker der Ideen ihrer Zeit. Und so können auch wir Juden mit Sicherheit hoffen, daß uns nie die Männer fehlen werden, welche — die einen mit den Waffen des Geistes und des Gedankens, die anderen mit ihren Mitteln , und wieder anbtxt mit ihrem guten Willen — den Kämpf um unser, volles Recht, um unsere volle Gleichberechtigung weiterführen werden bis zum Siege. Daß er nicht ausbleiben wird, das lehrt uns . die Geschichte. An anderer Stelle habe ich den Aufstieg gezeigt, den die Inden.bis zum zwölften und dreizehnten Jahrhundert erreicht haben, wie dann eine Wendung eingcb treten, die bis ungefähr in der Zeit vor dem Dreißig-- jährigen Kriege zu einer vollständigen Dekadenz ^geführt har. Wer auch wie diese Juden in dem Momente, als die durch den Dreißigjährigen Krieg hervorgerusenen Verhältnisse ihnen freien Raum,, neue Bewegung gewährten, den Aufstieg von neuem begonnen, den. sie unentwegt bis MM heütigen Aage fortgeseA haben. - Von Freund und Feind-ist über, die wunderbare- Elastizität, welche die Inden. Mhei gezeigt haben, viel gesagt