Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 44 (16.11.1917)
- Date
- 1917-11-16
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3022248-3022293--26444-3051803- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 4-1 : Dr: Bloch's Wochenschrift Lette 7:ck jm Auslande Verwandte habe, bei denen sich Rahel nach ihrer Rettung üüfhaltew lohnte. Und als er hörte, daß Reb'b Michael einen Bruder in Amsterdam habe, war er erfreut. — Nun befahl Rabbi Löw den Eltern, die nächsten drei Tage hintereinander zu fasten und. nur am Abend zu essen; ferner, daß sie an. diesen drei Tagen Buße tun, Gebete verrichten und Psalmen anstimmen. Ferner sollten sie einen Lasten und einige Vertrauenspersonen ber-nheLleri, um jeden Augenblick mit ihrer Tenner 'nach Amsterdanr fliehen zu tonnen. »Tie Eltern taten alles? wie es ihnen der Rabbi befahl. Sie fasteten, taten tiefe Buße verrichteten Gebete. Sie hatten die Vorahnung, daß sie ihre RahÄ bald sehen würden. Und in'diesen drei Tagen, da die Eltern fasteten und ihre Gebete zum Himnrel verrichteten, begann Rahel brennende Reue und lechzende Sehnsuchtnach; ihren Eltern zu verspüren. Sie dächte darüber nach, wie untreu sie ihren guten Eltern gegenüber, gehandelt hatte, wie diese um sie jammern müßten, und sie bemitleidete sie aus. ganzem Herzen. Noch war sie rein, und -sie hatte die Kraft, ihren Schritt zu bereuen. Rahel weinte. . . . Auch in den folgenden Nächten war dies der Fall. Sie hatte Visionen und sah ihren Vater, ihre Mutter, mit tiefer'Munde im Herzen, bald .sie verfluchend, bald wieder mit gebrochenen, abgehärmten Tugen sie anblickend. Sie fühlte sich auf einmal elend, grenzenlos verlassen^ seelenmüde. ... Als Taddäus eines morgens bei ihr erschien, ihr verstörtes Aussehen bemerkte und sie über die Ursache be-. fragte, gab sie Unwohlsein als solche an. -Indessen trat für die Rettung Rahels ein unerwartet günstiger Zufakl ein. ' TaddäM der ' sich' nur äußerst selten von zu Hause entfernte, folgte jetzt einer Einladung zu seiner Theologentagüng in Krakau. Vor seiner ^Abreise schärfte er dem Klosterdiener Waclaw.ein, während seiner Abwesenheit besonders aus der Wacht zu sein und leine fremden Personen in den Klosterhof einzulassen. Denn er fürchtete, daß die Eltern Rahels seine Abwesenheit dazu benützen würden, um Rahel aus dem Kloster zu entführen. Als Rabbi Löw von der Abreise Taddäus' erfuhr, ließ er gleich den Golem zu sich kommen und sprach zu ihm: „Wisse, Josef, daß dir jetzt eine große Aufgabe zufällt: dje Rettung einer ihren Eltern entführten jüdischen Tochter. Eingedenk des Eides, mit denk ich dich beschwor, befehle ich dir, alle deine Kraft dafür auszubieten. Diese Wische Tochter heißt'Rahel und sie befindet sich in einem versteckten Zimmer ckm! Dominikanerkloster. Du sollst in der kommenden Nacht das Mädchen dort ausfindig machen und ihr diesen Brief übergeben. Wenn sie den Brief zu Ende gelesen haben wird, dann sollst du diesen Sack öffnen 'und sie darin in ihr Elternhaus bringen." 'Er übergab nun dem Golem einen Papierstreifen und einen großen-Sack. /'Der Papierstreifen hatte folgenden Inhalt: „An meine gute Enkelin Rahel. Ich, Dein Großvater Schalom, komme vom Himmel zu Dir, um Dich von hier zu retten. Schnell begib Dich in den Sack und ich bringe Dich zu Deinen Eltern, die Dich mit Sehnsucht erwarten." Nun versah er den Golem noch mit einem Amulett, welches ihn unsichtbar machte, und schärfte ihm noch- . mals ein, wie er seine Aufgabe erfüllen solle. " Der Golem erfüllte seine Mission glänzend. . .;Es war gegen 2 Uhr nach. Mitternacht.' Die Eltern Rahels, 6ie fortwährend die von Rabbi Löw. in Aussicht gestellte Ankunft ihrer Tochter gewärtigten, sahen plötzlich einen Sack aus Rahels Bett austauchen, aus dem ein am ganzen . Körper bis in die Fußspitzen zittexnNes Frauenzimmer entstieg. ~: ■ Es war Rahel. Wer vermag die Freude der Eltern zu schildern? Vater und Mutter küßten ihre Tochter wie wahnsinnig: sie erschien ihnen wie dem Grabe entstiegen, wie der Unterwelt entronnen. Aus die Frage, wer sie aus dem Kloster genommen habe — dies wußten auch die Eltern nicht —•, antwortete Rahel, das Briefchen zeigend: „Der Großvater vom Himmel." Die Eltern glaubten daran und meinten, daß Rabbi Löw, der als Wundertäter bekannt war,- ihren Vater aus dem Jenseits zur Rettung ihres Kindes heraufbeschworen habe. .Auf dem blassen Anlitz. Rahels waren die Spuren der stürmischen Tage deutlich sichtbar. Aus ihren Augen, strahlte jedoch harmonische Zufriedenheit. Als sie -sich nach einiger Zeit beruhigt hatte, flehte Rahel, ihr Antlitz in beide Hände verbergend und bitter weinend, ihre Eltern um Vergebung des großen Fehltrittes an. Diese verziehen ihr die ihnen zugefügte kränkende Schmach. iUeberdies befragten sie sie über ihre Erlebnisse, seit, sie ans ihrem Hause verschwunden war. Inzwischen erinnerte sich der Vater Rahels an den Befehl Rabbi Löws, gleich nach Amsterdam. zu flüchten. Rebb Michael sagte zu seiner Gattin: „Es ist nicht an _ der Zeit, sich mit unserer' Rahel zn unterhalten: küsse sie und wir müssen gleich mit ihr nach Amsterdam abreisen." Nach einigen Minuten bestiegen Rebb Michael, Rahe! und zwei Hausfreunde einen zweispännigen Wagen und reisten ab. ‘KtLvütM. '" - Eine biblische Anschauung in soziologischer Beleuchtung.. Von Rabbiner Dr, B. Hertz, . - Die junge soziologische Wissenschaft hat das ehrliche Bestreben, in das Dunkel der prähistorischen Zeit Licht hineinzutragen und die allgemeine Menschheitsgeschichte soziologisch und ethnologisch zu analisieren. Alle Hohen und Tiefen in der Entwicklung dev soziologischen Gesellschaft werden von dieser jungen Wissenschaft durchforscht, und es liegt nur in der Natur der Sache, daß neben der erakten Forschung auch die Hypothese, das Wahrscheinliche, einen weiten Spielraum einnimmt. „'Von der Hacke zum Pflug" betitelt sich ein kleines, interessantes Büchlein, das der bekannte Ethnologe E. Hahn herausgab,*) das meines Erachtens aber der Hypothese zu viel Spielraum . läßt. Die Frage, die der Verfasser hier aufwirst, dürfte ein jedeir Dibelkritiker, soweit biblische Argumente hier herangezogen werden, verschiedentlich beantworten. E. Hahn geht in dieser seiner Schrift von folgendem biblischen Satze aus: „Erstes Buch-Moses. Kap. 2, Vers. 8“: ..Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Morgen und fetzte den Menschen drein, den er g macht liatre". Und Kav a, Vers ü8: „Ta ließ ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, daß er das Feld baute, davon er genonrmen ist". . „Natürlich", sagt Hahn, „war das bei dem großen Einfluß, den die jüdische Tradition durch so lange Jahrhunderte auch auf den ganzen Westen ausübte,, nur dadurch möglich, daß die Erzählung sich mehr in Andeutungen Hielt, als daß sie wirklich beschreibend verfahren wäre. So galt Ad.am.für die naive Tradition unseres Mittelalters eigentlich immer^?als ^in © ä s t n e t." Die Vorzugstellung des Gartens und-die Hintenansetzung hü Landwirtschaft . sei eine biblisch-babylonische Anschauung, die /in -Wirklichkeit illlber nicht der Fall war. Sondern erst das Feld und dann der Garten! Nicht Adam, deduziert Hahn,, war der erste Gärtner, der die Erde grub,., während Eva spann, sondern Eva war vielmehr die erste Gärtnerin, weil die Frau nach unserer Anschauung in der Bodenkultur dem Manne vorangeht! Gewiß steht der Kritik das Recht zu, an die Bibel ihre Sonde anzulegen; der kindliche Glaube an Adam und Eva ist seit Darwinstark erschüttert. Allein die naive Erzählung von AdaMtzu nd Eva wissenschaftlich zu verwerten und aus ihr ein soziologisches -oder ethnologisches Problem zu gestalten, ist doch mehr als eine Hypothese! *) „Von der Hacke zum Pflug", von Prof. Dr. Ed. Hahn. Verlag Quelle u, Meyer, Leipzig,