Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 42 (2.11.1917)
- Date
- 1917-11-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Seite 69Z Nr, 42 Dr. Bloch's - - Er stellte an den Erstangeklagien, Abraham Chaün, die. Frage, ob es w.a!h!r sei, daß er vor dem jüdischen Pessachseft Christeüblüt für daD> Osterbrot verteilt habe. . Abraham' Chaim antwortete demütig mit leiser, aber ruhiger Stimme: „Nein!" . Nun kam der Zweitangektagte, der stumme Namenlose, zum Verhör. - , Der Vorsitzende ncch!M einige kleine, mit roter Flüssigkeit gefüllte Fläschchen und frug den Angeklagtem ob er solche Fläschchen getragen habe. Dieser meinte, es! sei eine Art Branntwein, daß nmn also fragt, ob er solchen trinken wolle. Er winkte bejahend mit frohen Zügen und legte den Finger.an den Mund. Daddäus machte eine Bemerkung, daß dieser Mann die Wahrheit gestehe, indem er noch,' den Finger an den Mund legend, seine Aussage dahin ergänzte, daß man. diese Flüssigkeit zum Essen verwendete. Did-nm Auditorium anwesenden Judenfeinde stimmten dieser' Ansicht zu. Der Verteidiger trat dieser Bemerkung entgegen. Er nahm'ein Messer in!dieHqnß, das er an seinen Hals legte, deutete auf Rabbi Löw und' auf die Fläschchen und frug so heu stummen Angeklagten, ob er von einem Mord und von Blutfläschchen Kenntnis' habe. Dieser erbebte bei dieser Frage' und wendete den Kopf verneinend hin und her. Taddäus Meinte hingegen, der Angeklagte glaube, er Würde gefragt, ob man den Rabbi schlachten solle, daher deutete er verneinend. Zwischen Taddäus und dem Verteidiger kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung, und der Verhandlungsleiter sah' sich gezwungen, beide zur Ordnung zu rufen. Nun wurde die. Kronzeugin Tina vorgerufen.-. Sie schaute sich im Saale um, betrachtete den Rabbi mit einem. verhöhnenden Blick .und begann sofort ohne Verlegenheit ihre gräßliche und grausame Aussage. Sie-wiederholte das^ was sie deM Kardinal zu Protokoll gab. Dia frug sie der Verteidiger: „Kennst du gut die Rabbinatsdiener, die bei deinem Vater mit den Blutfläschchen erschienen sind?" Tina antwortete,, auf die beiden'Angeklagten mit den Fingern zeigend, ganz gefaßt und lachend: „Da sind sie ja. Ich hätte sie sogär in. per Finsternis! erkannt." Der Antrag'der Verteidigung, chren Vater vorzuladen, wurde mit dem Hinweis! abgelehnt, daß dieser schon von Amts' wegen geladen wurde, doch konnte die Vorladung 'nicht zugestellt werden, weil er inzwischen von Prag fortgezogen und sein neuer Wohnort unbekannt sei. Eine Zeitlaag herrschte im Gerichtssaäle tiefe Stille. Eben wollte der öffentliche Ankläger seine Rede beginnen, als plötzlich, durch die offenen Fenster Straßenläjvm hörbar wurde. Es geschah' wirklich etwas Seltsames. Ter. Golem, der richtige, stumme Diener des Rabbi, erschien.plötzlich , mit einem Wagen, auf dem eure weibliche Gestalt., saß< . . . Es Mar di^..Sabb.atgoje. . Josef hatte mit seinem Goleminstinkt. zuguterletzt ihren Aufenthaltsort festgestellt; er übergab.ihr den Brief der Dienstherrin Mit dem Gelbe undsie entschloß sich, bald mit ihm nach Ppajg! zu fahren. Als Joses in hie Wohnung des! Rabbi kam und erfuhr, daß dieser bei der G er ich tsv erhandlung sei, sprang er sch nell auf den W agen und fuhr!vie ein Teufel zuM Gerichtsgebäude. Er erregte eine Pänchüdenndie.'Leute fürchteten, er fahre über'sie hinweg, und gaben ihrem. Entsetzen schreiend 'Ausdruck. Wochenschrift Um die Ursache des Aufruhrs fragend, erfuhr man. int GerichtssaaM daß der stumme Diener des Rabbi mit - der Sabbätgoje eingetroffen sei. * ' Der Vorsitzende gab Befehl, die beiden Angekommenen gleich in den Verhandlüngssäal hereinzuführeM Da erblickte Josef GoleM den Rabbi; er lief mit Freuden auf ihn zu und teilte ihm in eigentümlicher und unbändiger Weise den Erfolg seiner Mission mit; gleichzeitig stellte er die Sabbatgoje vor. Alle Anwesenden brachen in ein donnerndes Gelächter aus.. Rabbi Löws Augen glänzten. Taddäus und Tina blieben jedoch, wie Mumien stehlen. So wurde die entsetzliche verbrecherische Verleumdung aufgedeckt. Rabbi Löw erzählte, was er aufgeboten habe, um den Fall aufzuklären, und sein Bericht wurde mit größter Spannung vom ganzen Publikum und den Gerichtsherren ' angehört. ' An Stelle der beiden Rabbinatsdiener wurde Tina zu sechs Jahren GefLn-Wis verurteilt. — Taddäus jedoch begab sich tief bestürzt nach Hause. Tie Juden irr Prag feierten damals ihr Wochenfest mit einem Enthusiasmus, wie noch nie zuvor. Kriefkasterr. Roter Moste» Dawid. Auf Ihre Anfrage, was aus dem Roten Mögen Dawid geworden sei, diene Ihnen zur Antwort, daß, als sich die Schweizer Zentrale dieser überaus wichtiqenAktion in Oesterreich um die Gründung eines Landeskomitees bemühte, alle maßgebenden Faktoren und leitenden Persönlichkeiten unseres jüdischen Gemeindolebens, sowohl die linkswie die rechtsstehenden, ablehnend verhielten. Dabei handelte es sich um nicht mehr und nicht weniger' als um die „jüdische .Seelsorge für jüdische Kriegsgefangene und Internierte", wobei unter „Seelsorge" naturgemäß hier eine Aufgabe von weitestgehender Bedeutung verstanden werden muß, während doch schon der Gedanke an unsere eigenen Kriegsgefangenen und Internierten im feindlichen Ausland diesem Gegenstände die Herzen hätte gewinnen sollen. Herr Rabbiner Dr. Grunwald, der ohnehin seit Kriegsbeginn auch der ^Fürsorgefür diese Kategorien von Kriegsbeschädigten, wie es sein Amt mit sich brachte, sich gewidmet hatte, übernahm nun, trotz der passiven Haltung aller jüdischen Kreise Wiens, noch die Agenden eines österreichischen Landeskomitees vom Roten Mögen Dawid, wobei er in bestimmten Fällen durch das ,in aller Stille erfolgreich wirkende; Komitee zur Beschaffung ritueller Pesachkost für russische Jntevnierte und Kriegsgefangene Unterstützung erfuhr. Alle von der Zentrale in Zürich an Herrn Dr. Grunwald gerichteten Anfragen über den Verbleib und das Befinden von Kriegsgefangenen und Internierten feindlicher Staaten bei uns in Oesterreich werden, soweit es irgend anaett. pünktlich .erledigt. Auch sonst wurden, den Gegenstand betreffende Auskünfte erteilt, für die Pessachtage aus der Schwe z Mazzot, für Sukkot Feststräuße besorgt und andere Ritualien nicht allein für die bei uns durch den Krieg kleidenden Ausländer, sondern auch für 'unsere Staatsangehörigen in Italien. In einzelnen Fällen wurde mit Schützlingen dieser Art persönliche Fühlung genommen. Ungemein zahlreich waren bisher die Gesuche um Lektüre n. dergl.,: die, an. das hiesige Zionrstische Bureau oder an andere jüdische und nichtjüdische Stellen gerichtet, von diesen an Herrn Dr. Grunwald überwiesen wurden. Die erheblichste Schwierigkeit in der Durchführung dieser Aufgaben besteht darin, daß zahlreiche Kriegsgefangenen- und Jnternierten- Lager von einer jüdischen 'Gemeinde so weit entfernt.sind, daß von Wien aus die Hilfe eines Rabbiners oder Gemeindevorstandes, der Nachbarschaft nicht angernfen werden kann. Auch gibt es Kriegsgefangenen-Lager, die - bisher noch non keinem Mischen, sei es Zivil- oder Militärseelsorger, pastoriert wurden. Eme dahin"zielende, von Wien aus veranlaßte Vorstellung der Schweizer Zentrale bei unserer Berner .Gesandtschaft wurde durch unsch Kriegsministerium dahin beantwortet, daß für die Pastorierüng der Kriegsgefangenen durch Militärorgane vorgesorgt sei. Um hier Aufklärung und Abhilfe zu schaffen, versuchte Herr Dr. Grunwald rnr Einverständnis mit der Knltusgemeinde, hie, Rabbiner Wiens und dann ganz 'Oesterreichs zu gemeinsamem Vorgehen in dieser Fürsorgeaktion zu vereinen. Aus Gründen, von deren Erörterung hier abgesehen werden Mag, hat dieser Plan bisher keine greifbaren Erfolge zeitigen können. Beschämend : für unsere Zustände sind die.Berichte der Züricher Zentrale vom Roten Mögen Dawid über die Art, wie anderwärts dieser Zweig, dev jüdischen Seelsorge gepflegt wird. - '