Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 42 (2.11.1917)
- Date
- 1917-11-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 698 Ar. BWH's Er schickte über vertraulich eine Abschrift dieses Protokolls an Rabbi L ö w und riet ihnr, .-dem Faden der Lüge rechtzeitig 'MchzuspAren,,! -hauptsächlich abgr das mysteripf^ Verschwinden her Sabbatgoje auszuklären. - Das verleunrderische Gerücht verbreitete sichblitzschnell in der gangen. Stadt und, die Juden waren nicht ohne ermste Besorgnis. Ms Rabbi Löw das Protokoll samt dem Schreiben des KarLinals schielt, war er tief betrüht. Er las das Protokoll der abtrünnigen Jüdin einigemal mit Bedacht durch und erwog in Gedanken, daß —1 da die Angelegenheit schon zur Kenntnis' der Behörde gelangte — zunächst seine beiden treuen Diener, Abraham Chaim und der Golems nachts überfallen und gefesselt in den. Kerker kommen werden. Er dachte nach, was er nun zu tun habe. Dann fiel ihm ein, daß die Taufkandidatin kaum Josef Golem gut kennen würde, weshalb ihm die Möglichkeit geboten erschien, einen ähnlichen Stummen austreiben zu lassen, ihn in die Gewärrder des! Golem zu stecken und zu veranlassen, daß er in der Rabbinatsstube auf der Schlafstätte des! ^Golem nachten solle. Nienmnd wußte die Ursache. Dem Golem aber befahl er, als christlicher Lastträger verkleidet, wie immer auf der Lauer zu sein. Tie bloße Vermutung des! Aabbi wurde zur Wirklichkeit. Nachts überfielen mehrere Polizeibeamte das Haus des Dieners Abhalhjajmj Chaim> führten ihn gekettet in den Kerker und andere drangen in die Rabbinatskanzlei ein, wo!man mit dem vermeintlichen stummen Diener ebenso verfuhr. Rabbi Löw war Mer den Verlauf der Dinge zunächst tief erschüttert. -Er fürchtete, daß man auch zu seiner Verhaftung schreiten würde, wodurch jede- Aufklärungsarbeit, betreffend das Verschwinden der Sabbatgoje unterbun.dLÜ.wäre„..„. . ■? * ■ '■ :W.:.;r?, Auf Ieine Anordnung verrichteten die geängstigten Gemeindemitglieder in den Synagogen und Bethäusern inbrünstige und erschütternde Gebete und Man rflehte zu Gott nrit wehmütigem Herzen, die bedrängte Genreinde vor der drohenden Gefahr zu retten.. Es vergingen einige Wochen und Rabbi Löw war es nicht gatungen, die Sabbatgoje ausfindig zu machen. Bald darauf erhielt er , auch die Vorladung zu der gegen die beiden Rabbinatsdiener, Abraham Chaim und -den Mimnen Namenlosen, bestimmten Verhandlung; sie fiel auf die 86lil08ed68 jeme liaAbala (wörtlich: „drei Tage der Vorbereitung" es sind dies die letzten drei Tage vordem „Wochenfest"), bis zu welcher Zeit noch ein - Monat war. Rabbi Löw wurde Zwar nicht als Beschuldigter, sondern als Vertreter der Gemeinde geladen; er sah aber mit Zittern und Zagen dem Gerichtstag entgegen. Wußte er ja, daß, wenn es! ihm nicht-gelinge, bis zur Verhand?- lung diese Affäre aufzuklären, aucher, ja das ganze t Mische Volk und die heilige 'Mische Lehre auf die! Anklagebank tz^errt würden. ' Wenn er doch bloß'einen. Ausweg wüßte, die Ver- -handlung weiter hinauslzNschieben, uni.mehr Zeit zu gewinnen! Davon konnte aber keine Rede fein. Er ließ daher die-kurze Zeck bis zur' Verhandlung nicht untätig vorMergehen? .? / ‘ ( . Er leitete im Stillen durchfeine Intimen Nachforschungen--ein, uM den Aufenthalt der verschollenen' Sabbatgoje ausfürdig zu machen. - '(fef verfolgte' jeden' Anhaltspunkt, Mer Man fand keine Spür. Wohl war!von vier Dörfern in der; Üistgebüng Prags eines mit Be-> stimMtheck als der rHeimatsort-der Verschwundenen-ünznnehmen, aber die Leute, die RabbiLöw' dorthin entsandte, sandeir von ihr keine Spur. . Wochenschrift Ar. 42 Was war nun antzufaiMn? Das erstemal im Leben empfand Rabbi Löw Verzweiflung und Arbeitsmüdigkeit. Endlich nahm er den Golem in Anspruch. - ,;f(: Er fragte ihn> ob! er die Sabbatgoje gekannt habe. Der Golmn schüttelte ' 'bejahend den . Kopf. Nun erzählte ihm Rabbi Löw die ganze Geschichte und machte ° ihn auf das gefährliche Verhängnis' ausMerksäM, das dem ganzen jüdischen Volke drohe, wenn die Sabbatgoje bis zur Verhandlung in Prag nicht eintreffen sollte. -Er befahl daher dem Golem folgendes„Du, Josef, sollst die Sabbatgoje heraussuchen, mag sie wo immer sich befinden; Mergib ihr diesen , Brief und bringe sie unter allen Umständen zurück." Er schrieb einen Brief iM Namen der Dienstgeüerin der Sabbatgoje (freilich! hatte diese von dem' Briese keine Ahnung), der folgenden Inhalt hatte-und dem er fünsnndzwanzig Gulden beischloß: „Der verlorene Ringist wieder gesunden worden. Ich- ' bitte Dich vielmals um > Entschuldigung, daß ich Dich^ unschuldig 'verdächtigt habe? Du warst mir treu, daher habe ich gegen Dich nicht gut gchandelt,. daß ich Dich des Diebstahls beschuldigte. Ich bitte . Dich - gleich nach Erhalt dieses? mit dem Ueberbringer dieses Schreibens nach Prag zurückzukommen. Dir Kinder bangen sehr um Dich!,and erwarten Deine baldige Ankunft. Wir werden Dich nun erst zu schätzen wissen,, weck Du mrs! ungemein gut warst. Wir schicken Dir für Reisekosten ' fünfundzwanzig Gulden. . . Rah e t." . Nun kleidete er den Golem in. Bauerngewänder und befahl ihm, unv erweckt ans Werk zu gehen. . Indessen rückte der Verhandlungstag heran, doch vone Golem und her Sabbatgoje war keine Spur. , Rabbi Löw war tief verstimmt; er konnte.seine Aus--? ^regung kciünr veDergD."''Am^Bortage derVVerhandlung ordnete er einen strengen Fasttag an, ferner, daß die ganze Gemeinde bei Morgena.nbruch in der großen Synagoge sich versammle, um im Gebet vom Himmel Gnade und Erbarmen in der Not Zu erflehen. Am VerhandlungOage erschien er frühmorgens in der großen Synagoge, wo — wie am Versöhnungstage — die ganze Gemeinde versammelt war; er ermähnte sie zur Buße und zur gegenseitigen Vergebung. Es war ein regnerischer Tag. Die Natur bewies ihre Anteilnahme an dem Schmerze der jüdischen Gemeinde. Die dröhnenden Schläge der Glocken in den Türmen der Kirchen verkündeten, daß heute ein großer „religiöser > Tag" sei.? Vor dem Gerichtsjgebäude versammelte sich eine un- - zählbare-Menschenmenge. ' - Bald.schritten die Richter, vor ihnen ein Gerichtsdiener mit einem Mtenbündel, surchterregenden, raschen Schrittes dem Verhandlungssaale zu. . - Als'Taddäus mit der Kronzeugin beim Gerichts-' gebäude vorfuhr, bereitete,ihnen die Menge stürmische Kundgebungen. . - Nacheinigen Angenblicken erschien auch Rabbi Löw, in- Begleitung des Gemeckidevörstehers Mordechaj Mel-? sels und sie wurden mit den Rufen . „Christenmörder!" ' , unter Johlen und Schreien empfangen. Es. war nur der Vorsorge der Bchörde zu - danken, daß sie von der Menge nicht gelyncht'würden. G >?!- .? - Nun verkündete ein Glockenschlag die' Eröffnung der Verhandlung: .? /? - - - Ter, Vorsitzende las mit ernster Mienedie ^Anklageschrift vor, nach welcher die. beid'en 'Rabbinatsdiener, Abra-' Häm Chaim und der stümme- Namenlose, des Christellnrordes beschuldigt wurden,!•:??=j f? , -i-