Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 39 (12.10.1917)
- Date
- 1917-10-12
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 650 zige und Wohl die. letzte HpWnung. Sie verlieh ihm unbeug-i samen Stolz trotz aller Demütigungen und umgab dies kleipe, magere Männchen mit den langen weißen Haaren um das griesgrämige Schauspiekergesicht, mit einem Schimmer überragender Persönlichkeit. - Er jwar. überall zu Hause und hatte., nirgends ein Heim. Von .seinen 54 Lebensjahren verbrachte er wohl 40 auf Wanderungen. Ein fahrender Sänger des modernen Judentums und ein naives Ghettokind, das von der Heimatscholle losgerissen, in Der weiten Welt jeden Halt verlor. . Spott und Hochmut blieben ihm als einzige Waffe im harten Lebenskämpfe, bis er' in Trunksucht seinen wühlenden Schmerz erstickte. Ein echtes Produkt seiner Zeit und vielleicht der letzte Ausklang der traumhaften Ghettohelden, die sich Könige in ihrem Reiche dünsten, während sie im Leben als armselige Bettetzesellen dahinsiechten. Trotzig, . zügellos Hochmütig und zu Tode «gequält. Ein echter „König der «Schnorrer." . Als der frühreife Waisenknabe nach den üblichen Lehrjahren in seiner Heimatstadt Zloczow den Wanderstab ergriff, da gährte es ßchicksalsschwer in den jüdischen Volksmassen Galiziens. Wenn auch die Haslkala scheinbar zu versiegen begjam, entbrannte in den Niederungen des jüdischen Lebens ein wütender Kampf, den einerseits in jeder Gemeinde die Anhänger der Zaddikim und der Rabbiner Mt den Neuerern, andererseits jede jüdische Seele von tausend Kulturströmungen gerüttelt, mit sich selbst auszufechten hatte. So ritz auch der wachsende Ruf nach profaner Bildung den jugendlichen j,/Jluj" mit jäher Gewalt aus der Enge einer galizischen Kleinstadt. Und da er für ein hebräisches Festgedicht einen Kaiserpreis errang, stürzte er sich, vom Unerwarteten Erfolge angespornt, ,in die Fluten fremder Kulturen. Er trat die Wanderschaft an, wie Hunderttaüsende seiner Jugend- und Kampfgenossen, die im der neuen Lehre .Verheißung und Erlösung suchten und« in der .Fremde ihr Lebensglück zu finden vermeinten. Von Zloczow ging Jmber nach Brody, der damaligen Eingangs- und Ausgangspforte der galizischen Haskala, von Brody nach «Lemberg, wo bereits die ersten Vorboten jüdischer Wiedergeburt .sich zu rggen begannen. Kaum ausgereift unter dem flüchtigen Einfluß europäischer Bildung und jüdischer Renaissanceideen, durchwanderte Kr ganz Ungarn, Serbien und Rumänien, wo das Echo der eben tobenden Kriege auch die jüdischen Volksmassen aus der Erstarrung aufzurütteln begann. Konstantinopel, Jeru- Müm, «London, Newyork: dies waren einzelne Etappen seiner shchen ^Wanderschaft. In Rumänien schuf er seine „Hatikwa", in Palästina,, iwo er zchn Jahre verbrachte, schrieb er Lieder, die von tzlühender Begeisterung getragen, noch heute mäücherorts er- . klingen, in London ward ihm Zangwill zum Freund und Lehrer, durch ihn erlernte er das Englische, ward mit einem Schlage zum Leiter einer englischen Zeitschrift und in Amerika führte er ein Leben voll rasender Hast, wanderte von Newyork bis nach Kolorado und ging mit der Aureole eines Nationaldichters als Trunkenbold elendiglich zugrunde. . , * Ein Dämon ewiger - Unruhe wühlte zeitlebens in Jmbers Seele. Kaum reiste in ihm .die Saat des Talmud- und Midraschstudiums heran,' begann er mit wahrem Heißhunger die europäische Kultur in sich aufzunehMen. Kaum beherrschte er die primitiven «Grundlagen der Reimkunst, da fing er unermüdlich zu dichten an. Von deM Talmud warf er sich auf das Gebiet« abstrakter Philosophie, von der Philosophie ging er zur Geschichtsforschung -über und von all der Wissenschaft kam er schnurstracks zur dichterischen Betätigung. Ein »echter Ghettojünger, der aus der Bedrängnis hervorging, trug er einen elementaren Freiheitsdrang in sich, den er mit pilpulistischem ^Starrsinn auch im alltäglichen Leben zu betätigen versuchte. Er achtete keine Gesetze und mißachtete jede Autorität. Er wollte keine sozialen oder gesellschaftlichen Fesseln tragen' und dachte in. naiver Selbstüberhebung den Weltenlauf nach seinem Gutdünken senken zu können. Er dachte zu schieben und ward selbst geschoben. Unbarmherzig, ruckweise, grausam, wie es nur das Leben zu tun vermag. Und da der weltfremde Ghetto stürmer nicht nachzugeben verstand Md mit der Umgebung in stetem Kampfe lebte, wanderte er unermüdlich. Wanderte wie, em Bettler und - träumte hvie ein König. Fiktionen übermenschlichen. Strebens wurden ihm Zum Lebensinhalt. So dämMerte er dahm wie. schlafe trunken Zwischen Traum und Erleben — mit dem Fluch ewigen Kampfes und ewiger Enttäuschungen, bis er jeden Halt im realen Leben verlor und nirgends Fuß fassen konnte. ' * - Wie snt Leben, so war auch Jmber in seinen Werken. Ein stetes -Hasten und Drängen, ein stetes Zehren und' Sehnen, lauter Ansätze und Bruchstücke, wenig harmonischer Vollendung bei aller künstlerischen Reife. Ein starkes Sprachtalent, eine glühende Dichterseele, ein traumverlorener Schwärmer über herb bei allem Zartsinn, hoch-, trabend bei allem Maßhalten und oft ungelenkig trotz allen Formsinns. Jmber schloß sich mit dem ganzen Ungestüm seiner Seele " der Idee nationaler Wiedergeburt an unddie Zukunst des jü- Nr. 390 . dischen Volkstums wurde ihm zum Born schöpferischer Begeisterung. Glühende Liebe und Mitgefühl mit den Judemnassen, ein - stetes .Zurückgreifen in die Vergangenheil - und - mossianische Traum-- spiele der Zukunft bilden den Grundton seiner Dichtungen. Von Pinsler und Lilienblum übernahm er die Idee nationaler Wiedergeburt, von der Haskala den rücksichtslosen Befreiungsdrang und der damalige Dichterfürst I. L Gordon. ward " ihm zum Muster und Meister. Da ihm jedoch die Weite Gordonscher Gedanken abging, -bewegte' er sich in engen Grenzen elegischer Nationallieder, zumeist Freiheits- und Kampfesrufe voll schwunghaften Rhytmus, Mit pathetisch dahinrollenden Weisen. Die „Hatikwa",. die zum Nationallied, wurde, „Massat schanrron" und ,.Mischmar hajarden" gehören zu den besten. Die „Hatikwa", das hoffnungsstrahlende Flaggenlied'-der-aufstreb enden Judenmassen, ragt wohl als Kunstwerk 'nicht weit über das Durchschnittsmaß üblicher Nationallieder hervor. Jedoch durch das herzinnige, soziale Gefühl, das sich hier offenbart, durch die. allmählich/ auflodernde Hoffnung, die aus den Tiefen der Volksseele Mit den äufschwellenden RhytMen des Verses geradezu zur jauchzenden Lebensgier emporwächst, wirkt dieses Lied -erhebend und hinreißend. Auch „Mischmar hajarden", „Massai schamron" und .die große Zahl von nationaler Begeisterung getragener Lieder weisen diese Vorzüge auf: Musikalischen Sinn trotz brüchiger Reime, schlichten jVolkston trotz hochtrabendem Pathos und tiefes Mitgefühl fürs unendliche Leid der Judenmassen trotz aller Anmaßung eines «über den Dingen stehenden Epikers. Die Meliza, die Phrase, die der haskälistischen Dichtkunst das Gepräge verleiht, beherrscht .auch Jmbers Dichtungen. Für das Persönliche findet sich daher wenig Raum. Kaum einige Lieder, in denen sich die zerklüftete Dichterseele, 'die, unter einem tragischen -Lebensschicksal zusammenbrach, unmittelbar offenbart. So. ivft jedoch Jmber sich über die Grenzen des Nationalen hinauswagt und eigenen Gefühlen freien Lauf läßt,, dringt sogleich das persönliche stärke Erleben einer Dichterseele hervor. Schon in den Gedichten^ die an der Grenze dieser zweier Dichtungsarten stehen, kommt dies Befreiende zur Geltung, wie im Liedei „Mrkra": „Ost wanderte ich im schönen Mai Unter schattigen Palmen, Getrillert ein «Liedchen auch dabei Aus längst verklungenen Psalmen." Ergreifender wirken die rein lyrischen Gedichte,, die eine zarte,, vom tiefen Kummer erdrückte Dichterseele offenbaren, wie das im Wichten Volkston eines Wiegenliedes innig wirkende Gedcht „Hagdi" mit dem traurigen Auftakt „Gedenkst du» b Mutier", oder das von einem starken Lebenswillen durchflutete „Hakos wehamajim" mit den echt romantischen Versen: „Meine Tränen sind wie Regen..." , Erschütternd endlich wirkt seine „Schewua" (Eid), mit dem Vermächtnis eines zu Tode gequälten Dichters. - Doch über all dem Dichtwerk Jmbers lastet allzu schwer der Schein des Gelegentlichen. Wie der fahrende Sänger, so . waren auch seine Lieder. Zerfahren, unvollendet, «voll innerer Unruhe und Zwietracht. Ein Dichter, der zu einem gesammelten Schaffen und Reifen keine Muße fand und ein jüdischer Dichterling, der an der Tragik ewiger Heimatlosigkeit kranfte..-. Trotz alledeM muß ihm eine bahnbrechenden Bedeutung eingeräumt -werden: Jmber w ar der er ste Romantiker in der hebräischen Literatur der-Neuzeit und dererste. dichterische Widerhall der erwachenden Jüdenmassen Eali- - ziens. Die ganze Dichtergeneration der Haskala in Rußland vermochte nicht die eisernen Fessel der Bibel zu sprengen. Dem aus den niedersten Volksschichten hervorgegangenen Jmber war es gegönnt, ganz unwillkürlich als erster in diese Mauer religiöser Pathetik und weltentrückter Scheindichtung eine Bresche zu schlagen und lange vor Bialiks >,El Hazipor" durch naive, wenn auch 'ungelenkige, Volkslieder, Gefühle des alltäglichen Lebens, wie Hätz und Liebe« Begeisterung eines Raturschwärmers und Groll einer -leidenden Seele zuM Ausdruck zu bringen. Ein- Gedicht wie: .„Meine Tränen sind wie Regen" mochte im Zeitalter, wo die deutsche Romantik bereits zur Vergangenheit gehörte, etwas Alltägliches und Stereotypes gewesen sein — in der hebräischen Literatur der-Achtziger Jahre war es ganz neuartig und erwächst zuim Vorläufer der Natur- und Liebesliedereines Bialik und Kähan. ' - ’■ : | Soll man es lediglich einem Zufall zuschreiben, daß gerade" in Galizien der erste natürliche Gefühlston erscholl nach demhaskalischen Gedörr dichtender Dialektiker? Glimmte dock gerädü in Podolien und in den Karpathengebieten der Chassidislmus mit seinem illeberschwung von Gefühlen und mystischer Glut. Dieser grandiose «Versuch religiöser Erneuerung breitester Volksmassen - bedeutete eben die Abkehr von.rabbinischer Schablone und' in-Eali-tz zien und der Ustärne -erblühte «eine chassidische Legendensäat, die aus einem tiefen- BöKsgefühl hervorquoll und zu einer üamen-i losen Volksdichtung der JudenMässen Galiziens hinüb erleitetä. ' - In den Liedern JMbers brütet noch dumpf der - lange' gefesselte (Schöpserdrang von Millionen, der erst' nach Form, Aus- Dr. Bloch's- Wochenschrift