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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1917-10-12 · 39 (12.10.1917) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
34 (1917)
Issue
39 (12.10.1917)
Date
1917-10-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Seite 643 V Nr. 39 Dr. Btvch's Wochenschrift Habe lnedergebWnnt... und abermals brach über uns die Flut des Leidens herein! Und sind wir hier ohne Kleider, ohne Geld! und ohne unsere Angehörigen. . . Ein heißer, sorgenschwerer Tag folgt dem anderen. Unsere Kinder und Waisen flehen mit' Brot. Sie* bitten nicht, weinen, schauen, flehen nur mit ihren großen, trau!- rigen Augen . . . Unsere Töchter, unsere zukünftigen Mütter, gehen Zerfetzt abgerissen. . . .! Wohin wird das führen, wohin? Und der Erzähler sinkt ^gebrochen nieder. . . . An der Front, im September 1917. Bela Szeren y, „Zsido Szemle", Budapest. Wer ist der Geisteskranke? Dem Kopenhagener „Wochenblatt" entnehmen wir den folgenden beachtenswerten Aufsatz: Ter liberale Deputierte Mr. L. Smith brachte letztens im englischen Parlament eine Interpellation in Angelegenheit des jüdischen Offiziers Leutnants Sassoon ein, der wegen eines gegen den Krieg gerichteten Brieses in eine Nervenheilanstalt interniert wurde. Laut Ausführungendes Interpellanten hatte sich S a s s o o n am ersten Tage des Krieges Freiwillig als einfacher Soldat gemeldet, sich später an der Front durch seine besondere Tapferkeit die Kriegsinedaille erworben und wurde vor nicht langer Zeit in Anerkennung seiner militärischen Verdienste zum Leutnant ernannt. Der Brief Sassoons, um den es sich hier han- . delt, hat folgenden Wortlaut: „Ich mache diese Erklärung als bewußten Angriff gegen die militärische Macht, weil ich der Meinung bin. daß der Krieg mit Absicht! verlängert wird von jenen, 'in.deren Macht es liegt, ihn zu beenden. Ich bin Soldat uttd ich bin. iiberjzengt, im Namen der Soldaten zu sprechen. Ich bin von dem Glauben durchdrungen, daß der Krieg, in den ich als in einen Krieg für Veriteidigung und Befreiung. eingetreten bin, nunmehr zu einem Angriffs- und Eroberungskrieg geworden ist. Ich' Meine, daß die Ziele, für welche ich und Meine Soldatenbrüder in den Krieg gezogen sind, so klar und deutlich hätten verkündet werden müssen, daß eine Aenderung derselben ausgeschlossen bleiben müßte. Wäre das geschehen, so hätte Man diese Ziele jetzt durch Verhandlungen erreichen können. Ich habe die Leiden der Sol- baten selbst gesehen und mitgelitten. Ich rann nicht länger Mitwirken mr der Verlängerung dieser Leiden für eine Sachedie Meiner Ueberizeugung nach eine schlechte rrnd ungerechte ist. Ich protestiere nicht gegen die Art, wie der Krieg geführt wird, sondern gegen die politischen JrrtüiMer, gegen die Unaufrichtigkeit, für welche die ‘ kämpfenden Menschen hingeopfert werden. Im Namen derer, welche leiden, protestiere ich. gegen die ihnen aufgezwungene Enttäuschung. Und ich hoffe, daß ich damit beitrage Zur Beseitigung der Gleichgültigkeit, mit welcher die Mehrzahl der Daheimgebliebenen die Fortsetzung der Todeszuckungen' betrachtet, an denen sie selbst nicht beteiligt find und die mitzuempfinden, es ihnen an Vorstellungskraft gebricht." Der Staatssekretär für Kriegsangelegenheiten beantwortete die Anfrage dahin, daß er die telegraphische Mitteilung erhalten habe, daß Leutnant S a s s o o n durch seinen Brief die Disziplin verletzt habe, von einer militärischen Verfolgung jedoch Abstand genommen worden sei, weil die Aerßte erklärt, haben, daß Sassoon an einer Nervenerschütterung leide und daher, für seine Handlungen. nicht 'verantwortlich gemacht werdenkönne. Auch, die Militärbehö rden Find! sauf Grund des Briefes zu dem Schlüsse geLangt-/ haß, .-bersDffHier/der'-sich.-jan der Front durch seinen Heldenmut ausgezeichnet hatte, jetzt den Verstand verloren habe. Einen solchen Bericht ohne jeden Kommentar bringen die Londoner Blätter, und e% drängt sich jedem von uns die Frage auf: „Haben die Aevzte recht Und ist der Inhalt des obenzitierten Briefes wirkliche ein Beweis dafür, daß der Schreiber desselben, der jüdische Offizier, feinen Verstand eingebüßt hat? Leiden nicht vielleicht die Aevzte selbst >an den Wahnsinn, der jetzt die gesamte Menschheit erfaßt und >auch die klugen Schüler Aeskulaps nicht verschont hat? Oder, was wahrscheinlicher ist, wurde ihnen ein Wink gegeben, eine solche Diagnose über den Geisteszustand des Offiziers abzugeben? Welchen anderen Ausweg hätte auch eine Militärmacht einem Menschen MWEver, der ihrer Gewalt untersteht, der aber den Mut besitzt, offen auszufprechen. was er im! Innern fühlt? Er zog aus, zu „verteidigen" und zu „befreien" — das waren doch Englands Gründe für seinen Eintritt in den Krieg — und heute wird Ihm an-- besohlen, zu erobern und zu knechten, trotzdem die Führer noch immer die ersten, ursprünglichen Kampflofungen im Munde führen.- Cr kämpfte heldenmütig auf den Schlachtfeldern, so lange er den Glauben hatte, für Ideale zu kämpfen, die ihm vorgezeichnet wurden. Jetzt aber, da er einsieht, daß alles Lng und Trug ist, legt er das Gewehr nieder und sagt offen, weshalb er es tut. Dieser Mensch wird für verrückt erklärt, weil er die Falschheit und Unehelichkeit derer, die heute noch mutwillig den Krieg vevlängern, selbst aber in Sicherheit zu Hause sitzem in -die Welt Hinausrust. Ist er wirklich geisteskrank? Lind es nicht vielmehr diejenigen, die er anklagt . . .? Wien. (Fast-und Bit tag für den Frieden.) Tie. hier weitenden orthodoxen Näbbiner aus Galizien und der Bukowina haben beschlossen, den kommenden Erew-Rosch-Ehodesch Cheschwan als' allgemeinen jüdischen Fast- und Bittag für den Frieden zu bestimmen. An diesem Tage sollen sich die Juden in den -Gotteshäusern versammeln und Gebete für einen baldigen Frieden verrichten. Eine Anregung. Bon N. Lothringer. Ter berühmte deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz besuchte den großen jüdischen Philosophen Baruch Spinoza im Haag. Die Philosophen haben einander persönlich nicht gekannt, obgleich sie im regen Briefwechsel standen, zumal Leibniz dem Spinoza öfter Aufträge zum Schleifen von Linsen gab. Nach einer längeren Unterhaltung über wissenschaftliche Fragen verneigte sich L e i b n i z vor S p i n o z a und sprach: „Zum erstenmal beuge ich mein Haupt vor einem Juden." Darauf erwiderte Spinoza in selig-erhabener Gelassenheit: „Unzählige Millionen Ihresgleichen Liegen feit vielen Jahrhunderten im Staube vor meinem jüngeren Bruder — Jesus Christus." Der Philosoph hat die alte Binsenwahrheit, daß das Christentum feine ethisch-religiösen Satzungen aus der Bibel, der Tradition Hillels des Alten und dem jüdischen Geiste schöpfte, in dieser Form nur wiederholt. Wie muß es' nun wehtun, wenn man wahrnimmt, daß es Juden gibt, welche die Moralische Kraft ihres Volkes nicht kennen, dienen der edle Stotz, der aus dem Bewußtsein der Stammdsgröße entspringt, abgeht. Das Grundübel liegt eben in der Unwissenheit, gegen die unsere Weisen Mit den schärfsten Waffen. ihres Geistes

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